Tankred Stöbe von „Ärzte ohne Grenzen“ versorgt junge Überlebende des Taifuns „Haiyan“ auf den Philippinen. | Bild: MSF

edit.Challenge Humanitäre Hilfe
Von Berlin in eine andere Welt

Tankred Stöbe von „Ärzte ohne Grenzen“ versorgt junge Überlebende des Taifuns „Haiyan“ auf den Philippinen. | Bild: MSF

27 Jan 2020

Ob bei einer Schießerei in einem Krankenhaus im Jemen, auf einem Rettungsboot im Mittelmeer oder in einem Ebola-Gebiet in West-Afrika – Tankred Stöbe war schon überall. Der Notarzt taucht regelmäßig für mehrere Wochen in eine ganz andere Welt ab, in der seine Hilfe dringend gebraucht wird.

Während aus dem Nebenraum Schüsse zu hören sind und dutzende Schwerverletze in den Raum gebracht werden, muss Tankred Stöbe plötzlich für alle Beteiligten entscheiden, was jetzt zu tun ist – rettet sich das Team selbst oder kämpfen sie weiter um das Überleben eines Patienten? Eine Entscheidung über Leben oder Tod. Genau in so einer Situation befand sich Stöbe vor drei Jahren im Jemen bei einem Angriff auf ein Krankenhaus.

Seit 18 Jahren ist er als Notarzt für die private Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ tätig und war in dieser Zeit schon in 20 verschiedenen Ländern für die Organisation im Einsatz. Als erfahrener Internist und Notfallmediziner für „Ärzte ohne Grenzen“ rettet er bis heute weltweit ungezählte Menschenleben. Wenn sich Tankred Stöbe einmal nicht auf einem Einsatz für die Hilfsorganisation befindet, ruft seine eigentliche Arbeitsstelle als Notarzt im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Rettungsmediziner ist er seit 2015 im internationalen Vorstand von „Ärzte ohne Grenzen“ aktiv und war zwischen 2007 und 2015 sogar Präsident der deutschen Sektion.

 

 

Erfahre hier, wo und wann Tankred Stöbe seine bisherigen Einsätze durchgeführt hat und vor allem, was der Grund dafür war. Klicke dazu auf einen Medizinkoffer deiner Wahl. | Bild: Alessia Guerrieri und Michelle Noss | Daten: Tankred Stöbe, wikipedia.de, amnesty.de, spiegel.de

Der Einsatz im Krankenhaus im Jemen ist dem Arzt besonders im Kopf geblieben. Er erinnert sich daran, dass einige der Schwerverletzten, die in die Rettungsstelle gebracht wurden, schon klinisch tot waren. So ergab sich auch die Situation, in der Tankred Stöbe versuchte, einen Patienten durch eine Herzdruckmassage wiederzubeleben. Genau zu diesem Zeitpunkt erreichte eine Massenschießerei das Krankenhaus. Er und sein Team hörten die Schüsse unmittelbar neben sich. Nun hatte Stöbe allein zu entscheiden, ob sie mit der Herzdruckmassage weitermachen, um den jungen Mann nicht zu verlieren. In solchen Momenten müsse er als Mensch und zugleich als Arzt auf seine Instinkte hören, denn da gäbe es keine Zeit zum Überlegen. „Da kann ich nicht groß nachfragen und Konferenzen abhalten, da muss ich im Bruchteil einer Sekunden entscheiden, was wir als Team jetzt als Nächstes machen”, erklärt der Rettungsmediziner.

Ein Fehler könnte den Tod bedeuten

„Ärzte ohne Grenzen“ ist überall dort aktiv, wo Menschenleben in Gefahr sind und die humanitäre Hilfe zu kurz kommt. Teams der medizinischen Versorgung sowie Logistikteams werden in Gebiete, die mit Naturkatastrophen, Epidemien oder politischen Konflikten zu kämpfen haben, geschickt. Vorrangig, um kranken oder verletzten Menschen zu helfen. Laut Tankred Stöbe ist bei den Einsätzen aber auch die Sicherheit der Mitarbeiter ein großes Thema. Sowohl in Konfliktsituationen wie im Jemen, als auch um Ansteckungen bei einer Epidemie zu vermeiden, werden entsprechende Maßnahmen getroffen. Stöbe betraf dieses Thema beispielsweise bei seinem Einsatz in Westafrika, wo die Organisation eine Ebola-Station hatte. „Ungefähr zwei Drittel der Erkrankten versterben an Ebola“. Da ist für die Ärzte und Krankenpfleger natürlich äußerste Vorsicht geboten: Wichtig sei etwa gewesen, wie die Schutzanzüge an- und wieder ausgezogen wurden, ohne sich dabei selbst zu infizieren. „Das erfordert schon eine hohe Konzentration“, unterstreicht Stöbe.

