Es heißt, man treffe nie auf Menschen, die unter Agoraphobie leiden, da sie ihr eigenes Haus nicht verlassen. | Bild: Verena Nagel

edit.Challenge Agoraphobie mit Panikstörung
Angst vor der Außenwelt

Es heißt, man treffe nie auf Menschen, die unter Agoraphobie leiden, da sie ihr eigenes Haus nicht verlassen. | Bild: Verena Nagel

10 Dec 2019

Einkaufen gehen und Bahn fahren - alltägliche Situationen, die eigentlich kein Problem sind. Für Menschen, die unter Agoraphobie leiden, ist das anders. Jeder Schritt vor die Türe wird zu einer unüberwindbaren Herausforderung. Sie haben Angst vor der Außenwelt. Wie geht man damit um, wenn Angst und Panik das eigene Leben kontrollieren? Lena, eine Betroffene, berichtet.

 

Verena Nagel

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seit Sommersemester 2018
Gesellschaft

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„Da hatte ich sofort eine Panikattacke,“ sagt Lena. Sie sitzt mit angewinkelten Beinen in der Ecke des Sofas. Lena spricht von ihrem ersten Abendessen im Internat. Ein großer Speisesaal, klapperndes Geschirr und viele fremde Gesichter. Augen, die sie anstarren. Ihre Angst war der Grund, weshalb sie von ihrem gewohnten Zuhause in ein Internat gezogen ist. Die Angst davor, das sichere Haus zu verlassen und in die Schule zu gehen. „Es war echt schwierig, aber gleichzeitig ist der Plan meiner Therapeutin voll aufgegangen.“ Sie grinst.
Lena hat Agoraphobie mit Panikstörung. Für Menschen, die unter Agoraphobie leiden, kann der Alltag zum Albtraum werden. Eine Fahrt mit der Bahn, in die Uni zu gehen oder ein Supermarktbesuch lösen bei Betroffenen völlige Panik aus. Es ist nicht nötig, dass der Betroffene sich wirklich an diesem Ort befindet. Oft kann die bloße Vorstellung daran die Panikattacke auslösen. Die Angst, aus der Situation nicht flüchten zu können, schränkt die Lebensqualität Betroffener stark ein. Wie Angststörungen entstehen, ist nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Dazu zählen Stress und einschneidende, persönliche Lebensereignisse. Auch körperliche Faktoren wie bestimmte Erbanlagen oder ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn, können dazu führen. Im Gegensatz zu anderen Angsterkrankungen beginnt eine Agoraphobie nicht schleichend, sondern ganz plötzlich mit einer Panikattacke.
Das Herz beginne zu rasen. Sie habe immer stark gezittert und ihre Hände seien dann ganz kalt geworden. Alles wirke intensiver, lauter. „Alles ist so zu viel. Jeder Eindruck ist einfach zu viel!“ Ihre Stimme zittert fast. Dann lacht sie wieder. „Es ist als wäre man nicht wirklich da, als würde man träumen oder einen Film schauen.“ Als ob man keinen Einfluss auf die Situation hat, in der man plötzlich in Panik gerät. Für einen Moment wirkt sie in sich gekehrt. Aus so einer Situation, wolle man in dem Moment ganz schnell flüchten. Aber man könne ja nicht vor der Panikattacke wegrennen, ergänzt sie und grinst. Aber nur kurz.

Während einer Panikattacke wirkt jeder Eindruck unfassbar intensiv auf Lena. | Bild: Verena Nagel
Betroffene isolieren sich. | Bild: Verena Nagel
Menschen, die unter Agoraphobie leiden, meiden öffentliche Verkehrsmittel. | Bild: Verena Nagel

