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Laut Netzsieger suchen 40 Prozent der deutschen Kinder im Internet nach pornografischen Inhalten. (Symbolbild) | Bild: Chiara Maier

Sex&Identität Pornografie
Zwischen gesundem Konsum und Sucht

Laut Netzsieger suchen 40 Prozent der deutschen Kinder im Internet nach pornografischen Inhalten. (Symbolbild) | Bild: Chiara Maier

22 Dec 2020

Pornografie – ein Tabuthema. Die Expertinnen Heike Melzer und Nadine Eikenbusch gehen davon aus, dass vor allem Jugendliche durch die Inhalte stark beeinflusst werden. Doch ist wirklich alles daran schlecht? Sollte sogar ein Verbot eingeführt werden?

Chiara Maier

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
seit Sommersemester 2020

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Pornografie als Suchtmittel

Laut Paar-und Sexualtherapeutin Heike Melzer sind Jugendliche teilweise schon im Alter von 15 Jahren pornosüchtig: Die Betroffenen ziehen sich zurück, pflegen kaum noch soziale Kontakte, vernachlässigen ihre Hobbys und die Schule. Hinzu komme das Gefühl von Einsamkeit, sowie aggressives Verhalten, wenn sie nicht an ihr Suchmittel gelangen. Weitere Folgen der Pornosucht seien sexuelle Funktionsstörungen und partnerbezogene Unlust in der Beziehung, erklärt sie. Die Therapeutin merkt jedoch auch an: „Es ist ganz normal, dass Jugendliche sich Pornografie ansehen. Nicht jeder wird davon süchtig.“ Sie vergleicht es mit Alkohol: Manche trinken ab und zu ein Bier und andere verfallen der Sucht. 

Nur drei Prozent der Pornoseiten erfragen das Alter des*der Nutzer*in (Quelle: Netzsieger, 2018). | Bild: Chiara Maier

Inwiefern werden die Jugendlichen beeinflusst?

Die Mehrzahl der Konsument*innen besteht aus männlichen Nutzern, jedoch holen die Frauen deutlich auf: Auf der Betreiberplattform „xHamster“ machen sie schon etwa 30 Prozent der Zuschauer*innen aus, so Melzer. 

Doch können junge Menschen, die sich gerade entwickeln, die pornografischen Inhalte überhaupt einordnen und verstehen? In ihrem Buch „Scharfstellung“ beschäftigt sich Heike Melzer unter anderem mit diesem Thema. 

Pornografie löst immer Gefühle aus, beispielsweise Lust oder Ekel. Vor allem bei Pubertierenden reagiere der Körper sehr stark, sagt die Therapeutin im Interview. Auch Schönheitsvorstellungen und das Bild von Sexualität werden beeinflusst. Denn die Videos bilden natürlich oft nicht die Realität ab. So entsteht durch den Vergleich mit den Protagonist*innen auch automatisch ein gewisser Schönheitsdruck. Die Scham, sich über das Thema auszutauschen, ist bei den Jugendlichen zudem sehr groß. Vor allem mit der Familie.

Die Paar-und Sexualtherapeutin Dr. med. Heike Melzer. „Je jünger das Gehirn ist, desto weniger kann es einordnen und unterscheiden, was fiktional und was real ist“, so Heike Melzer. | Bild: Heike Melzer

Die Vor-und Nachteile des Internets

Doch was unterscheidet Pornografie im Internet von ihren früheren Formen? Für Melzer ist es vor allem die Verfügbarkeit rund um die Uhr. Jede*r kann durch das Smartphone und das Internet überall auf die entsprechenden Seiten und Material aus der ganzen Welt zugreifen. Da man nicht mehr an den Kiosk gehen muss, wird auch die Hemmschwelle geringer. Zudem sind die Inhalte heutzutage meist kostenfrei. „Man muss nicht mehr 6,50 Euro für einen Playboy hinlegen“, fügt sie hinzu. 

Im Internet verbergen sich auch Gefahren. Denn es gibt verschiedene Arten von Pornografie, einige sind nicht nur verboten, sondern auch strafbar, wie zum Beispiel Kinderpornografie. Leider kursieren gewaltverherrlichende Videos trotzdem im Internet. Wegen mangelnder Alterskontrollen geraten auch junge Menschen, meist ungewollt, damit in Kontakt und werden dadurch verstört. 

Soll und kann man Pornografie verbieten?

Auch Nadine Eikenbusch, Referentin bei der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (NRW), sieht diese möglichen Gefahren der Pornografie im Internet. Doch sie erkennt auch positive Effekte bei der sexuellen Erziehung. Beispielsweise haben die Jugendlichen die Möglichkeit, ohne Hemmschwelle anonym zu agieren.

Referentin bei der Landesanstalt für Medien NRW, Nadine Eikenbusch. „Durch die Verbreitungsbasis des Internets hat sich im Laufe der Zeit auch die Art der Pornografie verändert. Pornografie ist heute extremer, mechanischer als noch vor 20 Jahren“, meint Nadine Eikenbusch. | Bild: Nadine Eikenbusch

Nadine Eikenbusch arbeitet für die EU-Initiative „Klicksafe“, ein bundesweites Medienkompetenzprojekt. Es soll Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien fit machen. Der pädagogische Ansatz hierbei: Die jungen Menschen sollen auch über Eltern oder Lehrkräfte erreicht werden. Außerdem hat die Landesanstalt für Medien NRW auch eine Regulierungsabteilung, die pornografische Inhalte prüft. 

Auch Heike Melzer ist der Meinung, dass Pornografie nicht nur negativ zu betrachten ist. Man kann sie nicht einfach abschaffen oder verbieten, da ist sie sich sicher. Für die Therapeutin haben Eltern in diesem Zusammenhang eine große Verantwortung gegenüber ihren Kindern. Das gilt vor allem heutzutage, in einer hochdigitalisierten Welt, in der Corona noch viel mehr Bildschirmzeit verursacht. Die Aufgabe der Eltern liegt für sie zum einen darin, dafür zu sorgen, dass die Kinder nicht so leicht an pornografisches Material herankommen. Zudem seien sie verpflichtet, offen mit ihnen zu sprechen, aufzuklären und zu informieren, sagt Melzer im Interview. Sie sollten langsam den „Führerschein“ machen. Wichtig sei auch, die Kinder im analogen Leben zu fördern, betont sie. Das bedeutet, eine Ankopplung ins reale Leben zu schaffen, beispielsweise durch gemeinsame Brettspielabende oder andere Unternehmungen. Pornografie ist an sich nicht schädlich, da sind sich die Expertinnen letztendlich einig. Die Auswirkungen kommen auch auf die Dosis, den Zeitpunkt und den Umgang damit an.