Mann-männliche Prostitution findet statt, auch auf Stuttgarts Straßen. (Symbolbild) | Bild: Verena Nagel

edit.Challenge Männliche Prostitution
Sex for Sale - nicht nur Frauen schaffen an

Mann-männliche Prostitution findet statt, auch auf Stuttgarts Straßen. (Symbolbild) | Bild: Verena Nagel

24 Jan 2020

Die Gesellschaft kennt keinen richtigen Namen für sie: Junge Männer, die sexuelle Dienste anbieten. Obwohl männliche Prostitution stattfindet, wird nicht darüber gesprochen – weder in der Gesellschaft noch in der Politik. Tom Fixemer, Sozialpädagoge und Geschäftsleitung des Vereins zur Förderung von Jugendlichen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten, gibt einen Einblick.

Auf meinem Weg zum Interview durchquere ich die Leonhardstraße. Rote Lichter scheinen mir entgegen. Von der anderen Straßenseite aus wirft mir eine knapp bekleidete Frau Küsse zu. Eine blinkende Leuchtreklame mit den Worten „GIRLS, GIRLS, GIRLS“, sticht ins Auge. Von männlichen Sexarbeitern scheinbar keine Spur.
Nur wenige hundert Meter weiter treffe ich Tom Fixemer in seinem Büro.

Auf Stuttgarts Straßen sieht man „Jungs, die anschaffen“ immer weniger. Doch das bedeutet nicht das Ende der männlichen Sexarbeit. Ein Großteil der Prostitution habe sich ins Internet verlagert, erklärt der Experte. Der Verein betreibt daher auch aufsuchende Sozialarbeit im Netz. Die Mitarbeiter sind spezifisch in Foren unterwegs und bieten Chatberatungen an. „Das sind schon Zugangswege, die wichtig sind“, so Fixemer. Trotzdem seien Offline-Konzepte relevant. Nach wie vor finde Sexarbeit und Prostitution auch unabhängig vom Internet statt: In spezifischen Kneipen oder an öffentlichen Orten wie beispielsweise der Klappe am Bahnhof. Als Klappe werden öffentliche Toiletten bezeichnet, die für Geschlechtsverkehr zwischen Männern, aufgesucht werden.

Das Prostitutionsschutzgesetz vom Juli 2017 sollte die Arbeitsbedingungen von Prostituierten verbessern und helfen, gegen Gewalt und Ausbeutung im Milieu besser vorgehen zu können. Doch das Gesetz steht in der Kritik: Es habe nicht die Stigmatisierung abgeschafft, sondern die Kontrolle in den Vordergrund gestellt – nicht, wie geplant, den Schutz. Zwar sei es gut, dass es bessere Möglichkeiten zur Gesundheitsversorgung gebe, meint Herr Fixemer, doch die Meldepflicht bei Behörden und Mitführung eines Prostituiertenausweises verunsichere die Sexarbeiter. In unserer digital vernetzten Welt könne die Meldepflicht sogar gefährlich werden, warnt er. Besonders für Migranten bürge das Gesetz mehr Risiken. Diese besitzen oft keine Postanschrift in Deutschland und wissen nicht, was mit ihren Daten passiert. Außerdem müssen sie mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen, wenn sie in ihr Heimatland zurückkehren. Auch die Zahlen spiegeln den Misserfolg des Gesetztes wieder: Während in Stuttgart lediglich zwei männliche Prostituierte beim Amt gemeldet sind, geht der Verein von etwa 350 bis 500 Sexarbeitern unter 35 Jahren in der Region aus. Prostitution werde weiter in die Illegalität gedrängt, gibt der Experte zu bedenken. Auch die im Gesetz verankerte Kondompflicht kritisiert er: „Ich finde es interessant, dass wir eine erste gesetzliche Safer-Sex-Strategie verfolgen. Also eine gesetzliche Verpflichtung, sich bei sexuellen Dienstleistungen mit einem Kondom zu schützen. Dabei gibt es Männer, die sich bereits mit PrEP oder Schutz durch Therapie, vor einer HIV Infektion schützen.“ Die Kosten können von der Krankenkasse übernommen werden. Die Nutzung von Femidomen oder anderen Methoden ist hingegen nicht gesetzlich geregelt.

Quelle: Deutsche Aidshilfe | Bild: Verena Nagel

Warum Menschen sich prostituieren, hat verschiedene Gründe. Für manche Menschen könne es auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität bedeuten. „Ich habe junge Männer kennengelernt, die gesagt haben, Geld sei ihre sexuelle Orientierung, um immer wieder eine Distanz für sich herstellen zu können“, so der Sozialpädagoge. Auch das Wording „gay for pay“, also schwul für Geld, habe er schon gehört. Dies könne zwar zutreffen, aber auch eine Strategie sein, sich nicht mit dem Label Homosexualität auseinandersetzen zu müssen. Viele Migranten sind Sexarbeiter. Schwul sein – das ist in ihren Heimatländern verboten. Zudem haben sie oft keine Wahl: „Wenn du in Migrationsprozessen bist, ohne in die Illegalität abzuwandern, welche anderen Möglichkeiten hast du dann?“ Man könne in den Drogenhandel gehen, das sei aber illegal. Sexarbeit sei somit oft der einzige Weg, legal an Geld zu kommen. Eine differenzierte Betrachtung, sei daher enorm wichtig, betont der Experte.

Aber auch in Deutschland ist männliche Sexarbeit mit einem doppelten Tabu behaftet: Prostitution und Homosexualität. Alle anderen sexuellen Orientierungen, die nicht der heterosexuellen entsprechen, werden stigmatisiert, meint der Sozialpädagoge. Es solle eine sex-positive Auseinandersetzung geben, in der man über verschiedene Sexualitäten sprechen könne. Man müsse über sexuelle Selbstbestimmung sprechen. Auch darüber, wann diese aufhöre und wann es als sexualisierte Gewalt zu bezeichnen sei. Aber dafür brauche es Diskussion, appelliert er.

Du brauchst Hilfe?

Anlauf- und Beratungsstelle für junge Männer die sich prostituieren, ist das Café Strich-Punkt.

Jakobstraße 3

70182 Stuttgart

Öffnungszeiten:

Montags:   16-20 Uhr
Mittwochs: 16-19 Uhr

Chat-Beratung:

https://antihelden.beranet.info/ueber-uns.html