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Kultur&Gesellschaft

Pandemie
Corona, du stiehlst mir meine Freunde

Sich mit seinen Freunden über Zoom zu treffen, ist in Zeiten von Corona ganz normal. | Bild: Christina Menner

Pandemie Corona, du stiehlst mir meine Freunde

Sich mit seinen Freunden über Zoom zu treffen, ist in Zeiten von Corona ganz normal. | Bild: Christina Menner
 

15 May 2021

Diese Pandemie macht mütend und nervt. Vor allem aber macht sie viele Menschen einsam. Ein Loblied auf die Geselligkeit.

Christina Menner

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020

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„Hoch lebe das Brautpaar“, ruft der Trauzeuge, während er die erste Flasche Sekt entkorkt. Die fast 200 Gäste lachen laut auf und klatschen begeistert. Das Brautpaar in der Mitte und drumherum alle, die sie kennen und lieben. Die Mutter der Braut hat auch nach der Zeremonie immer noch Freudentränen in den Augen. Nach und nach beglückwünschen alle das Brautpaar, liegen sich mit herzlichen Umarmungen in den Armen. Die Kinder toben zusammen und spielen Fangen. Alle freuen sich auf das gemeinsame Essen und spätere Feiern - einfach auf das gesellige Beisammensein.

Vermissung

Solche Szenen kann man sich in der jetzigen Zeit kaum noch vorstellen. Sie beschreiben, was für uns Geselligkeit bedeutet und ausmacht. Es steht für unser Bedürfnis, gerne mit anderen zusammen zu sein. Derzeit ist das alles nicht möglich. Niemand hätte gedacht, dass so ein Virus überhaupt zu uns kommt und dann auch noch so lange bleibt. Erinnern wir uns zurück an den 19. Januar 2020. Man saß um 20 Uhr vor seinem Fernseher und schaute die „Tagesschau“. Jan Hofer berichtet von einem neuartigen Virus in Wuhan. „Ach, die Chinesen“, denkt man sich und macht sich auf, um mit seinen Freunden feiern zu gehen. Das Leben ist schön. Tja, das war vielleicht etwas naiv. Denn knapp zwei Monate später war auch Deutschland im Lockdown und wir Deutschen mussten Masken tragen. Mittlerweile sind 15 Monate vergangen und die Situation ist für viele Menschen sogar noch schlimmer geworden. 

Wörter wie Covid-19, Ausgangssperre, FFP2-Masken oder Inzidenzwert kann so langsam keiner mehr hören. Die Maßnahmen sind wichtig und sinnvoll, um den gefährlichen Virus einzudämmen, aber es lässt sich dennoch festhalten, dass Corona uns unser geselliges Leben quasi wegnimmt. Eigentlich sollten wir uns mit keinem treffen, sondern nur zu Hause sitzen. Clubs, Kneipen und Bars, was ist das? Von abends zusammen etwas trinken oder Feiern gehen ist noch lange nicht die Rede. Wissen wir überhaupt noch, wie man sich beim Weggehen verhält? Viele haben vermutlich nicht damit gerechnet, eine volle und verrauchte Bar mal so sehr zu vermissen. 

Doch auch wenn man zufällig jemanden beim Einkaufen trifft, kann man froh sein, wenn man diese Person durch die Maske erkennt. Von einer Umarmung oder einem Handschlag erst gar nicht anzufangen. Früher gehörte es zum Anstand, einem*r Bekannten oder einer fremden Person die Hand zu geben, jetzt wäre es eine Unverschämtheit oder sogar eine Zumutung. 

Die Leute, die noch arbeiten gehen dürfen, können froh sein, denn sie kommen nach wie vor in den Genuss der Geselligkeit – zumindest zu geringen Teilen. Hier kommen noch zufällige Begegnungen auf dem Flur, im Büro oder auf dem Parkplatz zustande. Man kann sich mit seinen Kolleg*innen „face-to-face“ unterhalten.  Die, die im Home Office arbeiten, haben die Geselligkeit gar nicht oder nur über den Bildschirm. Natürlich ist es vernünftiger, von zu Hause aus zu arbeiten, aber wollen wir nicht alle mal wieder ein bisschen rauskommen? Wieder mehr persönlichen Kontakt haben? Mit Personen „face-to-face“ Gespräche führen? Mit Freunden beisammensitzen, ein Bierchen trinken und nicht bei jeder zufälligen Berührung zusammenzucken? Die Gesellschaft wird im dritten Lockdown immer „mütender“, wie es Teilnehmer*innen in Talkshows bei „Markus Lanz“ oder „maischberger. die woche“ bezeichnet haben. „Mütend“ ist eine Mischung aus den Wörtern „müde“ und „wütend“. Und auf die Frage hin, was den Menschen gerade am meisten fehlt, werden immer dieselben Dinge genannt: ins Kino oder Restaurant gehen, Theater- und Kneipenbesuche, Freunde treffen. 
Psychologe Stephan Grünewald bringt in der Talkshow bei Markus Lanz jedoch auch an, dass sich der Lockdown 2021 komplett anders für die Menschen anfühle als der im Jahr 2020. Man lädt wieder mehr Menschen zu sich ein und nimmt engere Freunde eher mal in den Arm. Das wäre vor einem Jahr undenkbar gewesen. Er bezeichnet es als einen Schattenalltag und unterstreicht, dass es immer mehr Grauzonen gebe. Die Mehrheit wolle aus der Endlosschleife raus und eine klare Perspektive.