Betroffene beginnen diese Situationen und die Öffentlichkeit zu meiden. Aus Angst vor der Angst. Sie isolieren sich und verlassen oft ihr eigenes Haus nicht mehr. Es gab eine Zeit, in der war es für Lena besonders schlimm. Da hat sie wirklich gar nichts mehr gemacht. Ein Schritt vor die Tür - die Angst vor der Panikattacke schoss in ihr hoch. Nur mit ihrem Hund war sie ab und zu draußen. Aber nur ganz kurz. Und nicht weit weg vom Haus. Auf die Frage, was das Schlimmste gewesen sei, antwortet sie mir: „Dass man nicht die Hoffnung verliert, weil man immer weniger macht, immer weniger Leute trifft und rausgeht und eben auch depressiv wird." Zu der Zeit habe sie einen Jungen kennen gelernt. Sie sei auch bereit gewesen für eine Beziehung. Letztendlich sei es aber daran gescheitert, dass sie nirgends mehr hinkonnte. Andere gehen ins Kino, Kaffee trinken und können sich so kennen lernen. „Es war ja nicht so, dass ich per se nicht ins Kino gewollt hätte, aber ich konnte einfach nicht.“ Der Leidensdruck ist spürbar. Vielleicht auch ein wenig Wut. Wut darüber, dass die Angst ihr Leben kontrollierte. Aber möglicherweise war das ein Anstoß, den Kampf mit der eigenen Angst aufzunehmen. Sich ihr immer mehr entgegenzustellen.
In solchen Fällen beginnen Betroffene eine Verhaltenstherapie, erklärt Psychotherapeutin Corinna Lindenau. Ziel sei es, alte Verhaltensmuster durch neue und gesündere zu ersetzten. Zuerst würden die Situationen, vor der der Betroffene Angst hat, analysiert. Dann sei es wichtig, klein anzufangen. Das bedeute, man schaue sich den Ort erstmal aus der Ferne an. Anschließend begebe man sich dorthin und versuche eine Weile dort zu bleiben. „Je mehr Übung desto besser“, so die Expertin. Es soll erreicht werden, dass sich der Betroffene an die Umgebungen und Situationen gewöhnen könne, keine Panikattacken mehr bekomme und somit auch die Angst verliere.

Schließlich begann Lena, ein Internat zu besuchen. Ständig von Menschen umgeben. Besonders das Essen im großen Speisesaal habe sie als große Herausforderung empfunden. Aber genau das sei der Plan ihrer Therapeutin gewesen. Lena habe sich immer geschämt, vor all den Menschen plötzlich aufzustehen und wegzurennen.

„Erst bleibst du drinnen, weil es dir peinlich ist, aber nach ein paar Tagen bleibst du drinnen, weil du drinnen bleiben kannst.“  – Lena

Es ist ein Kampf mit der Angst. Lena stellt sich ihm: „Man kann halt nur die Angst überwinden, indem man die Sachen macht, vor denen man Angst hat. Das muss man auch erst mal schaffen und es ist ja nicht so, dass man dann einmal die Sache macht oder zweimal und dann ist wieder gut, sondern es geht immer weiter. Es hört eigentlich fast nie auf.“
Auf die Frage, ob Agoraphobie heilbar sei, antwortet die Expertin: „Was heißt komplett heilbar.“ Die Angst sei Betroffenen an den jeweiligen Orten immer bewusst. „Sie werden sie immer spüren, aber es gibt Strategien, die Angst so in den Griff zu bekommen, dass man damit umgehen kann.“

Diesen Sommer besuchte Lena sogar das Southside Festival. „Es ist schon witzig. Da waren tausende Leute um mich herum und ich war echt erstaunt über mich selber, dass ich eigentlich nicht nervös war.“ Was sollte ihr danach noch Angst machen? Sie bricht in Gelächter aus. Kaufhäuser. „Die sind für mich eben noch stressig.“ Dennoch würde sie sich davon nicht aufhalten lassen und hineingehen, betont sie. Die Kontrolle über die Angst zu behalten scheint ihr sehr wichtig zu sein. Schließlich merke sie, dass es ihr schwerer falle, sich zu überwinden, wenn sie mehrere Tage nicht vor die Türe gehe.

 

Heute hat Lena kaum noch Probleme mit der Agoraphobie. Seitdem fällt es ihr schwer, einfach nichts zu tun. „Wo ich eben eine Zeit lang nichts machen konnte, weil ich so Angst vor den Sachen hatte, krieg ich jetzt halber die Krise, wenn ich zwei Tage nur zu Hause sitze.“ Sie habe dann den Drang, sofort irgendetwas zu tun. „Da ist in mir so die Angst, dass es wieder so wird und ich praktisch wieder Angst habe, rauszugehen.“ Man trage die Angst natürlich mit sich rum, sie sei eben ein Teil von einem. Wieder lacht Lena. Trotzdem lacht sie. Anfang Dezember plant sie, zu einem Klassentreffen ihrer ehemaligen Schule zu fahren.