Die „Nachtschwärmer“ verzaubern das Publikum und entführen es in eine andere Welt. | Bild: Christian Leuoth

Interviews Kleinkunstszene
„Es sind die kleinen Begegnungen, die besonders sind“

Die „Nachtschwärmer“ verzaubern das Publikum und entführen es in eine andere Welt. | Bild: Christian Leuoth

02 Sep 2020

Aus fast drei Metern Höhe schaut ein Mann auf den Boden hinab, gibt mit einem Lächeln im Gesicht mehreren Stadtbummlern die Hand und bewegt sich mit großen Schritten weiter durch die Menschenmasse. Nicht nur das Klacken der Stelzen auf dem Asphalt macht auf ihn aufmerksam, sondern auch seine Verkleidung. Hinter einem bunt bemalten Gesicht und einem noch bunteren Kostüm verbirgt sich Christian Dirr. Er ist Stelzenläufer, Feuerspieler, Jongleur und Freudenschenker.

Anna Tschürtz

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
seit Sommersemester 2019
GesellschaftKulturPolitik

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Was bedeutet Ihnen Ihr Beruf?

Ich mache das schon seit 25 Jahren und trotzdem immer noch gerne. Das hat mir ermöglicht, dass ich mit und von einer Kunst so lange leben kann. Das ist ein Privileg und nicht selbstverständlich. 

Eigentlich haben Sie Diplom-Pädagogik studiert. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Stelzentheater zu gründen?

Ich glaube, es gibt nicht dieses eine Erweckungserlebnis. In der Schule hatte ich einen Lehrer, der gesehen hat, dass ich Spaß am Jonglieren hab, und der mich ermuntert hat, weiterzumachen. Über einen Auftritt, den er organisiert hat, hab ich Kontakt zu Leuten aus der Kleinkunstszene bekommen. Während meines Studiums ging es dann Schrittchen für Schrittchen weiter und ich hab das immer weiter ausgebaut. Ich hatte schon viele Auftritte und es kamen mehr und mehr Anfragen und irgendwann hab ich mir mein Studium damit finanziert. Auch in dieser Zeit hab ich schon angefangen mit Kollegen zusammenzuarbeiten.

Was passierte dann nach Ihrem Studium?

Als ich mit meinem Studium fertig war, habe ich gemerkt: „Eigentlich leb ich schon davon.“ Steuerlich war ich auch gemeldet. Da nach dem Studium nicht der Job auf mich gewartet hat, den ich unbedingt haben wollte, hats mir einfach Spaß gemacht, das weiterzumachen. 

Was gefällt Ihnen am besten daran, selbstständig zu sein?

Ich habe sehr viel Spaß daran, mein eigener Herr zu sein und meine eigenen Projekte zu machen. Ich glaube, ich bin auch der Typ dafür, der sich selbst motivieren kann und Spaß daran hat, so einen winzig kleinen Betrieb am Laufen zu halten. Heute ist er mein größtes Stelzen-Standbein. 

Hatten Sie auch Angst, dass es schiefgehen kann? 

Eigentlich hatte ich nie so viel Angst, da ich schon während dem Studium wusste, dass es funktioniert. Ich wusste auch immer, dass es einen Weg zurück gibt und ich andere Möglichkeiten habe. 

Was hat Ihnen diese Sicherheit gegeben?

Ich hab versucht, mich immer breit aufzustellen, mich nicht nur von einer Sache oder von einem Showprogramm abhängig zu machen, sondern immer auch in sehr vielen verschiedenen Bereichen unterwegs zu sein. Für mich ist das Besondere, dass ich mir selbst dabei nie zu langweilig werde.

In welchen Bereichen sind Sie genau unterwegs?

Ich biete Showprogramme mit Jonglage und Artistik an und mache da sehr viele Licht- und Feuershows. Das mach ich allein und spiele damit sehr viel auf Hochzeiten. Was ich mit einem Team anbiete ist das Stelzentheater. Da laufen wir mit großen kreativen Figuren beispielsweise auf Stadtfesten und Festivals. 

Christian Dirr – Stelzenläufer, Jongleur, Feuerspieler und Freudenschenker. | Bild: Alexi Weemaes
Die „Ringelschlingel“ kommen nicht nur bei den Kleinen gut an. | Bild: Christiane Wolff
Christian Dirr in einer seiner Feuershows: Sicherheitsabstand ist oberstes Gebot. | Bild: Christiane Wolff
Die neusten Kostüme die „Konfettis“ sind für jeden Spaß und jede Party zu haben. | Bild: Alexander Ourth
Die vielen bunten Sterne laden den Zuschauer zum Träumen ein. | Bild: Alexi Weemaes

Was machen Sie lieber: Mit Feuer spielen oder auf Stelzen laufen?

