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Kultur&Gesellschaft

Armut
Wie ich herausfand, dass ich arm bin.

Die einfache Unbeschwertheit eines Kindes. | Bild: Karolina Justus

Armut Wie ich herausfand, dass ich arm bin.

Die einfache Unbeschwertheit eines Kindes. | Bild: Karolina Justus
 

25 Feb 2022

Ich dachte lange, arm sein heißt, nicht ausreichend Essen zu haben oder auf der Straße leben zu müssen. Und ja, das ist Armut. Aber Armut hat mehrere Facetten – ist nicht immer von außen, oder gar von innen erkennbar. Für mich war es das jedenfalls lange Zeit nicht.

Karolina Justus

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
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Es gibt Kinder, die sich in der achten Klasse auf das Landschulheim freuen und Kinder, die mit gesenktem Kopf und einem Zettel in der Hand zur Klassenlehrerin gehen, um ein Förderungs-Papier unterschreiben zu lassen. Es gibt Kinder, die nach der Schule Klavier- oder Reit-Unterricht haben und Kinder, die für sich und ihre Geschwister Mittagessen kochen. Es gibt Kinder, die keine Lust haben, ihr Zimmer aufzuräumen und Kinder, die sich eines zu dritt teilen.

Es gibt Kinder und es gibt „benachteiligte" Kinder. Erst kürzlich fand ich heraus, dass ich eines dieser „benachteiligten" war. Jedoch habe ich das nie so empfunden: Meine Mutter hat meine beiden Schwestern und mich allein großgezogen. In einem Land, dessen Staatsangehörigkeit sie zwar immer hatte, dessen Sprache sie jedoch nicht kannte. Meine Familie kam kurz vor meiner Geburt als sogenannte Späteinsiedler aus Kasachstan nach Deutschland. Niemand in meiner Familie hatte bis dahin studiert – wir sind Arbeiter*innen. So war es für mich auch logisch, dass wir weniger Geld hatten als andere Familien. Dass es zum Ende des Monats hin mal knapp wurde, war nicht die Ausnahme, eher die Regel. Wenn es gut lief, gab es pro Woche für mich und meine Schwestern jeweils einen „Joghurt mit der Ecke" – mehr war nicht drin.

Wenn meine Mutter mit den Kontoauszügen zwischen ihren Fingern aus der Bank zurück ins Auto kam, sah ich ihren Kummer. Ihre Haltung, ihr starrer Blick, die zusammengezogenen Augenbrauen: Alles verriet sie. Sie schloss die Autotür auf, setzte sich hinter das Steuer, drehte geistesabwesend den Autoschlüssel im Zündschloss. Ich prüfte mit ihr, ob von links oder rechts ein Auto kam, traute mich nicht, die Stille zu brechen. Wenn wir dann eine Weile wieder auf der Straße fuhren, sagte sie immer: „Nicht so schlimm, Schatz. Wir schlagen uns da durch, wir kriegen das hin, wir müssen nur zusammenhalten. Прорвёмся.“*

Das erste Semester: Ich beschäftige mich im Rahmen eines Seminars damit, wie Armut in Familien die Bildungschancen von Kindern beeinträchtigt. Die Recherche ist lang und ausführlich und mit jeder Seite, die ich lese, begreife ich: Diese Seiten meinen mich. Denn in Deutschland werden Menschen, deren Monatseinkommen unter 60 Prozent des Durschnittseinkommens beträgt, als arm eingestuft. Es gibt noch unzählige weitere Definitionen von Armut. Aber diese traf auf uns zu. 

Ich hatte alles, was ich brauchte. Immer. Warme Klamotten, genug Essen im Kühlschrank, eine Mutter, die alles für mich getan hätte und Schwestern, die mich mit-erzogen haben. In meinem Kopf war ich nie arm. Nun zu wissen, dass rund 20 Prozent der Kinder in Deutschland von Armut betroffen sind und ich zu ihnen gehöre ist erschreckend aber auch (irgendwie) tröstlich. Tröstlich, weil es mir eine Zugehörigkeit gibt, meine streckenweise schlechten Schulleistungen erklärt und weil es mir die Erlaubnis gibt, mich zu brüsten: 70 Prozent der Kinder, die in einem Akademiker-Haushalt aufgewachsen sind, studieren. Dabei sind es bei Kindern, die so oder ähnlich aufgewachsen sind wie ich, nur 20 Prozent. Glückwunsch! Du bist die eine von fünf. Zwar nicht ganz „One-in-a-Million“, aber du kannst dir trotzdem auf die Schulter klopfen. Du bist eine statistische Auffälligkeit, hast es geschafft: den ersten Schritt in Richtung Akademiker-Schicht, in Richtung besser-situiert, kultiviert – „bevorteilt“.  

Und gleichzeitig frage ich mich, was mit den anderen 80 Prozent ist. Die vier von fünf, die es nicht schaffen. Dabei möchte ich in keiner Weise die Meinung unterstützen, man könne nur glücklich werden, wenn man studiert hat. Das halte ich für völligen Quatsch. Nichtsdestotrotz führt Bildung aus Armut heraus. Kein Abitur zu haben bedeutet gleichzeitig Nachteile auf dem Arbeitsmarkt. Die Bildungsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) besagt, es würde fünf Generationen dauern, bis ein Kind aus „benachteiligten“ Verhältnissen das Durchschnittseinkommen des jeweiligen Landes verdient. Bei vielen taucht die Option eines Studiums nicht auf dem gedanklichen Horizont auf. Einfach, weil es ihnen nicht vorgelebt wurde, ein Studium keine Selbstverständlichkeit ist – und nie war. Die Hürde der Angst ausgegrenzt zu sein, und das Studium nicht finanziert zu bekommen, ist zu groß. Es fehlen Ansprechpartner*innen, es fehlt Orientierung – „benachteiligt“.

