Menü
MEINUNG
Smalltalk ist bei vielen unbeliebt. Wir sollten aber nicht darauf verzichten. | Bild: Silas Schwab

Politik&Aktion Gesellschaft
Pflegen Sie unnötige Kontakte!

Smalltalk ist bei vielen unbeliebt. Wir sollten aber nicht darauf verzichten. | Bild: Silas Schwab

19 Feb 2021

Die Pandemie hat gezeigt: Wer uns fehlt, sind nicht gute Freunde, sondern flüchtige Bekannte. Es fehlen nicht die tiefsinnigen, sondern die belanglosen Gespräche. Denn sie halten die Gesellschaft zusammen.

Silas Schwab

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2019
PolitikGesellschaftSport

Zum Profil

„Entschuldigung, können wir einfach noch bisschen reden?“, fragt der Mann auf dem Bildschirm. Mein Vater ist irritiert. Er ist Elektrotechniker in einer Firma für Türsprechanlagen. Gerade hat er mit seinem Kollegen per Videotelefonat ein neues Gerät besprochen und es wäre Zeit zum Auflegen. Sein flimmerndes Gegenüber möchte aber noch reden: über Skilanglauf, den Winter im Allgemeinen, kurz: Belanglosigkeiten. Das kommt unerwartet, denn eigentlich haben sie beide zu tun. Doch im Grunde hat dieser Mann erkannt, was uns in den vergangenen Monaten abhandengekommen ist.

Auch mir fehlt vieles seit wir in einer Pandemie leben. Ich vermisse den klebrigen Boden auf wilden Partys, die schweißgetränkte Luft in der Fußball-Umkleide und das unbefangene Umherschlendern in der Stadt. Meine Freund*innen vermisse ich aber nicht. Die sehe ich auch jetzt. Mal per Videochat, mal in echt. Wer wirklich fehlt, sind Menschen, die nach dem Meeting auf dem Flur zum Quatschen stehen bleibt. Menschen, mit denen man nur ein paar Worte wechselt, mal mit einem Bier auf der Party anstößt und dann wieder vergisst, sie getroffen zu haben. Seit März 2020 wirbt das Gesundheitsministerium auf Instagram mit der Parole: „Vermeiden Sie unnötige Kontakte!“ Ein Satz, der zum Credo der Pandemiebekämpfung wurde. Welche Kontakte sind aber unnötig? Welche sind nötig?

In der Netzwerkforschung werden unnötige Kontakte als schwache Beziehungen bezeichnet. Der Soziologe Mark Granovetter hat sie in seinem Artikel „The strength of weak ties“ eingeführt und in etwa so definiert: Schwache Beziehungen führen wir durch wenig Nähe oder Intimität, wenig Kontakt und Vertrauen. Sie basieren auf geringer persönlicher Abhängigkeit. Stattdessen führen wir sie mit Menschen, mit denen wir über das Wetter reden, die wir freundlich grüßen oder mit denen wir im Treppenhaus plauschen.

Niemand verabscheut Smalltalk wie die Deutschen

In den Jahren vor der Pandemie verloren solche Beziehungen mehr und mehr an Ansehen. Schwache Beziehungen zu pflegen und  über Belanglosigkeiten zu reden, galt als oberflächlich und schwach. „Wer Smalltalk betreibt, interessiert sich nicht für andere“, verkündete die Kommunikationsberaterin Kerstin Hoffmann. Über Fußball und Filme zu quatschen, schien zu einfältig – lassen diese Gespräche doch die großen Themen wie den Kapitalismus oder die Klimakrise außen vor. Journalistin Lauren Ramoser wollte in einem Selbstversuch in den USA herausgefunden haben, dass Smalltalk dort besonders unehrlich sei. Mehr Tiefgang forderte auch die ZEIT. Eine Autorin wünschte sich als Gesprächsthemen Kunst oder Wissenschaft – nicht das Wetter. Und auch bei ze.tt wütete Autor Ole Siebrecht: „Für mich ist schlechter Smalltalk vergeudete Lebenszeit.“ Er führe lieber lange und gute Gespräche mit interessanten Menschen. Tiefgang hat Klasse.

Die Dämonisierung belangloser Gespräche liebt dabei kaum jemand wie wir Deutschen. Eine Umfrage des Unternehmens Kraft Foods fand heraus, dass 74 Prozent der Deutschen in Gesprächen Neuigkeiten erfahren wollen. Entspannen wollen im Gespräch gerade mal 36 Prozent. Während in den USA „How are you?“ zum guten Ton gehört, ist für uns ein Gespräch gut, wenn dabei was Nützliches herauskommt.

Exemplarisch hierfür steht Angela Merkel. Aus der Anfangszeit ihrer Kanzlerschaft wird erzählt, wie sie sich beim Smalltalk mit einem afrikanischen Präsidenten anstellte: „Und Sie sind also die neue Bundeskanzlerin?“ – „Ja.“ – „Das ist doch schön.“- „Ja.“ – „Das war sicher nicht leicht.“ - "Nein.“ – „Da müssen Sie jetzt aber verdammt glücklich sein.“ – „Mir geht es gut.“ – „Sie tun sich eher schwer mit Smalltalk, oder?“ – „Ja.“  Unangenehm. Auch Merkel bevorzugt Gespräche mit Substanz. Ob sie die Monate ohne Staatsbesuche genutzt hat?

