Stefan und seine Ordensbrüder sind für die Gestaltung von Messen und Gottesdiensten zuständig. | Bild: Tina Trippens

edit.Challenge Leben im Kloster
Vom Bankschalter auf die Kirchenbank

Stefan und seine Ordensbrüder sind für die Gestaltung von Messen und Gottesdiensten zuständig. | Bild: Tina Trippens

22 Jan 2020

„Überlege dir gut, auf welchen tragenden Säulen dein Leben stehen soll“ – Das waren die Worte eines Priesters, die Stefan dazu bewegten, sein bisheriges Leben als Bankkaufmann aufzugeben und einem Kloster beizutreten. Diese Entscheidung stellte auch Beziehungen zu Freunden und Familie auf eine harte Probe.

Lili Biberthaler

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019

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Stefan, mittlerweile bist du seit fast 15 Jahren Bruder der Klostergemeinschaft der Kapuziner. Wie hat dein Leben denn vorher ausgesehen?

Ich habe direkt nach dem Abitur eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht. Ich war dann 13 Jahre lang im Kundenverkehr einer Bank tätig.

Und wieso kam dann irgendwann der Punkt, an dem du dein Leben so radikal geändert hast?

Eigentlich war ich nie wirklich unglücklich in meinem Beruf. Mein Eintritt ins Kloster war eher eine Reihe von Zufällen, die ich erst im Nachhinein als Bestimmung sehe. Lange Zeit war der Glaube auch kein großer Teil meines Lebens. Während einer Weihnachtsmesse habe ich gespürt, dass der Prediger zutiefst von dem überzeugt ist, was er sagt. Ich war so beeindruckt von ihm, dass ich daraufhin öfter in seine Gottesdienste gegangen bin. Dieser Priester hat mich letztendlich dazu überredet, auf ein katholisches Treffen in Köln, den Weltjugendtag, zu fahren. Dort habe ich Vorträge gehört, die mich meine Lebensweise hinterfragen ließen.

Inwiefern?

Durch die Predigten kamen für mich Fragen auf wie: Wie viel Sinn sehe ich persönlich hinter dem, was ich mache?  Kommen meine Fähigkeiten in meinem Beruf überhaupt zum Tragen? Oder ist meine Berufung vielleicht eine ganz andere?

Wusstest du...?

Ein Orden oder eine Ordensgemeinschaft ist eine Lebensgemeinschaft von Frauen oder Männern, die in einer geistlichen Gemeinschaft zusammenleben, meist in einem Kloster. In Deutschland gibt es 60 verschiedene Orden.

Die Mitglieder des Kapuzinerordens nennen sich "Brüder", der Begriff "Mönch" ist demnach nicht allgemeingültig, sondern wird nur von den Ordensmännern der Benediktiner verwendet.

Als Ordensmitglied darf man zweimal im Jahr vier Wochen lang nicht sprechen. Während den sogenannten Exerzitien verlässt man den Orden und lebt in absoluter Stille, um die Beziehung zu sich selbst und Gott zu stärken.

Hattest du ab diesem Moment vor, ins Kloster zu gehen?

Nein. Ich habe durch Gespräche mit Priestern von kirchlichen Berufen erfahren. Die Vorstellung, einem Orden beizutreten, hat sich für mich richtig angefühlt. Trotzdem habe mich lange gegen den Gedanken gesträubt. Ich wollte mein Leben nicht aufgeben; vor allem, weil ich dachte, ich wäre schon zu alt, um noch einmal komplett von vorne anzufangen. Aber dieser Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen, das war als hätte mir jeden Tag Jemand die Frage gestellt: Stefan, bist du dir wirklich sicher, dass das Fundament, auf dem du dein Leben gebaut hast, das Passende für dich ist? Da war diese Stimme in meinem Kopf, die gesagt hat: Komm, mach das!

