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Schwere Kindheit
Mein Leben mit dem Münchhausen-Stellvertretersyndrom

Kinder sind die Leidtragenden vom Münchhausen-Stellvertretersyndrom. | Bild: Laura Pötsch

Schwere Kindheit Mein Leben mit dem Münchhausen-Stellvertretersyndrom

Kinder sind die Leidtragenden vom Münchhausen-Stellvertretersyndrom. | Bild: Laura Pötsch
 

12 May 2022

Sechs Psycholog*innen, zwei Aufenthalte in geschlossenen Einrichtungen und eine ambulante Therapie – das alles in zwei Jahren. Dabei war Martin gar nicht krank. Seiner Mutter gefiel einfach nur die Aufmerksamkeit. Denn sie leidet am Münchhausen-Stellvertretersyndrom.

Laura Pötsch

Medienmanagement
seit Wintersemester 2021
Gesundheit&SportKultur&Gesellschaft

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Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um Kindesmissbrauch. Bei manchen Menschen kann dies negative Reaktionen auslösen. Wenn du oder jemand den du kennst von Kindesmissbrauch betroffen war oder ist, kannst du dich bei einer der verlinkten Hilfestellen am Ende des Beitrags melden, um Hilfe zu bekommen. 

Das Münchhausen-Stellvertretersyndrom, auch Münchhausen-by-proxy-Syndrom genannt, ist eine psychische Störung. Dabei täuscht eine Bezugsperson bei einem Kind Krankheiten vor oder erzeugt diese aktiv. Es wird vermutet, das die den Täter*innen entgegengebrachte Aufmerksamkeit der Grund für dieses Verhalten ist.

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Wie viele Fälle es in Wirklichkeit gibt, lässt sich nur schwer ermitteln. | Bild: Laura Pötsch

Angefangen habe alles mit der Trennung der Eltern. Martin* sagt, die Aufmerksamkeit seiner Mutter habe sich danach stark auf ihn gerichtet. Sie fragt ihn exzessiv, wie es ihm gehe und was er denn für Probleme habe. Auch bei Besuchen von Verwandten ist das erste Gesprächsthema die Gesundheit von Martin. Doch die Trennung fällt nicht nur der Mutter schwer, auch für Martin ist sie eine starke Umstellung. In der Schule wird er deshalb unaufmerksam, redet viel und lenkt seine Mitschüler*innen ab. Für seine Mutter Grund genug, ihn zur Psychologin zu schicken. Allerdings kann diese nach drei Monaten kein Problem bei ihm feststellen. Während andere Mütter damit zufrieden gewesen wären, schickt Martins Mutter ihn zu einem zweiten Psychologen. 

Vier weitere Psycholog*innenbesuche folgen. Im Zuge der ersten Diagnose ADHS werden Martin Beruhigungsmittel verschrieben. Er ist damals neun. Als sich seine Noten daraufhin verschlechtern, stellt der nächste Psychologe die Diagnose ADS ohne Hyperaktivität. Die Idee, dass Martin ruhig ist, weil er Beruhigungsmittel nimmt, kommt weder seinem Psychologen noch seiner Mutter. Um ihn aktiver zu machen, werden ihm Aufputschmittel verschrieben.

Was ist ADS ohne Hyperaktivität?

ADS ist wie ADHS eine Aufmerksamkeitsstörung. Während bei ADHS und ADS typischerweise eine Hyperaktivität vorliegt, zeichnet sich ADS ohne Hyperaktivität dadurch aus, dass Betroffene sehr ruhig und verträumt sind und dem Unterricht nur schwer folgen können.

Quelle: ADHS Deutschland

Der Medikamenten-Mix sorgt bei Martin für einen Zustand von abwechselnder Trägheit und Nervosität. Irgendwann scheinen die Betäubungsmittel nicht mehr zu wirken und werden abgesetzt. Da Martin nun allerdings nur noch die Aufputschmittel einnimmt, verstärkt das sein lautes Wesen. Auf der Suche nach einer Erklärung wechselt Martins Mutter nochmals den Psychologen. Er stellt die Diagnose Hyperaktivität und verschreibt neue Medikamente. 

Das Syndrom verstärkt sich

Nach den vielen Diagnosen bemerkt Martin, wie sich das Interesse seiner Mutter an seiner Gesundheit und seinen Problemen zunehmend verstärkt. Zeitgleich spürt er wie sie immer mehr aufblüht, wenn er sich danebenbenimmt. Sie stachelt die Rivalität zwischen ihm und seinem Bruder an. Der Bruder ist gewalttätig, Martin laut, die Mutter glücklich. Sie isoliert ihn zunehmend. Er darf nicht mehr in den Fußballverein und auch seinen besten Freund nicht mehr sehen.

