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Gibt es den In-vitro Burger bald am Imbiss an der Ecke? | Bild: Elena Grunow und Isabella Heider

Wirtschaft&Zukunft Fleisch von morgen
In-vitro Fleisch - aus dem Labor in die Realität

Gibt es den In-vitro Burger bald am Imbiss an der Ecke? | Bild: Elena Grunow und Isabella Heider

17 Jan 2021

Wenn In-vitro Fleisch täglich auf unserem Speiseplan steht: Können dadurch Krankheitswellen verhindert werden? Was passiert mit der Beziehung zwischen Mensch und Tier? Und wollen wir kultiviertes Fleisch überhaupt in unseren Alltag integrieren?

Elena Grunow


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Laut dem Technikradar 2020 der Körber-Stiftung, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften und der Universität Stuttgart ist die Mehrheit der Deutschen kritisch gegenüber In-vitro Fleisch eingestellt. Dennoch stellt es eine Alternative zu herkömmlichem Fleisch dar. Haben wir in Deutschland noch einen zu negativen Blick?
Ein Zukunftsszenario.
 

Die Mehrheit der Deutschen kann sich noch nicht vorstellen In-vitro Fleisch zu essen. | Bild: Technikradar der Körber-Stiftung, Der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften und der Universität Stuttgart

Wir schreiben das Jahr 2030. Die drei Freunde Max, Peter und Nicole treffen sich nach einem stressigen Vormittag zum Mittagessen in der Unternehmenskantine.

Max: „Ich habe schon so lange auf den neuen Krokodil-Pinguinburger gewartet! Alles möglich dank der neuen In-vitro Innovation! Bin gespannt, wie der schmeckt.“

Peter: „Was würdest du ohne Kulturfleisch nur machen? Ist es denn wirklich so gut für unser Klima und verhindert eine erneute Pandemie?“

Peters Frage ist berechtigt. Wie der zweite Artikel dieser Serie „Das Fleisch von morgen“ zeigt, wird In-vitro Fleisch in Zukunft möglicherweise eine bessere Ökobilanz haben als normales Fleisch. Außerdem können wir mit dem Umstieg auf kultiviertes Fleisch die Gefahr von Krankheitserregern aus dem Tierreich vermindern: Vogelgrippe oder Corona-Virus hätten es dann schwerer, auf den Menschen überzuspringen. Auch die Bildung antibiotika-resistenter Keime könnte eingedämmt werden. Derzeit werden 70 bis 80 Prozent der weltweiten Antibiotika in der industriellen Nutztierhaltung verwendet. Dadurch können antibiotika-resistente Keime entstehen, die Antibiotika generell unwirksam machen könnten. In der In-vitro Fleisch-Produktion werden hingegen keine Antibiotika eingesetzt.

Krankheitsausbrüche ausgelöst durch die Tierzucht Quelle: The Guardian

Was ist in unserem Fleisch drin?

Nicole: „Wie kannst du sowas überhaupt essen?! Überall wird nur noch dieses „Laborfleisch” angeboten. Wir wissen doch gar nicht, was da alles drinne ist.“

Max: „Jetzt übertreib mal nicht. Bei anderen Lebensmitteln achtest du doch auch nicht so genau darauf, was für Inhaltstoffe in deinem Essen sind.“

Nicole: „Ich wünsche mir trotzdem mehr Transparenz für uns Verbraucher.“

Peter: „Auch bei der herkömmlichen Viehzucht können wir uns nicht sicher sein, was für Futter und Medikamente die Tiere erhalten. Hier herrscht also auch keine vollkommene Transparenz. Aber da hast du Recht, mehr Transparenz wäre nicht schlecht und würde beim Konsumenten mehr Vertrauen wecken.“

Max: „Übrigens ist der In-vitro Burger gesünder als deine „Krebserreger“!“

In-vitro Fleisch wird nicht umsonst auch als „clean meat“ bezeichnet. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft rotes Fleisch als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. In der Produktion können dem kultivierten Fleisch bei kontrolliertem Zellwachstum Vitamine oder Omega-3-Fettsäuren zugesetzt werden. Daneben ist es möglich, gesundheitsschädigende Stoffe in der Produktion zu vermindern.

