Nicht nur Opferhilfe gehört zu den Tätigkeiten des Weißen Rings, sondern auch Präventationsarbeit. | Bild: Luisa Scheurer

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Damit Opfer nicht alleine bleiben

Nicht nur Opferhilfe gehört zu den Tätigkeiten des Weißen Rings, sondern auch Präventationsarbeit. | Bild: Luisa Scheurer

02 Jul 2019

Vergewaltigung, häusliche Gewalt oder Betrug: Der Weiße Ring hilft Menschen, die einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Der ehemalige Kriminalpolizist Karl-Heinz Hahn ist einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter und leitet die Außenstelle in Tübingen. Er erklärt, wieso der Weiße Ring so wichtig ist und was er bereits erlebt hat.

Der Raum, in dem er sitzt, ist nicht nur einfach ein Büro. Hier spricht Karl-Heinz Hahn mit Menschen, die Schlimmes erlebt haben. Manchmal am Telefon oder per Mail und dann später im Stuhl gegenüber. Es sind diejenigen, die Opfer von Kriminalität geworden sind. Sie suchen Hilfe beim Weißen Ring und bei ihm.

Was ist der Weiße Ring?

Der Weiße Ring ist ein deutscher gemeinnütziger Verein, der zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern entstand. Die Organisation existiert bereits seit 1976 und wurde unter anderem vom deutschen Journalisten und Fernsehmoderator Eduard Zimmermann in Mainz gegründet. Dieser moderierte zahlreiche „Aktenzeichen XY“-Sendungen und war im deutschsprachigen Raum als „Verbrecherjäger“ bekannt. Der Weiße Ring ist über die Jahre gewachsen und hat mittlerweile circa 3.000 ehrenamtliche Mitarbeiter und rund 50.000 Mitglieder. Der Verein finanziert seine Hilfsmaßnahmen ausschließlich aus eigenen Mitteln und nimmt keine staatliche Unterstützung in Anspruch. Das Kapital der Organisation entsteht durch Mitgliedschaftsbeiträge, Spenden, Testament-Zuwendungen, die „Weiße Ring Stiftung“ sowie im Gericht verhängte Geldbußen zugunsten des Weißen Rings. Der Verein unterstützt Kriminalitätsopfer, je nach Fall ganz unterschiedlich: Die Mitarbeiter begleiten Opfer in Gerichtsverhandlungen, vermitteln die Opfer an eine psychotraumatische Beratung und unterstützen sie rechtlich oder finanziell.

Von der Polizei zum Weißen Ring

Sexualisierte Gewalt, Nötigung, Missbrauch bis hin zur Vergewaltigung. Das sind alles Begriffe, bei denen jedem anderen ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Für Karl-Heinz Hahn sind diese Gewaltverbrechen allerdings kein Fremdwort: Bereits vor seiner Arbeit beim Weißen Ring arbeitete er 43 Jahre bei der Polizei, davon 32 Jahre lang bei der Kriminalpolizei. Schon als Kind träumte er davon, Polizist zu werden und anderen Menschen zu helfen. Als Hahn vor zehn Jahren in Pension ging, war für ihn klar, dass er beim Weißen Ring als ehrenamtlicher Mitarbeiter tätig sein wollte. „Um den Täter kümmert sich die Polizei und auch andere Institutionen, aber das Opfer wird einfach nach der Aussage wieder entlassen und bekommt keine weitere Nachsorge“, erzählt Hahn. Es habe damals bei der Polizei einfach nicht die notwendigen Mittel und die Zeit gegeben, um etwas für die Opfer zu leisten. Heute habe sich zwar einiges geändert, aber die Opferbetreuung ist immer noch nicht die Aufgabe der Behörde. Für Hahn war es wichtig, dass er in einer Organisation arbeitet, in der diese Lücke geschlossen wird und das Opfer mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Karl-Heinz Hahn hat bereits viel erlebt, beim Weißen Ring und bei der Polizei. | Bild: Luisa Scheurer

Mittlerweile ist Karl-Heinz Hahn bereits seit zehn Jahren beim Weißen Ring, davon hat er neun Jahre als Außenstellenleiter in Tübingen gearbeitet. „Ich übernehme vor allem administrative Jobs. Die Anfragen der Opfer gehen bei mir ein und ich kümmere mich dann um alles weitere“, sagt Hahn. Zuerst müsse erstmal geprüft werden, ob das Opfer überhaupt ein Fall für den Weißen Ring sei. „Viele Menschen wenden sich an den Weißen Ring und dann stellt sich heraus, dass sie eigentlich Hilfe von einer anderen Organisation bräuchten. Wir vermitteln diese Menschen dann weiter“, erklärt er. Karl-Heinz Hahn nimmt zuerst immer alle grundlegenden Informationen auf: Was ist passiert, wo und wann. Dann wendet er sich an einen seiner Mitarbeiter und gibt den Fall weiter oder bearbeitet ihn selbst. Anschließend verabredet sich der Helfer und das Opfer zu einem persönlichen Gespräch und bespricht, wie dem Opfer am besten weitergeholfen werden kann. 