Wer oder was ist OECD?

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist eine internationale Organisation, die sich für eine Politik einsetzt, die Wohlstand, Gerechtigkeit, Chancen und Lebensqualität für alle sichern soll. Sie besteht aus 38 Mitgliedsstaaten und ist auch die Organisation, die die PISA-Studien durchführt.
Quelle: https://www.oecd.org/ueber-uns/

Das zweite Semester: Ein Professor möchte uns anhand eines Beispiels ein Modell verdeutlichen. „Erinnern Sie sich daran zurück, wie Sie mit Ihren Eltern um 20 Uhr im Wohnzimmer saßen und Tagesschau geguckt haben.“* Ich schmunzele. Eine solche Erinnerung habe ich nicht. 

„In […] Deutschland geht eine überdurchschnittliche Bildungsungleichheit mit unterdurchschnittlichen Leistungen einher.“ Heißt es im Bericht der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000. Diese Diskrepanzen könnten behoben werden, wenn man es schaffen würde, die Auswirkungen der sozialen Herkunft auf die Schulleistungen zu verringern. Nur leider passiert das nicht. In der letzten PISA-Studie von 2018 befindet sich Deutschland im OECD-Länder-Vergleich immer noch im unteren Drittel. Nach 18 Jahren ist nach wie vor ein krasser Zusammenhang zwischen den Lernkompetenzen und der sozialen Herkunft zu erkennen. Bei Kindern, die einen Zuwanderungshintergrund in erster oder zweiter Generation haben, sind die Unterschiede noch größer. Bildungsgerecht wäre ein Staat, in dem Arbeiterkinder genauso oft studieren wie Akademikerkinder. Einen solchen gibt es nicht. Selbst Staaten, die bei Bildungsstudien gut abschneiden, können das nicht von sich behaupten. Für Deutschland also eine Utopie.

Wer oder was ist PISA?

Die PISA-Bildungsstudie ist eine internationale Schulleistungsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Sie wird alle drei Jahre durchgeführt und prüft kein Faktenwissen ab, sondern die Fähigkeit der Schüler*innen bestehendes Wissen zu verknüpfen und sinnvolle Zusammenhänge herzustellen. Zuletzt nahmen 79 Länder an der Untersuchung teil, darunter 36 OECD-Staaten.
Quelle: https://www.oecd.org/berlin/themen/pisa-studie/

Wenn ich auf Reisen mit Menschen aus Frankreich, Schweden oder England gesprochen habe, waren sie meist verwundert darüber, dass wir in Deutschland nach der vierten Klasse in drei Schularten aufgeteilt werden. „Wie kann man einem zehnjährigen Kind einfach sagen, es sei nicht klug genug, um Abitur zu machen?“* Davor habe ich dieses System nicht hinterfragt. So war das eben. Fünfte Klasse – Realschule. Denkt man länger darüber nach, kann einen diese Einteilung schon sehr an die Ständegesellschaft im Mittelalter erinnern – Adel und Klerus, darunter die Bauern. In Ländern wie Kanada und Finnland, die bei der PISA-Studie gut abschneiden, gibt es diese „frühe soziale Selektion“ gar nicht. In Finnland gehen die Schüler*innen nach der Grundschule bis zum 15. Lebensjahr in die sogenannte Einheitsschule. Erst danach wird in Berufsfachschule und Gymnasium unterschieden. Offensichtlich ist es in Deutschland möglich, das Abitur über den zweiten Bildungsweg nachzuholen. Dennoch bekommt man bereits sechs Jahre davor der Stempel aufgedrückt, dazu wohl eh nicht in der Lage zu sein. Viel konstruktiver wäre doch, man würde alle mitziehen. Im Alter von 15 oder 16 Jahren kann dann immer noch selektiert werden. 

Das dritte Semester: Ich nehme mit einem guten Freund einen Podcast zum Thema Freundschaft auf. Uli ist ein paar Jahre älter als ich und hat mich in meinem Leben in vielerlei Hinsicht inspiriert. Er war es auch, der mich überhaupt auf die Idee brachte, zu studieren, der mir Mut machte. „Na klar machst du das. Locker kriegst du das hin.“*

Ich bin froh, studieren zu können, über BAföG, und dass meine Mutter arm genug ist, dass ich Anspruch darauf habe. Dieses Thema hat so viele Facetten, so viele Überschneidungen mit meinem Leben. Wo fange ich an? Bei der Armut, den multikulturellen Erfahrungen, meiner Kindheit, meiner Ausbildung? Wie viele gibt es, die ähnlich aufgewachsen sind wie ich? Wie viele von ihnen haben niemanden, der ihnen Mut zuspricht – ihnen hilft? 

Es gibt Kinder, die in Armut aufwachsen, die in Armut bleiben. Es gibt Kinder, die studieren, eines von fünf. Ich war alle diese Kinder, ich bin keines davon.

* Die Zitate sind sinngemäß aus meiner Erinnerung zitiert und wurden nicht wortwörtlich so gesagt.