"Aber dieses 'Spüren', dass ich das Richtige, mache war enorm groß und trägt mich bis heute." – Stefan Reisch, ehemals Bankkaufmann und heute Bruder im Kapuzinerorden

Wie hat dein Umfeld reagiert, als du dich endgültig dazu entschieden hast, dem Kapuzinerorden beizutreten?

Mein Arbeitgeber war, glaube ich, der Ansicht, ich wisse nicht, was ich tue. Trotzdem war er sehr hilfsbereit und hat es mir ermöglicht, meine Arbeit bereits drei Monate früher zu beenden, damit ich genügend Zeit hatte, noch viel mit meiner Familie und Freunden zu unternehmen. Das war mir sehr wichtig. Meine Familie und besten Freunde haben mich unterstützt, hatten aber Sorge, wie der Kontakt ab diesem Zeitpunkt noch möglich sein würde und wie häufig sie mich noch sehen würden. Meine größte Angst war es, meine Freunde zu verlieren.

Und wie erging es dir dann im Kloster?

Anfangs war es ziemlich schwierig für mich. Ich kam schließlich an einen Ort, an dem ich Niemanden kannte. Man bekommt ja keinen persönlichen Ansprechpartner im Kloster, niemanden, der dir hilft oder dich auch einfach nur fragt, wie dein Tag war. Ich wurde aus meinem gewohnten Umfeld gerissen, alle meine Freunde und Familie waren plötzlich sehr weit weg und ich musste mir alles komplett neu aufbauen. Da habe ich mich schon erst mal einsam gefühlt. Aber dieses „Spüren“, dass ich das Richtige mache, war enorm groß, das hat mir sehr geholfen und trägt mich bis heute.

Stefan Reisch – früher Bankkaufmann... | Bild: Privat
...heute Bruder des Kapuzinerordens. | Bild: Tina Trippens
Die Tracht des Kapuzinerordens wird Habit genannt. Diese tragen die Brüder während Messen, aber auch im Alltag. | Bild: Tina Trippens
Die drei Knoten im Habit stehen für die drei Gelübde, die jedes Ordensmitglied ablegen muss: Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. | Bild: Tina Trippens

Werden die anderen Brüder irgendwann vertrauter?

Natürlich hat man mit der Zeit mehr Bezug zu den Anderen und lernt sich besser kennen. Allerdings ist es ja so, dass man in der Regel nie länger als zwei Jahre in einem Kloster bleibt. Danach wird man an einen anderen Einsatzort versetzt. Dieser häufige Ortswechsel ist etwas, das bis heute eine Herausforderung für mich ist. Ich habe bereits zwei Jahre in einem Kloster in Tansania gelebt, dort hat es aufgrund sprachlicher Barrieren schon sehr lange gedauert, bis ich Kontakte knüpfen konnte.

"Niemand sollte etwas nur tun, um den Erwartungen Anderer zu entsprechen. Sei mutig!" – Stefan Reisch

Wenn du so oft umziehen musst, besitzt du dann überhaupt etwas?

Nein, nicht wirklich. Im Grunde passt alles, was ich habe, in einen Koffer. 2014 habe ich die „ewige Profess“ abgelegt. Das bedeutet, dass ich für den Rest meines Lebens Bruder im Kapuzinerorden sein werde. Deshalb habe ich meinen kompletten Besitz gespendet. Das war ein sehr großer Schritt, der mir Angst gemacht hat. Denn jetzt werde ich für immer nur das haben, was ich im Moment zum Leben brauche.

Was würdest du einem Menschen raten, der in einer ähnlichen Situation steckt wie du damals und vor einer großen Entscheidung steht?

Stell dich den Fragen, die dich beschäftigen und sei ehrlich zu dir selbst. Heutzutage hat man so viele Chancen in verschiedensten Richtungen, niemand sollte etwas tun, nur um den Erwartungen Anderer zu entsprechen. Ein „Das kann ich nicht machen“ sollte es nicht geben. Sei mutig!