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Wirtschaft&Forschung

Netzwerk-Analyse
Der Wirecard-Betrug und seine Folgen

Der digitale Zahlungsdienstleister sollte eigentlich Finanztransaktionen absichern. Stattdessen fälschte das Unternehmen Verträge und betreibt Geldwäsche. | Bild: Elena Grunow

Netzwerk-Analyse Der Wirecard-Betrug und seine Folgen

Der digitale Zahlungsdienstleister sollte eigentlich Finanztransaktionen absichern. Stattdessen fälschte das Unternehmen Verträge und betreibt Geldwäsche. | Bild: Elena Grunow
 

18 May 2021

Blindes Vertrauen, Betrug und viel Geld - klingt nach einem Spielfilm, ist aber die bittere Realität. Eine Analyse darüber, welche weitreichenden Auswirkungen ein Netzwerk haben kann.

Isabella Heider

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Die Aussichten waren einfach zu verlockend. Peter Hermeling wollte mit seinem Investment in Aktien des Zahlungsdienstleisters Wirecard ein „paar schnelle Euros“ verdienen. Für 5.000 Euro hatte er Anteile gekauft. Als erste Betrugsvorwürfe gegen das Aschheimer Unternehmen aufkamen, verkaufte er seine Aktien nicht. Hermeling dachte, es seien nur Vorwürfe der Konkurrenz gegenüber des hochgelobten DAX-Konzerns. „Bei anderen Unternehmen, die Betrugsvorwürfen ausgesetzt waren, hat es sich positiv entwickelt. Daran habe ich auch bei Wirecard geglaubt. Dann kam die Insolvenz und das Geld war weg.“

Alles Geld verloren?

Geschichten wie die von Peter Hermeling hört Georgios Aslanidis häufig. Der Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht vertritt mit seiner Kanzlei „Aslanidis, Kress & Häcker-Hollmann“ geschädigte Wirecard-Anleger. Bei Kapitalanlagen überzeuge am Anfang des Investments eine Geschichte, so Aslanidis. „Und Markus Braun war in erster Linie ein guter Geschichtenerzähler. Auf Podiumsdiskussionen hat er immer an Steve Jobs erinnert. Das hat die Leute geblendet. Das kam gut an.“ Die Geschichte vom deutschen Fintech-Startup, das mit dem Silicon Valley konkurriert, das wollten die Anleger glauben, vermutet der Anwalt. „Die Geschichte war einfach zu gut, der Traum dahinter zu stark. So ist bei fast allen der mir bekannten Geschädigten ein Komplettverlust aufgetreten.“ Aslanidis erkennt ein Muster: „Nach diesem Prinzip funktionieren auch viele andere Kapitalanlagen. Es wird bei den Menschen der Traum erzeugt, dass sie ohne großen Aufwand viel Geld machen können.“ Aus der Traum – alles investierte Geld für immer verloren? Nicht unbedingt. Im Insolvenzverfahren rechne er zwar nicht mit hohen Rückflüssen an die Anleger. Eine Chance biete aber die Klage auf Schadenersatz gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die Wirecard jahrelang geprüft hat, meint Aslanidis. „Da sehe ich die Erfolgschancen schon recht hoch. Die Pflichtverletzung, die für einen Anspruch auf Schadensersatz vorliegen muss, ist vorhanden. Das Ziel dabei ist es, eine Vollkompensation zu erreichen.“

Was aber hat zu den verheerenden Folgen geführt? Basierte das Netzwerk, in das Wirecard eingebettet war, auf einem System von blindem Vertrauen? Ist es möglich, dass erst durch Lobbying, Beziehungspflege und eingeschlafene Kontrollmechanismen ein Betrug entstehen konnte?

