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Autismus
Wie von einem anderen Planeten

Lisa ist Autistin. Deshalb nimmt sie die Welt anders wahr, als die meisten Menschen. | Bild: Bob

Autismus Wie von einem anderen Planeten

Lisa ist Autistin. Deshalb nimmt sie die Welt anders wahr, als die meisten Menschen. | Bild: Bob
 

20 May 2021

Lisa wurde jahrelang missverstanden. Dank der richtigen Diagnose konnte sie zu sich selbst finden und anderen im Autismus-Spektrum auf ihrem Weg helfen.

Jonah Constantin Schua

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020

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„Herzlich willkommen auf dem Planeten Aspie! Schön, dass ihr hier gelandet seid!”. So begrüßt Lisa ihre Zuschauer*innen auf YouTube. Lisa ist 29 Jahre alt, hat Medienkommunikation in Köln studiert und produziert in ihrer Freizeit unteranderem YouTube Videos. Außerdem ist sie Autistin. Auf ihrem Kanal nennt sie sich „Girl from Planet Aspie” und nimmt die Zuschauenden in ihren Videos mit auf ihren Planeten. Sie erzählt über ihr Leben als neurodiverser Mensch und erklärt, was es bedeutet im Autismus-Spektrum zu sein. 

Autismus als ein Spektrum

Früher hätte man Lisa eine Asperger Autistin genannt. Das ist eine Form des Autismus, die meist ohne Einschränkungen der Intelligenz und Sprachentwicklung einhergeht. Die Unterteilung in frühkindlichen, atypischen und Asperger Autismus gilt heute als veraltet. Autismus wird jetzt vielmehr als ein Spektrum betrachtet, weil die Symptomatik sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann, sich die Formen oft überschneiden und jeder autistische Mensch individuelle Schwierigkeiten und Bedürfnisse hat. Heutzutage spricht man deshalb oft von neurodiversen Menschen. Das ist eine Bezeichnung für all diejenigen, deren neurologische Entwicklung atypisch ist und nicht mit dem übereinstimmt, was die meisten als normal erachten. Darunter zählen aber nicht nur Autist*innen sondern auch Personen mit ADHS, Schizophrenie oder auch bestimmten Persönlichkeitsstörungen. 

Infografik zur Autismus-Spektrum-Störung Informationen zur Autismus-Spektrum-Störung | Bild: Jonah Constantin Schua

Der Weg bis zur Diagnose

Lisas Weg bis zur Diagnose war kein leichter. Jahrelang wurde sie fehldiagnostiziert - Borderline und eine Aufmerksamkeitsstörung sollte sie haben. Als Kind war sie unruhig, zog sich aber auch oft zurück und wirkte abwesend, wie als wäre sie in ihrer eigenen Welt. Berührungen ließ sie nur von ganz bestimmten Menschen zu und galt generell als das „besondere” Kind. Nicht selten wurde sie von Lehrkräften und Mitschüler*innen falsch verstanden, eckte vor allem in sozialen Situationen immer wieder an und fühlte sich deshalb oft nicht dazugehörig. Schlussendlich war es ihre Mutter, die zusammen mit Lisas Therapeutin die alten Diagnosen hinterfragte und das passende Bild in der Autismus-Spektrum-Störung fand. Sie selbst sagt: „Der Tag der Diagnose war ein Wendepunkt für mich". Da war Lisa 26 Jahre alt. Ein recht spätes Alter, um eine Autismusdiagnose zu erhalten.

