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Kultur&Gemeinschaft

Interview
Der letzte Wunsch vorm Tod: Carpaccio und Cabrio

Manche Menschen wissen ganz genau, wie sie von dieser Welt Abschied nehmen möchten. Andere haben nicht einen einzigen Wunsch. | Bild: Judith Hartmann

Interview Der letzte Wunsch vorm Tod: Carpaccio und Cabrio

Manche Menschen wissen ganz genau, wie sie von dieser Welt Abschied nehmen möchten. Andere haben nicht einen einzigen Wunsch. | Bild: Judith Hartmann
 

28 Jun 2021

Was wünschen wir uns kurz bevor wir sterben? Laut etlichen Filmen ist es eine Reise ans Meer. Doch die Wahrheit sieht nicht immer so filmreif aus. Sandra Kleber ist Pflegerin in einem Hospiz und spricht über all die Dinge, die kurz vorm Tod auf einmal wichtig werden.

Judith Hartmann

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020

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Sandra, du betreust Menschen, die unheilbar krank sind. Wie viel wird hier im Hospiz denn dann gelacht?

Hier wird wahnsinnig viel gelacht. Als ich an meinem ersten Tag hier reingelaufen bin, hat es direkt aus der Küche heraus gelacht. Dann dachte ich mir: „Boah, cool! Wie heimelig ist es denn hier? Hier bleib ich!" Und wenn wir mittags alle Kaffeeklatsch im Garten machen, dann lacht es aus jeder Ecke.

Sandra strahlt übers ganze Gesicht, während sie über ihre Arbeit im Benild-Hospiz in Illertissen spricht. Wer sie jetzt hier um 22 Uhr in ihrem pinken Oberteil sehen würde, käme bestimmt nicht auf die Idee, dass sie gerade eine Nachtschicht hat und sich um acht schwerkranke Hospiz-Gäste kümmert.   

Was sind das für Menschen, die zum Sterben ins Hospiz kommen?

Die meisten sind an Krebs erkrankt. Unser jüngster Gast war 28 Jahre alt und die älteste Bewohnerin 97 Jahre. Die meisten bleiben ein paar Wochen bis Monate. Manchmal auch nur eine Stunde. Das hatten wir erst vor ein paar Tagen. Der Gast kam leider viel zu spät. Sowas finde ich ungeheuerlich (schüttelt den Kopf). Aber wir haben hier auch schon Gäste wieder so aufgepäppelt, dass sie wieder ausgezogen sind. Aber irgendwann kommen die dann auch wieder, denn unheilbar krank sind alle Menschen, die ins Hospiz kommen.

Jetzt ist es ja schon 22 Uhr. Was passiert denn jetzt im Hospiz?

Also nachts schlafen unsere Gäste. Also im besten Fall schlafen sie (blickt lachend zu ihrer Kollegin). Dann schaffen wir hier im Hospiz Ordnung. Außer jemand liegt im Sterben. Dann haben wir nachts viel mehr Zeit als tagsüber und setzen uns oft einfach eine Stunde mit ans Bett. Wir versuchen, einfach da zu sein und eine Zuhause-Stimmung zu schaffen, nicht wie in der Klinik.

Zuhause-Stimmung im Hospiz?

Genau. Das geht schon morgens los, da frühstücken wir alle zusammen. Wenn da aber lieber jemand bis 11 Uhr ausschlafen möchte, dann schläft er eben bis 11 Uhr. Mittags können sich unsere Bewohner dann in den Garten setzen, mit Angehörigen Zeit verbringen oder auch mit ambulanten Hospizbegleitern spazieren gehen, Spiele spielen oder sich etwas vorlesen lassen. Und wenn sich jemand etwas bestimmtes zum Mittagessen wünscht, dann kochen wir hier auch gerne ein paar Lieblingsessen.

Was haben eure Gäste denn neben einem Lieblingsessen noch für letzte Wünsche?

Also, ans Meer fahren und da einen großen Abschied feiern wie in den Roadmovies, solche Wünsche sind das nicht (lacht). Oft sind es ganz banale Sachen: keine Übelkeit, keine Schmerzen oder auch einfach der Wunsch, nicht alleine zu sein. Einige möchten auch ein letztes Mal nach Hause fahren, mit der Familie im eigenen Garten sitzen und eine gute Tasse Kaffee trinken. Wir hatten aber auch mal einen Gast, der ist kurz vor seinem Tod noch ein paar Runden Cabrio mit seiner Frau gefahren. Für etwas größere Wünsche gibt es auch noch den „Wünschewagen" des Arbeiter-Samariter-Bund (ASB). Der ist schon ins Fußballstadion oder an den Bodensee gefahren. Ja, an den Bodensee, da möchten viele nochmal hin (schmunzelt).

Eine Frau, die lächelt. Sandra Kleber lässt sich bei ihrer Arbeit im Hospiz das Lachen nicht nehmen. | Bild: Judith Hartmann

Welchen Wunsch vergisst du nie?

Also das Beeindruckendste war eine Frau, die wirklich ganz genau wusste, wie alles ablaufen soll. Sie ist mit dem „Wünschewagen" an den Bodensee gefahren, obwohl wir uns nicht mal sicher waren, ob sie bis zur Fahrt überhaupt noch lebt. Aber die hat sich so am Riemen gerissen, dass sie nach der Tour noch Wein und Schnaps mit uns getrunken hat. Abends gab es dann noch eine richtige Familienparty und, weil sie sich das gewünscht hat, haben wir noch Carpaccio gemacht. Ich weiß noch, wie wir dann alle in ihrem Zimmer saßen und Carpaccio gegessen haben (lacht herzhaft). Und dann am nächsten Tag hat sie ihre ganze Familie einbestellt und hat gesagt: „So, jetzt sterbe ich!“ Und das hat sie dann auch gemacht. Also, die Frau war echt klasse!