Durch eine soziale Netzwerkanalyse als Instrument zur Datenerhebung soll ein Überblick über die Strukturen des Wirecard-Netzwerks gegeben werden. Dabei sind vor allem drei Personen maßgeblich für die Verflechtungen. Sowohl der flüchtige Jan Marsalek (ehemaliges Vorstandmitglied der Wirecard AG), als auch der angeklagte Markus Braun (ehemals Vorstandvorsitzender von Wirecard) waren maßgeblich am Betrug beteiligt. Gleichzeitig haben sie zusätzlich entscheidende Kontakte zu Politikern, Unternehmen oder auch Kontakte ins Ausland gepflegt. Damit besetzen sie wichtige Brückenpositionen im Gesamtnetzwerk, wodurch der Betrug in viele Branchen und Gruppierungen gelangen konnte. Auch Karl-Theodor zu Guttenberg (ehemaliger Bundesminister für Wirtschaft und Energie), der sich für Wirecard vor allem im Kanzleramt eingesetzt hat, war durch seine Verbindungen zu politischen Führungspersonen entscheidend. Auf diese Weise konnte Vertrauen gegenüber Wirecard aufgebaut werden, welches die drei zentralen Akteure durch ihr betrügerisches Handeln missbrauchten.

Die Ergebnisse der Netzwerkanalyse umfassen jedoch nur öffentlich zugängliche Quellen. Damit bleiben anonyme Verbindungen nach wie vor unentdeckt.

Die brückenschlagenden Akteure des Netzwerks sind ganz klar Jan Marsalek, Markus Braun und Karl-Theodor zu Guttenberg.

Welche Verantwortung tragen Wirtschaftsprüfer?

Thorsten Müller* arbeitet als Prüfungsleiter bei einer der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Deutschland und fertigt Jahresabschlussprüfungen von Unternehmen an. „Wir wollen hinreichende Ergebnisse erhalten. Hinreichend bedeutet: der Abschluss ist frei von wesentlichen Fehlern. Das gewährt also keine einhundertprozentige Sicherheit.“ Er erklärt, bei einem Testat würden immer nur Stichproben aus der Bilanz genommen. Es werde auch nicht hinterfragt, ob der Mandant sich an alle gesetzlichen Regeln gehalten oder effizient gewirtschaftet hat. Was könnte bei der Prüfung von Wirecard schiefgelaufen sein? Müller ist überzeugt, das Problem liege in vielen kleinen Einzeltransaktionen, welche die hohe Gesamtsumme ausgemacht haben. Dabei könne man nicht sichergehen, ob jede kleine Transaktion jeweils real ist oder nicht. Zudem bekämen die Wirtschaftsprüfer den höheren Aufwand bei einer Prüfung nicht bezahlt, da im Vorfeld ein Pauschalpreis vereinbart werde. „Wir verdienen unser Gehalt nicht damit, dass wir supersicher überprüfen, sondern damit, dass wir unserem Arbeitgeber viel Gewinn bringen“, sagt Müller ehrlich. Zudem seien sie als Wirtschaftsprüfer nicht die Polizei. „Wirecard wurde sogar vor Ort überprüft. Besser geht es nicht.“ Die Insider-Aussagen des Wirtschaftsprüfers legen nahe, dass mehr Kontrolle der Arbeit der Wirtschaftsprüfer durch den Staat nötig ist. In den vier Jahren, in denen Müller bei der Wirtschaftsprüfung gearbeitet hat, sei noch nie jemand von der Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) im Haus gewesen.

Wie können die Hintergründe aufgeklärt werden?

Um die politische Aufarbeitung des Wirecard-Betrugs und die Rolle des Staates kümmert sich der Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag. Matthias Hauer, Abgeordneter der Union und Mitglied des Ausschusses, beschreibt diesen als das schärfste Schwert des Parlamentarismus, wenn es um die Aufklärung von politischer Verantwortung geht. Kay Gottschalk, Vorsitzender des Untersuchungsausschusses und Abgeordneter der AfD-Fraktion, kritisiert vor allem die Rolle der staatlichen Aufsichtsbehörden wie der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). „Die BaFin hat in Teilen nicht die richtigen Leute, um effektiv zu überwachen. Dazu braucht man eben Wirtschaftsprüfer oder Menschen, die mal einen Hedgefonds betreut haben. Man muss ihnen dann außerdem ein ordentliches Gehalt zahlen“, meint Gottschalk. Zudem fehle es an grundlegenden Dingen wie zum Beispiel wirksamer Regeln zur Finanzaufsicht. „In der BaFin haben die Prüfer von Wirecard mit den Aktien gezockt. Wenn das in der freien Wirtschaft passieren würde, gäbe es eine fristlose Kündigung wegen Insiderhandels“, ärgert sich der Diplom-Kaufmann. Um zu ihren Erkenntnissen zu gelangen, haben die Abgeordneten teils bis tief in die Nacht Zeugen befragt. „Ich habe mittlerweile eine Decke und eine Ledercouch in meinem Büro zum Schlafen. Da stellst du dann nur kurz den Anzug in die Ecke, pennst zwei Stunden, am nächsten Morgen holst du dir kurz was beim Bäcker und dann geht’s weiter“, erzählt der Finanzpolitiker.