„Das Opfer hat keine Lobby in unserer Gesellschaft. Deshalb kümmert sich der Weiße Ring um die Nachsorge nach einer Straftat.“ – Karl-Heinz Hahn

Ehrenamtliche Mitarbeit

Zum Team der Außenstelle Tübingen gehören insgesamt zehn Mitarbeiter: Einige ehemaligen Polizisten, ein Oberstaatsanwalt in Pension, zwei Anwältinnen, eine Medizinstudentin und eine Mitarbeiterin ist in der Erwachsenenbildung tätig. Es gibt einige Grundvoraussetzungen, die bei einer Mitarbeit für den Weißen Ring zu erfüllen sind: Die Mitarbeiter dürfen keine Vorstrafen oder Einträge im Führungszeugnis haben und sie müssen Mitglied im Verein sein. Das Alter, die soziale Herkunft oder Nationalität sind nicht relevant.

Wer sich für ein Ehrenamt beim Weißen Ring interessiert, kann sich direkt beim Verein melden. Die ehrenamtliche Mitarbeit kann ganz unterschiedlich aussehen: Zuerst durchläuft allerdings jeder potenzielle Mitarbeiter eine Grundausbildung, sodass er die Kriminalitätsopfer professionell betreuen kann. Er entscheidet sich danach frei, in welchem Bereich er sich am liebsten engagieren möchte. Entweder meldet er sich in einer Außenstelle und betreut die Opfer dort direkt, leistet Präventation- und Öffentlichkeitsarbeit oder hilft beim Opfer-Telefon und in der Online-Beratung mit.

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In acht Schritten zum Weißen-Ring-Mitarbeiter. | Bild: Luisa Scheurer

Schöne Erinnerungen bleiben

Das Büro, in dem Karl-Heinz Hahn sitzt, ist kahl. Auf dem Tisch liegt nichts außer einem Laptop und das Fenster hinter ihm ist von einem blauen Vorhang bedeckt, sodass nur wenig Licht ins Zimmer fällt. Blau wie die Farbe der Harmonie, blau wie die Farbe des Weißen Rings. Der Außenstellenleiter hat bereits schlimme Dinge in seinem Leben gesehen und schockierende Geschichten in diesem Büro gehört. Und trotzdem bleiben die guten Momente besonders in Erinnerung. Manchmal spricht er stundenlang mit Menschen am Telefon, die einfach froh sind, dass ihnen jemand zuhört. Eine besonders schöne Erinnerung für Hahn ist ein Fall mit einer älteren Dame: Einige Männer haben versucht, sie mit dem Enkel-Trick zu betrügen. „Aber sie merkte, was los war und hat alle aufs Kreuz gelegt“, erzählt Hahn mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Die Männer wurden festgenommen und es kam zur Verhandlung. Karl-Heinz Hahn begleitete die Dame ins Gericht. Vor dem Verhandlungstermin bot er ihr an, dass sie sogar seine Hand nehmen könne, wenn sie sich unwohl fühle. „Das lehnte sie sofort vehement ab. Und als wir dann nebeneinander bei der Aussage saßen, griff sie zu mir rüber und nahm meine Hand. Wir sind dann Händchen haltend aus dem Gerichtssaal spaziert. Die Aussage war so gut, dass die Täter für sechs Jahre ins Gefängnis mussten“, erzählt Hahn lächelnd.

Das sind die Erinnerungen, die Karl-Heinz Hahn nie vergessen wird. Der Verein hat ihm die Möglichkeit gegeben, Gutes zu tun und anderen zu helfen. So, wie er es als Polizist getan hat und so, wie er es sich bereits als Kind erträumt hat.

Falls du oder jemand aus deinem Bekanntenkreis Opfer von einer Straftat geworden sind, findest du hier Kontaktadressen des Weißen Rings und Anlaufstellen:

Opfer-Telefon: 116 006

Außenstelle Stuttgart: Telefon: 0151/55164785 E-Mail: wrstuttgart@gmx.de

Über diesen Link kommst du auf die Seite des Weißen Rings und kannst dort eine Außenstelle in deiner Umgebung finden:  Außenstellen des Weißen Ring

Falls du selbst Mitarbeiter beim Weißen Ring werden möchtest, melde dich am besten bei einer Außenstelle in deiner Umgebung.