Das sind zwei völlig verschiedene Situationen, mit Feuer vor einem Publikum zu stehen oder einen „Walkig Act“ auf Stelzen zu machen, wo man sich durch das Publikum bewegt. Der Reiz liegt in der Abwechslung. Die schönsten Momente sind jedoch, wenn alles zusammenpasst. 

Was ist für Sie das Schönste an Ihrem Beruf?

Es ist ein sehr, sehr schöner Beruf, weil man Leuten Spaß bringt und Freude ausstrahlt. Man kriegt unglaublich viele positive Rückmeldungen und hat unglaublich viele schöne Erlebnisse. Beim Stelzenlaufen sind es die kleinen Begegnungen, die besonders sind. Außerdem bekommt man viele Einblicke in verschiedene Situationen, Städte und Menschen. Also man sieht relativ viel und kommt viel rum. 

Sie sind nicht nur deutschlandweit auf Stelzen unterwegs, sondern auch international, besonders im Nahen Osten. Wie kamen Sie zu so großen Auftritten wie dem Formel1 Grand Prix 2019 in Bahrain? 

Ich bin jemand, der gerne reist und Interesse an anderen Kulturen hat, deshalb hab ich mich da engagiert. Durch eine jahrelange Zusammenarbeit mit verschiedenen Agenturen hab ich es geschafft, ein paar solcher Aufträge an Land zu ziehen. Wir sind auch in Europa auf Festivals unterwegs und ansonsten waren wir vier, fünf Mal im Nahen Osten und einmal in den USA. 

Was waren Ihre größten Auftritte Ihrer bisherigen Karriere?

Es ist schwer zu sagen, woran man groß festmacht. Groß kann man an der Zahl der Zuschauer oder an der persönlichen Bedeutung festmachen. 

Dann starten Sie mit dem größten Publikum.

Das ist schwierig. Mit dem Stelzentheater waren wir auf sehr großen Festen beziehungsweise Stadtfesten mit mehreren 10.000 Besuchern. In Saudi-Arabien waren wir zehn Tage auf einem großen Festival, das war schon ein tolles Erlebnis. Die Formel 1 war auch ein Highlight, was die Anzahl des Publikums angeht. 

Und ein Auftritt mit einer großen persönlichen Bedeutung? 

Letzte Woche konnte ich zu diesen skurrilen Zeiten einen Auftritt in einem kleinen Reha-Zentrum machen. Eine Feuershow für 20 Rollstuhlfahrer, die auf Abstand da saßen und schon lange nicht mehr draußen waren. So ein Auftritt ist dann manchmal „größer“ als manches andere. 

"Wir versuchen die Menschen hinter den Telefonen zu finden." – Christian Dirr

Hat Ihr Beruf auch negative Seiten?

Die anstrengende Seite ist die viele Büroarbeit und die Leute immer wieder davon zu überzeugen, dass hinter dem Auftritt immer mehr Arbeit dahintersteckt. Manchmal ist man zwei Tage unterwegs für einen kurzen Auftritt. 

Wie viel Arbeit steckt zusätzlich hinter den Auftritten? 

Unter der Woche hab ich meine Zeit für Büroarbeiten, Planungen, Materialbesorgungen, Angebote und Verträge schreiben und Vorbereitungen und Proben - alles im Prinzip unbezahlte Arbeit. An den Wochenenden finden dann die Auftritte statt. Da wir auch teilweise parallel auf Firmenveranstaltungen sind, gibt es da viel zu organisieren und zu planen. 

Haben Sie in Ihrem Beruf in den letzten Jahren Veränderungen gespürt?

Früher haben die Leute den Stelzenläufern zugeguckt und sich daran erfreut. Heute wollen sie ihn fotografieren. Und eigentlich wollen sie auch nicht den Stelzenläufer fotografieren, sondern sie wollen sich fotografieren mit dem Stelzenläufer im Hintergrund. In Saudi-Arabien haben wir, glaube ich, kein einziges Gesicht gesehen. Man sieht nur Telefone. Wir haben immer gesagt: „Wir versuchen die Menschen hinter den Telefonen zu finden“, aber die sind gut versteckt. 

In Saudi-Arabien waren Sie auch unter anderem mit Ihrem Sohn unterwegs. Wünschen Sie sich, dass er Ihren Betrieb übernimmt, wenn Sie nicht mehr können? 

Ich hab das nicht so geplant, nein. Aber man weiß es nicht, vielleicht hat er Lust, es als Hobby nebenbei weiterzuführen, oder irgendjemand von meinen Mitarbeitern übernimmt das Stelzentheater professionell. Vielleicht schläft es auch ein und alles, was dann davon übrig bleibt ist ein Keller voller Kostüme. 

Weitere Informationen zu Christian Dirr und seinem Stelzentheater findest Du hier

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