Kultur&Gesellschaft

Kolumne
Willkommen im Anti-Social-Club!

MEINUNG
Samstagabend und entspannt Zuhause auf dem Sofa? Kein Problem! | Bild: Sabrina Christmann

Kolumne Willkommen im Anti-Social-Club!

Samstagabend und entspannt Zuhause auf dem Sofa? Kein Problem! | Bild: Sabrina Christmann
 

27 Jan 2022

Von der Partymaus zur Couchpatato, vom geselligen Beisammensein zum Einsiedler – Corona hat mich verändert... Eine Kolumne über die abendlichen Gedanken auf dem Sofa, die man eigentlich am liebsten für sich behält.

Sabrina Christmann

Crossmedia Publishing & Management
seit 2022

Zum Profil

Es ist Freitagabend, das Wochenende kann jetzt so richtig durchstarten. Ob bei einem Restaurantbesuch mit den Freunden oder dem Gang um 23 Uhr in die Clubs. Doch stattdessen lassen wir uns die wildesten Ausreden einfallen, um nicht dabei sein zu müssen: „Huch, deine Nachrichten sind gar nicht durchgekommen“, „Sorry, Akku war tot“, „Ich mache gerade Detox und könnte eh nichts trinken“ oder „Total vergessen: Meine Oma feiert ihren 80. Geburtstag. Da muss ich leider hin.“ Das kommt dir bekannt vor? Tja, mir auch. Weil der einzige Wunsch nach einer anstrengenden Woche ist, sich auf’s Sofa zu hauen. Immerhin müssen wir uns jetzt wieder in volle S-Bahnen quetschen, Small Talks auf den Fluren halten und in Meetings große Reden schwingen. Socializing ist Arbeit. Das letzte Mal, als mich meine Freunde zu einem Karaokeabend einluden (jeder versteht, wieso man sich jetzt spätestens eine Ausrede einfallen lassen sollte), habe ich aus voller Seele bei „All by myself“ mitgegrölt und dafür noch regen Applaus abgeräumt. Ja, ich hab' das richtig gefühlt und meine Mitmenschen offensichtlich auch – nur aus anderen Gründen. Aber ist der Abend daheim wirklich das was ich will?

Der soziale Druck

Ich stecke in der Corona-Schockstarre, wie vermutlich so viele andere auch. Psychologen sprechen dabei auch vom sogenannten Cave-Syndrom. Ich verhalte mich so, als ob noch Lockdown wäre, verkrieche mich im selbst gebauten Schneckenhaus. Über die vielen Monate des Einsamseins habe zumindest ich mich an die Umstände gewöhnt und gelernt, an anderen Aktivitäten des Alltags Freude zu finden. 

Denn neben der chronischen Faulheit und der neu gewonnenen Freiheit, mit der ich irgendwie nicht umgehen kann, fehlt es mir an Lust. Plus: Ich konnten dem Lockdown auch Gutes abgewinnen. Wenn ich sonst versuche, mein Leben zu entschleunigen, ist es oft mit anstrengenden Erklärungen an meine Mitmenschen verbunden. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich, sobald ich etwas ohne Grund abgesagt habe, ein schlechter Mensch bin. Ich habe mich mies gefühlt, abzusagen, weil ich einfach keine Lust hatte. Das war während des Einigelns in den letzten Monaten nicht nötig – der soziale Druck war niedriger.

Veränderung! Und zwar jetzt.

Doch trotz allem, manchmal erkenne ich mich selbst nicht wieder. Ich will nicht für immer ein Einsiedler sein, tagelang allein vor dem Bildschirm hocken und alle 18 (oder sind es inzwischen sogar noch mehr?) Staffeln Grey’s Anatomy inhalieren. Wir Menschen sind schließlich von Natur aus Rudeltiere und rein aus evolutionstechnischen Gründen wäre ziemlich schnell Schluss gewesen, hätten wir uns nicht zusammengetan. Ich meine, im Ernst, keiner von uns will so enden wie Chuck Noland im Film Cast Away, der allein auf einer einsamen Insel gestrandet ist und aus purer Verzweiflung mit seinem Volleyball namens Wilson vier Jahre lang über das Leben philosophiert hat. 

Ich mag den Anti-Social-Club, ehrlich, und wir können ja auch gelegentlich zurückkommen. Nur eben nicht für immer, weil jeder Abend daheim dann doch auch nicht das Wahre ist. Wir sehen uns also draußen – beim Socializen! 

 

Eine weitere Epsiode der Kolumne "Couchgeflüster" gibt es hier.