„Das ist ein typisches Symptom der Krankheit.“, sagt Carolin Burmeister-Gallion. Sie arbeitet als Psychologin bei der psychologischen Beratung des Studierendenwerks Stuttgart und erklärt, dass die Kinder durch den Vergleich mit anderen irgendwann feststellen könnten, dass etwas in der Beziehung zu ihrer Bezugsperson nicht stimmt. Oft sei Isolation somit keine Folge, sondern ein Bedingungsfaktor, ohne den sich die Krankheit nicht weiter ausprägen kann. 

Durch die Medikamente erleidet Martin zunehmend einen Kontrollverlust über seinen Körper. Er beschreibt es als „ein unheimlich schreckliches Gefühl, wenn du versuchst aufzustehen und dein gesamter Körper sagt dir, es ist alles okay, aber nichts passiert. Du versuchst dich zu bewegen und nichts passiert.".

„Das ist ein unheimlich schreckliches Gefühl, wenn du versuchst aufzustehen, aber nichts passiert.“ – Martin*

Als Martin seine Medikamente zählt, sind es zwei Betäubungsmittel und zwei Aufputschmittel. Ob sie alle von den Psycholog*innen verschrieben wurden oder Martins Mutter auf die Anzahl einen Einfluss genommen hat, weiß er nicht. Auch ob seine Mutter bestimmte Krankheiten forciert hat, kann er nicht sagen. 

Doch wie konnten Martin drei verschiedene Diagnosen gestellt werden? Warum haben die Ärzt*innen nichts gemerkt? Frau Burmeister-Gallion erklärt, dass es die Aufgabe von Psycholog*innen sei, ihren Klient*innen erst einmal zu glauben. Bei Kindern sei das in den meisten Fällen die Bezugsperson des Kindes. Zudem haben Ärzt*innen keine Einsicht in die bisherige Krankengeschichte ihrer Patient*innen, sofern diese dem nicht zustimmen. Auch wenn Martins Mutter ihn nicht aktiv krank gemacht hat, entspricht ihr Verhalten dem Krankheitsbild des Münchhausen-Stellvertretersyndroms, meint die Psychologin. Denn auch „Ärzt*innen-Hopping" sei typisch für das Syndrom.  

Verlorener Wille

Durch die neuen Medikamente werden Martins Noten in der Schule erneut schlechter. Die Lösung seiner Mutter: Einweisung in eine geschlossene Einrichtung. Als diese kein Problem bei ihm feststellen können, weist Martins Mutter ihn in eine zweite Einrichtung ein. Die Zeit in der zweiten Einrichtung bezeichnet Martin als eine der schlimmsten in seinem Leben. Sie kennzeichnet den Höhepunkt seines Leidenswegs. 

Als Martin aus der Einrichtung entlassen wird, wehrt er sich nicht mehr gegen die Medikamente, die seine Mutter ihm gibt. Er sagt, dass er zu der Zeit keinen Lebenswillen mehr hat. „Meine Art zu denken, mein Wissen und so weiter wurden komplett vernichtet. Meine Familie, die mir Rückhalt geben könnte, gab es nicht." Sein Leiden endet erst, als sein Vater wieder in sein Leben tritt. Er bemerkt die Lebensumstände und holt Martin und seinen Bruder zu sich. Martin ist damals elf. An die Zeit erinnert er sich erst wieder, seit er 17 ist. Sechs Jahre hat er sie unterdrückt.

„Meine Art zu denken, mein Wissen und so weiter wurden komplett vernichtet.“ – Martin*

Zwei Jahre Leidensweg, wie hat ihn das beeinflusst? Martin sagt, ein Heimatgefühl ist für ihn heute befremdlich und irritierend. Auch Ärzt*innen konnte er eine lange Zeit nicht mehr vertrauen. Misstrauen sei eine typische Folgeerscheinung von Betroffenen, meint Frau Burmeister-Gallion. Allerdings seien auch Traumatisierungen, Depressionen, Angststörungen und andere psychische Störungen Folgen, die bei Betroffenen auftreten können. 

Der beste Weg, um einem betroffenen Kind zu helfen, sei es, die Bezugsperson von dem Kind zu trennen und zu beobachten, ob sich etwas an der Symptomatik ändert, meint die Expertin. Wenn das nicht möglich ist, sind Beratungsstellen, Therapeut*innen und in akuten Fällen auch Krankenhäuser gute Anlaufstellen. Sie sagt auch, dass es in einer solchen Situation vor allem auf Außenstehende ankommt, da besonders Kinder kaum Chancen haben, sich allein aus so einer Lage zu befreien. 

Martin hatte Glück. Mit seiner Mutter telefoniert er heute, 14 Jahre später, alle drei Monate und sieht sie zweimal im Jahr. Er sagt, er hat die Zeit von damals verarbeitet. Sie sei ein Teil von ihm.

*Name aus Schutz des Protagonisten sowie seiner Familie geändert.