Denn in den langen Wochen des Lockdowns war ausreichend Zeit für intensive Gespräche. „Vermeiden Sie unnötige Kontakte!“ klingt nach dem ersehnten Befreiungsschlag aller Tiefgang-Taucher und Deeptalk-Defender. Ich bezweifle aber, dass sie sich heute noch über Smalltalk entrüsten würden. Denn nach einem Jahr voller nötiger Kontakte bin ich überzeugt: Tiefgehende Beziehungen und Gespräche den flüchtigen vorzuziehen, ist Unsinn.

Wer nur gute Gespräche führt, igelt sich ein

Da ist zum Beispiel Leon, mein ehemaliger Mitschüler aus der Grundschule. Wir haben uns nie ganz aus den Augen verloren, doch waren nie enge Freunde. Manchmal habe ich monatelang nichts von ihm gehört, dann liefen wir uns auf einer Party über den Weg und es war das Schönste, das passieren konnte. Alte Geschichten wurden ausgepackt. Wir haben uns erzählt, was uns so beschäftigt und das Gehörte bald wieder vergessen. Aber: Wir sind gern gesehene Bekannte. Wir würden uns nie schreiben, weshalb die Pandemie bedeutet, dass ich keine Ahnung habe, was er so macht. Aber wenn wir uns irgendwann wiedersehen, wird es sein wie immer. Und es gibt wenig, was bei mir solche Vorfreude auslöst.

Unnötige Kontakte erweitern den Horizont. Wer nur seine Freund*innen trifft und mit ihnen gute Gespräche führt, igelt sich hingegen ein. Schwache Beziehungen geben die Möglichkeit, Dinge zu hören, die man sonst nicht hört. Leon gibt nicht viel auf das Studieren, er lebt ein anderes Leben als ich. Wir teilen fast nichts außer unsere Herkunft. Und das macht ihn so wichtig. Der Sozialethnologe Thomas Schweizer stellte einst fest, dass schwache Beziehungen helfen, die Wände der eigenen Weltsicht zu zerschlagen und Informationen zu erhalten, die man von seinen starken Beziehungen nie bekommen hätte. Der Plausch auf der Straße ist die Brücke zwischen fest geschlossenen Gruppen, die sich nie ihr Vertrauen, aber vielleicht ein paar Meinungen und Informationen schenken. Natürlich runzle ich oft die Stirn, wenn ich mit Leon auf Politik zu sprechen komme, wenn er gegen Fridays for Future wettert, wenn er die Grünen verteufelt. Dennoch ist das allemal lehrreicher als sich aufs Neue die Bestätigung abzuholen, dass ich mit meinen Freund*innen politische Einigkeit pflege.

Meine Friseurin zählt wohl zu den Menschen mit den meisten schwachen Beziehungen. Sie hat rund 700 Kund*innen, mit denen sie häufig spricht. Und mit vielen ist sie heute befreundet. Denn der tägliche Smalltalk ist ein Türöffner zu echter Freundschaft. Das Gespräch bei der Friseurin ist vielleicht erst nur ein Mittel zum Zweck. Aber schnell, erzählt sie mir, wird daraus mehr. Ohne Smalltalk kein Deeptalk. Ohne schwache Beziehungen keine starken. Oder wie viele neue Freunde haben Sie in den letzten zwölf Monaten gefunden?

Die Vorzüge von schwachen Beziehungen habe ich besonders zu Beginn meines Studiums, lange vor Corona, kennengelernt. Auf dem Weg zwischen S-Bahn und Uni hatte ich die besten und die flüchtigsten Gespräche. Wie gehen die anderen die Hausarbeit an? Was hat der Prof gesagt, was ich vielleicht überhört hab? Natürlich bedeuten mir meine Freund*innen aus dem Studium viel.  Aber uns fehlen heute die Kontakte nach außen. Wenn eine*r von uns eine Abgabe verpasst, verpassen sie oft alle. Wir drehen uns nur um uns selbst. Corona hat uns abgekapselt und um sich wirklich was erzählen zu können, brauchen wir die anderen – die, die wir nicht so gut kennen.

Um das klarzustellen: Ohne Familie und enge Freunde hätte ich die Pandemie nicht überstanden. Sie schaffen Vertrauen. Ohne sie wären wir haltlos. Schwache Beziehungen können die starken nicht ersetzen, andersherum funktioniert es aber auch nicht. Denn starke Beziehungen haben einen hohen Anspruch an uns – sie sind anstrengend. Schwache Beziehungen nicht. Ich kann meinem Gemüsehändler völlig gleichgültig sein und dennoch ist er mir eine Stütze. Er ruft mir morgens ein gut gelauntes „Guten Morgen!“ herüber, wir tauschen ein paar Höflichkeiten aus und ich fühle mich gut. Schwache Beziehungen sind anspruchslos. Sowohl auf emotionaler als auch auf intellektueller Ebene. Sie dienen der Wissenserweiterung ohne, dass man großes Wissen besitzen muss. Ganz im Sinne von Lord Goring aus Oscar Wildes „Ein idealer Gatte“: „Ich liebe es, über nichts zu reden. Das ist das Einzige, wovon ich etwas verstehe.“ Wer sich mit flüchtigen Bekannten unterhält, darf einfach quatschen und zuhören. Reden, ohne zu grübeln. Lernen, ohne zu müssen.