„Der Tag der Diagnose war ein Wendepunkt für mich”  – Lisa

Ein Wort für das Gefühl

Dank der richtigen Diagnose konnte Lisa nun daran arbeiten, sich so zu akzeptieren, wie sie wirklich ist. Sie funktioniert zwar anders – hat eine andere Denkweise und ein anderes Körpergefühl - aber sie ist gut und ausreichend, so wie sie ist. Und nicht nur das: Ihre starke Sensibilität hat auch Vorteile. Oft bekommt sie Dinge aus ihrem Umfeld mit, die andere gar nicht wahrnehmen. „Meine Ohrenärztin meinte einmal, dass ich wohl eine gute Tontechnikerin sein könnte, weil ich bei einem Hörtest schon die Vibration des Tons wahrgenommen habe, bevor er überhaupt erst erklang”. In solchen Momenten ist Lisa stolz auf ihre besondere Wahrnehmung. Es kann aber auch passieren, dass diese ihr zum Verhängnis wird. Zu viele Reize können bei Autist*innen einen „Overload” auslösen. Wenn das passiert geht oft gar nichts mehr. „Manchmal bin ich Tage oder auch Wochen - in schlimmen Fällen auch Monate lang erschöpft und erhole mich nur sehr langsam davon.” Es kann aber auch passieren, dass sich die Reizüberflutung schnell entlädt. Dann ist die Gefahr groß, dass Lisa aggressiv gegenüber sich selbst oder auch anderen wird. Neurotypische Menschen filtern diese Reize unterbewusst. Lisa hat dafür bestimmte Hilfsmittel. So nutzt sie zum Beispiel geräuschunterdrückende Kopfhörer, wenn sie sich in großen Menschenmassen befindet oder auch eine Sonnenbrille, die die Lichtreize vermindert. Trotzdem sagt sie: „Ich bin froh darüber, anders zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, neurotypisch zu sein. Ich glaube, dann würde ich mich ziemlich langweilen”. Dass sie mitlerweile gut mit ihrer besonderen Wahrnehmung zurecht kommt, verdankt sie jahrelangem Training. Immerwieder konfrontiert sie sich selbst mit Situationen, die ihr zuerst schwierig und unsicher vorkommen. So wird sie langsam immer besser darin, ihre Ängste abzubauen.

„Ich bin froh darüber, anders zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, neurotypisch zu sein. Ich glaube, dann würde ich mich ziemlich langweilen”  – Lisa

Aufklären und voneinander lernen

Heute kommuniziert sie offen über ihre Autismusdiagnose. Sowohl in ihrem Umfeld, als auch auf Social Media. Sie möchte aufklären und entstigmatisieren. Denn der lange und steinige Weg bis zu ihrer Diagnose ist keine Seltenheit. Vor allem Frauen gelten als unterdiagnostiziert, weil sich in der Gesellschaft das Bild eines männlichen Nerds, der zwar gut in Mathe, dafür aber in sozialen Situationen oft unbeholfen ist, manifestiert hat. Außerdem gehen Expert*innen davon aus, dass sich die Symptomatik bei Autistinnen anders zeigt. Mädchen neigen dazu, sich früh anzupassen, weil der gesellschaftliche Druck, dem sie ausgesetzt sind, das von ihnen verlangt. Sie sollen ruhig und brav sein. Wohingegen es bei Jungs als völlig normal gilt, wenn sie mal laut und aufgedreht sind. Das spiegeln von Verhalten, Mimik und Gestik der Mitmenschen wird auch “Mirroring” genannt und ist eine typische Verhaltensweise beim hochfunktionalen Autismus. Allerdings erschwert es mitunter auch eine frühe Diagnosestellung, da die Menschen nach außen hin der Norm entsprechend funktionieren, es aber extrem anstrengend für sie ist, diese Fassade aufrecht zu erhalten. Das hat auch Lisa erlebt und ist deshalb froh, nun durch ihre Diagnose mehr Freiheit in ihrem eigenen Erleben bekommen zu haben und ihre Andersartigkeit zu ihrem Vorteil nutzen zu können. Dadurch, dass neurodiverse Menschen oft Dinge infrage stellen, auf die andere Menschen gar nicht kommen würden, können wir sehr viel voneinander lernen und somit unsere Gesellschaft bereichern.