Peter: „Deine Burger sind schon ein bisschen verrückt. Trotzdem kann man doch gleich Burger aus Pflanzenprotein essen. Das ist immer noch am nachhaltigsten!“

Chancen für die Beziehung von Tier und Mensch

Max: „Aber mir würde irgendwann der Fleischgeschmack fehlen. Außerdem hat uns In-vitro Fleisch neue Chancen für die Beziehung von Tier und Mensch geboten.“

Peter: „Ich will mir gar nicht vorstellen, was die Menschen vor zehn Jahren mit meinem Hausschwein Rudi Rüssel gemacht hätten!“

Nicole: „Ja dein Hausschweinchen ist super süß! Meine Mutter hätte früher nie gedacht, einmal ein Haushuhn zu haben. Aber mittlerweile ist sowas irgendwie normal.“

Der Lebensmittelwissenschaftler Kurt Schmidinger von der Initiative Future Food geht davon aus, dass sich die Beziehung zwischen Menschen und Tieren bei einer Etablierung von kultiviertem Fleisch wahrscheinlich zum Positiven verändern wird. Heutzutage verhalten wir uns gegenüber Tieren sehr unterschiedlich. Für unsere Haustiere würden wir alles tun. Schweine, Kühe und Hühner hingegen leben unter schlechten Haltungsbedingungen. In der Sozialpsychologie wird dieses Phänomen als „Fleisch-Paradoxon” bezeichnet. Wir nehmen Tiere, die wir als Nahrungsmittel betrachten anders wahr -  wir sprechen ihnen Schmerzempfinden und ihre Leidensfähigkeit ab. Damit beruhigen wir unser schlechtes Gewissen, um bequem im Supermarkt unser Fleisch günstig kaufen zu können.

Zukunft der Viehzucht

Nicole: „Dass es jetzt ein paar glücklichere Schweine gibt, ändert trotzdem nichts an den vielen arbeitslosen Bauern.“

Max: „Ach Nicole, du bist doch nur deswegen so schlecht auf kultiviertes Fleisch zu sprechen, weil dein Opa seinen Viehzuchtbetrieb aufgeben musste.“

Nicole: „Du kannst dir nicht vorstellen wie langweilig ihm ist, seit seiner Umschulung!“

Peter: „Wenigstens hat er noch einen Job. Laut Wissenschaftlichem Dienst des Europäischen Parlaments haben 2018 in der EU 8,3 Prozent der Beschäftigten im landwirtschaftlichen Sektor und in der Nahrungsmittelverarbeitung gearbeitet. Einige haben ihren Job verloren. Allerdings war auch früher in der Landwirtschaft nicht alles besser als heute. Außerdem gibt es Leute, denen die Umschulung gefallen hat.“

Max: „Ich finde es auf jeden Fall gut, dass nicht mehr so viele Tiere leiden müssen.“

Falls kultiviertes Fleisch eines Tages den Markt dominiert, wird es weniger Nutztiere geben. Aus einem Tier können statt ein paar dutzend Kilogramm im Idealfall Millionen Kilogramm Fleisch produziert werden. Damit sind die Haltungskosten dieser Tiere unabhängig vom endgültigen Preis des Fleisches, sodass Viehzüchter bei der Haltung nicht mehr sparen müssen. Dadurch können die Tiere bis zu ihrem natürlichen Tod bestmöglich gehalten werden, und unsere Beziehung zu Nutztieren kann sich in Zukunft kollektiv neu gestalten.

Peter: „Hinzu kommt, dass wenn Regierungen In-vitro Fleisch stärker finanziell unterstützen würden, auch der Preis dieses Fleisches sinken würde. Damit könnten wir uns alle das In-vitro Fleisch leisten.“

Nicole: „Das bringt uns doch alles nichts, wenn die Mehrheit der Deutschen einfach nicht von In-vitro Fleisch überzeugt ist. Wenn die Transparenz bei der Herstellung fehlt, die Richtlinien unklar sind und wir das In-vitro Fleisch noch immer mit dem Labor verknüpfen, wird es uns immer fremd bleiben.“