„Die Notwendigkeit, als Arzt zu arbeiten, ist in der humanitären Hilfe natürlich deutlich erlebbarer, als in Berlin und deshalb lädt das auch jedes Mal meinen Motivations-Akku wieder auf.“ – Tankred Stöbe

Wenn Tankred Stöbe über seine Einsätze erzählt, spricht er von einem Eintauchen in eine ganz andere Welt: „Es ist nicht nur die Medizin, sondern überhaupt auch die Lebensbedingungen der Menschen, die so fundamental anders sind. Es geht für diese Menschen wirklich fast jeden Tag ums Überleben“. In solchen Notlagen werde dem Notfallmediziner deutlich die Relevanz seiner Arbeit bewusst, „dort wo eben nicht alles selbstverständlich ist [...] und wo es wirklich um die existentiellen Fragen des Lebens geht, das finde ich sehr faszinierend“.

Bei all dem Leid, das der 50-Jährige mit ansehen musste, gab es laut ihm trotzdem auch viele Momente der Freude. Momente, in denen ihm immer wieder bewusst wird, was schon damals seine Grundmotivation war, Arzt zu werden. Augenblicke, in denen auch der routinierte Notarzt sehr emotional wurde. Etwa bei einer mit Ebola infizierte Schwangeren, die bei ihm auf der Station in Sierra Leone entbunden hat. Laut dem erfahrenen Mediziner sind die Überlebenschancen der Frauen in solchen Fällen eher gering. Umso schöner sei es dann gewesen, als er die Frau nach einem Jahr in einer der Stationen von „Ärzte ohne Grenzen“ gesehen hat, „das war schon eine große Freude”, berichtet Tankred Stöbe. Für gewöhnlich erlebt er das Schicksal seiner Patienten nach dem Aufenthalt in den Einsatzgebieten nicht mehr mit.

 

Eine neue Herausforderung

Auch der erfahrene Notarzt stößt während seinen Einsätzen immer wieder auf neue Abenteuer. Eine Gegebenheit, die für ihn ganz neu gewesen ist, war beispielsweise ein Einsatz auf dem Mittelmeer 2015. Dort versorgte er libysche Flüchtlinge auf einem Rettungsschiff. Davor sei er sehr gespannt gewesen, ob er vielleicht seekrank werden würde – glücklicherweise wurde er das nicht. Durch diesen Einsatz habe er viele neue Eindrücke bekommen – auch wenn diese „tragische Erfahrungen“ waren. „Als ich dann auf dem Mittelmeer war und wir hunderte dieser Menschen vor Libyen gerettet haben, die mir auch so furchtbare Geschichten von Libyen erzählt haben, motivierte mich dies selbst dorthin zu fahren, um zu verstehen, warum die Menschen ihr Leben riskieren, um aus dem Land herauszukommen“, erzählt Stöbe. Danach sei er tatsächlich noch dreimal in dem Land gewesen und versorgte dort die Menschen in den Gefangenenlagern.

Ist Tankred Stöbe einmal bei sich zu Hause in Berlin, leistet er entweder dort Rettungseinsätze oder sitzt in einer Konferenz des internationalen Vorstandes von „Ärzte ohne Grenzen“. Hier befasst er sich mit seinen Kollegen zum Beispiel mit der Entwicklung von Zukunftsstrategien oder künftigen Projekten. Aktuelle Themen, die den Vorstand sehr beschäftigen, sind beispielsweise die Auswirkungen des Klimawandels und der Umgang mit Naturphänomenen wie Wirbelstürmen oder Überschwemmungen. „Der Traum oder unsere Hoffnung, die wir immer haben, ist, dass man „Ärzte ohne Grenzen“ irgendwann abschaffen kann, weil die Welt uns nicht mehr braucht“. Hinsichtlich des Klimawandels und zunehmend schärferen politischen Konflikten ist diese Hoffnung bei Tankred Stöbe zurzeit aber recht klein.

Bei seinem Einsatz auf dem Mittelmeer kümmert sich der Notarzt um eine verletzte Geflohene. | Bild: Marta Soszynska/MSF
Tankred Stöbe bei der Versorgung der Patienten in Jemen 2017. | Bild: MSF
Eine wichtige Vorsichtsmaßnahme, um sich nicht selbst mit Ebola zu infizieren, ist das Tragen des Schutzanzuges. | Bild: MSF
Tankred Stöbe und seine Kollegen, wie sie sich mit den Schutzanzügen auf die Versorgung der Ebola-Infizierten (Ebola-Patienten) vorbereiten. | Bild: MSF
Die Menschen in Somalia litten 2011 an einer schlimmen Hungersnot. Tankred Stöbe untersucht mit einem Stethoskop ein Kind in den Armen seiner Mutter. | Bild: MSF