Türschild am Eingang zum Sitzungssaal des Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestags. Hier tagt der Untersuchungsausschuss. | Bild: Kay Gottschalk
Nächtliche Sitzung des Wirecard-Untersuchungsausschuss in einem der Säle des Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. | Bild: Kay Gottschalk
Sitzplatz für Zeugenbefragungen mit Presseplätzen auf der Tribüne. | Bild: Kay Gottschalk
Marie-Elisabeth-Lüders-Haus: Hier tagen die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse des Deutschen Bundestags. | Bild: Kay Gottschalk

Gottschalk vergleicht die Arbeit im Untersuchungsausschuss mit einem „Trüffelschwein“, weil man sich „tief in den Sachverhalt einarbeiten und bei den Befragungen höllisch schnell sein“ müsse, um auf die Vorredner und Zeugenaussagen reagieren zu können. Vor der diesjährigen Bundestagswahl wird der Untersuchungsausschuss seinen Abschlussbericht vorlegen. Insbesondere mögliche Verbindungen zwischen Wirecard und Auslandsgeheimdiensten sind aber weiterhin ungeklärt. Daher fordert Gottschalk, dass es nach der Wahl einen zweiten Untersuchungsausschuss zu Wirecard geben muss.

All die Konsequenzen für Spitzenbeamte wie den abberufenen BaFin-Chef Felix Hufeld bringen Peter Hermeling seine 5.000 Euro nicht zurück. Der betroffene Anleger hat aber inzwischen mit der Sache weitgehend abgeschlossen. „Chance gehabt, Chance vertan. So muss man das im Nachhinein sehen.“ Hermeling hat Glück, dass er verglichen mit anderen Anlegern, von denen manche ihre komplette Altersvorsorge in Wirecard gesteckt hatten, nur wenig investiert hat. Sonst wäre der Finanzbetrug im Wirecard-Netzwerk für ihn nicht so glimpflich ausgegangen.

*Name geändert, der echte Name ist der Redaktion bekannt

Peter Hermeling hat 5.000 Euro in Wirecard-Aktien investiert und verloren. Warum ist er nach den ersten Hinweisen auf Betrug nicht ausgestiegen? | Bild: Patchara Wieczorek
Anwalt Georgios Aslanidis, der betroffene Anleger vertritt, zu den Gründen, warum viele Anleger nicht vorzeitig ausgestiegen sind. | Bild: Georgios Aslanidis
Thorsten Müller (Name geändert), Prüfungsleiter einer Big Four Wirtschaftsprüfung über seine Arbeit. | Bild: Isabella Heider
Kay Gottschalk MdB, Vorsitzender des Wirecard-Untersuchungsausschusses im Deutschen Bundestag, über die Ausschussarbeit. | Bild: Kay Gottschalk

Die drei Schlüsselfiguren Markus Braun, Jan Marsalek und Karl-Theodor zu Guttenberg, wurden im Rahmen der Netzwerkanalyse betrachtet. Der Fokus lag hierbei auf den Verbindungen des jeweiligen Akteurs zu anderen Personen und Organisationen aus der Politik, sowie zu ausländischen Geschäftspartnern und internem Wirecard-Personal.

Als Datenquellen dienten die Protokolle des Untersuchungsausschusses sowie die inländische (Handelsblatt, SPIEGEL) und ausländische Berichterstattung (Financial Times).

Alle erhobenen Daten sind hier zu finden.