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Das Gazi-Stadion auf der Waldau - ein Schatten vergangener Tage. | Bild: Loris Hoffmann

edit.Challenge Stuttgarter Kickers
Ein Trümmerhaufen

Das Gazi-Stadion auf der Waldau - ein Schatten vergangener Tage. | Bild: Loris Hoffmann

10 Dec 2019

Abstiege, Misserfolge und Negativrekorde. Bei den Stuttgarter Kickers jagte in den letzten Jahren ein sportliches Debakel das nächste, der Verein ist tief gefallen - und daran selbst schuld. Ein Kommentar.

Loris Hoffmann

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seit Sommersemester 2019
SportGeesellschaft

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DfB-Pokal, erste Runde. Das Gazi-Stadion auf der Waldau ist ausverkauft. Menschenmassen pilgern zu den Eingangstoren, einige versuchen noch ein Ticket am Straßenrand zu ergattern. Gegner ist der Hamburger SV. Die Stuttgarter Kickers gewinnen mit 4:3 nach Verlängerung, eine Sensation!

Der Absturz

An diesem warmen Septembertag im Jahr 2006 sind die Erinnerungen an glorreiche Zeiten spürbar, der Verein lebt. In der gleichen Saison verpassen die Blauen in der Regionalliga, damals die dritthöchste Spielklasse, den Aufstieg in die 2. Bundesliga nur knapp. Heute, 13 Jahre später, spielen die Kickers in der Oberliga, der fünfthöchsten Ebene im Spielklassensystem. Sie sind ein weiterer Traditionsverein, wie beispielsweise die SG Wattenscheid oder Rot-Weiss Essen, welcher in den letzten Jahren den Anschluss an den professionellen Fußball verloren hat. Die Kommerzialisierung im modernen Profifußball spielt dabei eine tragende Rolle.

Der sportliche Verlauf der Stuttgarter Kickers in den letzten fünf Jahren | Bild: Loris Hoffmann

Festgefahren

Kommerzialisierung bedeutet im Grunde, dass Vereine durch die Hilfe eines Mäzens oder Wirtschaftsunternehmens mit Geld versorgt werden. Vor allem Fan-Gruppierungen versuchen seit Jahren gegen diese Entwicklung anzukämpfen, so auch die Fans der Kickers. 2017 planten die Kickers eine Ausgliederung, doch die Mitglieder stemmten sich dagegen. Die Entscheidung war richtig, die Folgeschlüsse nicht. Statt sich auf eine eigene Philosophie zu fokussieren, Jugendspieler in die erste Mannschaft einzubauen oder mit durchdachten Transfers einen ausgeglichenen Kader zusammenzustellen, wiederholten die Verantwortlichen die Fehler der Vergangenheit.

Aufsichtsratsvorsitzender Christian Dinkelacker und Präsident Rainer Lorz sind seit Jahren in der Verantwortung, beiden fehlt es an fußballerischer Kompetenz. Ehemalige, prägende Figuren im Verein wie Vincenzo Marchese oder Fredi Bobic bieten seit Jahren ihre Hilfe an, angenommen wurde diese nicht. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Strukturen bei den Kickers dringend eine Veränderung brauchen.

„Die Verantwortlichen wollten uns unter den ersten fünf sehen, das wurde klar kommuniziert“ – Nico Blank, Fußballprofi bei den Stuttgarter Kickers zu der Abstiegssaison 2017

Selbstverschulden

Ständige, übereilte Trainerwechsel, wie die Entlassung der Erfolgstrainer Dirk Schuster und später Horst Steffen, sorgten daraufhin immer wieder für neue Konzepte, unterschiedliche Philosophien und brachten ständig neue Unruhen in die Mannschaft. Der aktuelle Trainer Ramon Gehrmann ist der siebte Trainer im Amt - und das in drei Jahren!

Die Kickers brauchen eine eigene Philosophie, vor allem in den Führungskreisen sind die Strukturen veraltet. Die Jugendarbeit ist herausragend, die Integration in die erste Mannschaft ausbaufähig. In den Abstiegssaisons war der Verein finanziell konkurrenzfähig aufgestellt. Trotz des sportlichen Niedergangs sind zahlungsfähige Sponsoren treu geblieben, der Etat ist einer der höchsten in der Oberliga.

Die Kickers sind nicht an der Kommerzialisierung gescheitert, sondern immer wieder am eigenen Unvermögen. Der Verein ist ein Trümmerhaufen - aber genau darin liegt auch die Chance für eine erfolgreiche Zukunft.