Schwache Beziehungen helfen allen, starke den Eliten

Auf diese Weise, hat der Soziologe Mark Granovetter herausgefunden, verschaffen uns schwache Beziehungen Informationen, Jobs und Erfolg. Das Zauberwort lautet: Networking. Auf dem Weg in den Journalismus wird immer wieder beschworen, sich Kontakte zu verschaffen, wo man nur kann. Wer Menschen kennt, findet die besten Geschichten und bekommt die besten Jobs. Hochschlafen war gestern. Hochtalken ist heute. Ich habe in meiner kurzen Laufbahn bisher ausschließlich Jobs und Praktika erhalten, indem ich Menschen kannte, die Menschen kannten. Kontakte sind die Vorboten des Erfolgs und ohne Smalltalk undenkbar.

Starke Beziehungen hingegen bringen vor allem einer Schicht Erfolg: der Elite. Die Stärken starker Beziehungen wurden in der Wissenschaft vielfach diskutiert. Selbst Granovetter gab zu, dass starke Beziehungen eine größere Motivation schaffen, aktiv zu werden als schwache. Erforscht wurden hierfür die Lobbyaktivitäten der US-Gesundheitspolitik und die Freundschaften in großen Firmen. Dort sind starke Beziehungen vor allem für eines nützlich: Wer sich vertraut, kann Informationen gezielt zurückhalten oder ausspielen. Je vertrauter die Eliten, desto geschlossener sind ihre Kreise.

Hätten unnötige Kontakte Verschwörungsmythen geschwächt?

Ähnlich geschlossen ging es in den 90er-Jahren bei den Crackdealern New Yorks zu. Sie hatten ihre Gebiete, ihre Verkäufer und ihre Kunden. Als der Anthropologe Philippe Bougois ihre Struktur erforschte, stellte er fest, dass alle Beteiligten des Geschäfts sich in einer Art „Käfig starker Beziehungen“ befanden, der nur aus Abhängigen und Dealern bestand. Interventionen von außen waren durch ihre starke innere Geschlossenheit schier unmöglich. Sie hörten nur noch auf ihren Kreis. Wenn ich heute Nachrichten schaue und die wütende Menge sehe, die gegen die Corona-Maßnahmen anbrüllt, frage ich mich, ob wir es auch hier mit einem solchen Käfig zu tun haben. Ein Zusammenhang zwischen sozialer Isolation und gestiegenem Misstrauen liegt auf der Hand. Hätten mehr unnötige Kontakte die Verbreitung von Verschwörungsmythen verhindern können? Wer den Gedanken, Bill Gates könne das gesamte Gesundheitssystem manipuliert haben Arbeitskollegen, Nachbarn und Mannschaftskameraden erzählt, bekommt viel mehr Meinungen zu dieser absurden Idee. Und hinterfragt sie wohl eher als wenn die einzigen wenigen Kontakte derselben Überzeugung sind. Menschen außerhalb der persönlichen Blase sind der beste Kontrollmechanismus für die eigene Vernunft. Granovetter schrieb einst: „Je höher der Anteil schwacher Bindungen ist, desto besser funktioniert die Kommunikation.“ Und Kommunikation ist das, was heute vielen fehlt.

Im Grunde sind schwache Beziehungen in der Gesellschaft für zwei Dinge verantwortlich: die Verbreitung von Viren, wie Soziologe Duncan J. Watts schon 2004 feststellte, und die Verbreitung von Informationen. Wenn wir die Viren erst mal gestoppt haben, müssen wir uns wieder daran machen, die Informationen zu verbreiten. Denn Partygeplänkel, der Gruß an den Gemüsemann und der Tratsch auf dem Weg zur Uni sind nicht zu ersetzen durch gesichtslosen Diskurs in den sozialen Medien und einschläfernde Zoom-Calls.

Pflegen Sie unnötige Kontakte! Dabei müssen es nicht immer Gespräche mit Tiefgang sein. Ganz im Gegenteil. Was ich vermisse, ist ein absolut nicht ernst gemeintes: „Wie geht‘s?“ Ein: „Alles klar?“ Ein: „Und du so?“ Denn im Kern halten uns diese Belanglosigkeiten zusammen.

 

In einer früheren Version dieses Textes wurde behauptet die Journalistin Lauren Ramoser bezeichne Smalltalk pauschal als unehrlich. In ihrem Text für ze.tt bezieht sie sich aber nur auf den in den USA gepflegten Smalltalk. (Änderung vom 15. April 2021)