Einsamkeitsrate in Deutschland steigt

Das Fehlen der Geselligkeit führt dazu, dass Menschen seit der Corona-Pandemie einsamer sind. Eine Studie des Deutschen Alterssurveys (DEAS) hat gezeigt, dass die Einsamkeitsrate der Menschen im Alter von 46 bis 90 Jahren bei etwa 14 Prozent liegt und damit etwa 1,5-mal höher ist als in den Vorjahren. In den Jahren 2014 und 2017 fühlten sich jeweils etwa neun Prozent der Menschen dieser Altersgruppe einsam. Diese Ergebnisse betreffen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in gleichem Maße. Enge soziale Beziehungen und gute Kontakte zu Nachbar*innen schützen nicht vor dem Anstieg des Einsamkeitsrisikos in der Pandemie. Auch wenn das bei Personen, die alleine leben, keine*n Partner*in oder kein enges Verhältnis zur Nachbarschaft haben, natürlich höher ist. 
Wie die weiteren psychologischen Befunde aus der Studie der Zeitschrift „Prävention und Gesundheitsförderung“ (2021) zeigen, ist soziale Isolation ein Risikofaktor für Einsamkeit und damit für gesundheitliche Beeinträchtigungen. Laut der Befragung fühlten sich 10,8 Prozent vor der Corona-Pandemie mehrfach pro Woche oder täglich einsam. Seit beziehungsweise währenddessen stieg der Prozentsatz auf 26,6 Prozent. Insgesamt gaben 30,8 Prozent an, sich seit Beginn der Pandemie in irgendeiner Weise einsamer zu fühlen – vor allem Frauen, Alleinlebende und Jüngere. 

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen 

Natürlich ist nicht jeder Mensch gleich und es gibt auch introvertierte Personen. Viele sagen auch der Mensch ist halb soziales Wesen, halb Eigenbrötler. Psychologe Jens Asendorpf meint man solle sich immer die Frage stellen, wie ausgeprägt das bei jedem Einzelnen ist. Es gebe große Unterschiede in der Geselligkeit und die Persönlichkeit spiele dabei eine wichtige Rolle. Aber er sagt auch, dass der Mensch als Einsiedler nicht überleben würde. 
Denn eigentlich ist der Mensch von Natur aus ein geselliges Wesen, was uns die Corona-Pandemie verdeutlicht hat. Die Menschen möchten miteinander reden, gut auskommen und auch oft ein großes Netzwerk haben. Der griechische Philosoph Aristoteles hat sich schon vor hunderten Jahren gefragt: „Was ist der Mensch?“ Seine Antwort darauf lautet: „Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen“. Laut Aristoteles ist der Mensch ein „zoon politikon“, also ein soziales und politisches Wesen, das nicht für sich alleine lebt. Er ist ein geselliges Wesen, das auf die Gesellschaft angewiesen ist und nur in dieser leben kann. Die Gesellschaft ist für den Einzelnen eine Vielzahl sozialer Gruppen. Die Mitglieder haben über einen längeren Zeitraum regelmäßigen Kontakt, haben gemeinsame Ziele und empfinden meist ein Zusammengehörigkeitsgefühl. 

Wenn man von klein auf im Verein war, kennt man dieses Gefühl, egal ob Turnverein, Fußball oder Musikverein. Was in solchen Vereinen immer am besten ist? Sich mit den anderen auszutauschen, zusammenzusitzen oder gemeinsame Ziele erreichen. Das fehlt in den letzten Monaten wirklich sehr. 

Positiv in die Zukunft blicken 

Es gibt aber Möglichkeiten, wie man trotz der geltenden Regeln nicht vereinsamt. Denn in gewissem Maß kann man sich die Geselligkeit auch nach Hause holen. Sei es über die sozialen Medien oder Videochats mit Familie, Freund*innen und Kolleg*innen. Online-Angebote von Gesellschaftsspielen wie Uno, Schach oder Skribbl sind beliebt wie nie. Und wer die Kneipen-Abende zu sehr vermisst, kann einfach eine virtuelle Bier- oder Weinverkostung zuhause machen. Und vergesst nicht, irgendwann hat alles ein Ende. Und dann werden wir schneller wieder zur Normalität zurückkehren als Jens Spahn "Impfpriorisierung" sagen kann. Schließlich kennen wir es nicht anders. „Mit allen Lernerfahrungen, wie Menschen mit Situationen umgehen, das verlernt und vergisst man ja nicht“, stellt Psychologe Jens Asendorpf heraus. Dinge, die wir früher als alltäglich gesehen haben, bekommen nach der Krise vielleicht sogar einen neuen Wert. Wir werden daraus lernen und auch die kleineren Dinge wertschätzen. Berührungen, Umarmungen, mit anderen Menschen Zeit zu verbringen - Geselligkeit werden wir mit ganz neuen Augen sehen, wenn wir das nicht sogar schon tun. Ich bin mir sicher, dass wir nicht zurückhaltend oder verschlossen bleiben, eher im Gegenteil. Dass wir noch viel körperlicher werden als vor Corona. Noch mehr reden, feiern und miteinander Zeit verbringen. Das gegenseitige Drücken und Hände schütteln bis zum Umfallen muss man dann eben später nachholen. Auch wenn es jetzt vielleicht noch nicht danach aussieht: Es geht vorüber, wir müssen positiv bleiben und uns vor allem gemeinsam um die Menschen kümmern, die wirklich einsam sind. Und ganz bald können wir dann auch wieder gemeinsam auf Hochzeiten tanzen, lachen und unsere Lieben in die Arme schließen. Also: „Think positive, stay negative!“.