Also gibt es doch einen schönen Tod?

Hier können viele wirklich schön sterben und in Würde gehen. Aber nicht jedem fällt das so leicht. Manche können nicht sterben, bevor sie bestimmte Dinge geklärt haben. Dann spielen sich hier richtige Familiendramen ab. Am Sterbebett kam schon alles Mögliche ans Licht: Kinder aus erster Ehe, aber auch eine Vergewaltigung, über die nie gesprochen wurde. Hier tun sich wirklich menschliche Berge und Täler auf. Letztens hatten wir einen Gast, der seiner Tochter nie gesagt hat, dass er nicht ihr leiblicher Vater ist. Die Tochter wusste das aber schon seit Jahren, nur hatten beide nie darüber gesprochen. Ein paar nehmen ihre Geheimnisse aber auch mit ins Grab.

Gab es Gäste, die du schon persönlich kanntest, bevor sie ins Hospiz kamen?

Ja.

Sandra nickt. Auf einmal ist die lachende, humorvolle Krankenschwester überraschend ruhig.  

Ich wohne nicht weit von hier, da kannte ich manche unserer Gäste schon, bevor sie zu uns ins Hospiz kamen. Eine Kollegin von mir hat die letzten sechs Wochen ihre beste Freundin im Hospiz gepflegt. Das war sehr emotional (atmet tief durch).

Auf einmal klopft es an der Tür. Eine Pflegerin schiebt den Kopf ins Besprechungszimmer. „Du, Sandra, Zimmer 4. Ich setze mich mal dazu, da möchte ein Gast gerade nicht alleine sein.“ Auf einmal spürt man, wie nah der Tod in diesem Haus ist. Pro Jahr sterben im Benild-Hospiz rund 130 Menschen. Sandra lernt sie alle kennen.

Und wie sprecht ihr es an? Also den Tod?

Wir sind einfach ehrlich und reden nicht um den heißen Brei herum. Manche Ärzte haben die Gabe, überall noch einen Funken Hoffnung durchklingen zu lassen. Manchmal sind wir Dolmetscher und sagen: „Jetzt ist keine Hoffnung mehr gegeben. Jetzt geht’s ans Eingemachte." Dann spürt man oft, dass sich manche mit dem nahen Tod noch gar nicht auseinandergesetzt haben.

Was antwortest du, wenn jemand sagt, er will noch nicht sterben?

Ich versuche, ehrlich zu sein und zu sagen, wie die Situation nun mal ist. Dann heißt es manchmal: „Was, ich sterbe doch noch nicht bald." Aber so ist es eben doch. Leider. Wir versuchen, vorsichtig an das Thema heranzuführen. Beim Einzug bekommt jeder Gast eine Erinnerungsseite in unserem Buch. Die gestalten Angehörige, Bekannte und der Gast selbst.

Sandra holt ein Buch voller bunter Seiten. Einige sind von oben bis unten vollgeschrieben. Durch Fotos bekommen die Gäste des Hospizes auf einmal ein Gesicht. Hinter jeder Seite steckt eine Persönlichkeit, aber eben auch eine unheilbare Krankheit. Sandra zeigt auf das Foto einer Frau.

Ach, die war auch cool. Da gab es mal vier Frauen, die waren gleichzeitig im Hospiz. Die haben immer Kaffeeklatsch im Garten gemacht. Das war total nett, die haben immer lachend im Garten gesessen. Aber als dann die erste aus der Gruppe gestorben ist, haben die eben auch gemerkt: Jetzt wird’s ernst.

Sandra öffnet die große Terassentür. Obwohl es dunkel ist, erkennt man den riesigen Garten voller Blüten und Sträucher, in der Mitte ist ein kleiner Springbrunnen. Sandra grinst.

Hier saßen dann die Damen immer beim Kaffeetrinken. Den Garten lieben viele unserer Gäste. Manche wünschen sich auch, hier draußen zu sterben. Dann schieben wir das Bett in den Garten und spannen ein Sonnensegel.

Alle Gäste, die hierher kommen, sterben bald. Du kannst niemanden mehr gesund pflegen. Trotzdem strahlst du. Wie machst du das?

(schmunzelt) Die Dankbarkeit der Gäste und Angehörigen ist so riesig, das gibt mir Kraft. Ich habe früher im Krankenhaus gearbeitet, da hatte man kaum Zeit für ein langes Gespräch. Im Hospiz kann man sich die Zeit nehmen und sich wirklich kümmern. Wir pflegen aber nicht nur unsere Gäste, sondern wir pflegen uns auch gegenseitig im Team. Wenn es mir nicht gut geht, werde ich von meinen Kollegen aufgefangen. Wobei, eigentlich habe ich das ganz selten, dass es mir mal nicht gut geht (lacht). Das Schöne sind auch einfach unsere Gäste. Viele lassen sich nicht hängen und sind freudig, obwohl es ihnen eigentlich beschissen geht. Hier wird einfach schön gestorben. Das ist, was das Ganze hier ausmacht.

Im bunten Erinnerungsbuch hat eine Schulklasse eine Seite für den verstorbenen Hausmeister gestaltet. | Bild: Judith Hartmann
Die farbenfrohen Möbel des Benild-Hospiz sollen ein Zuhause-Gefühl vermitteln. | Bild: Judith Hartmann