Adrian wählte den Ausstieg - seinen Notausgang zur Freiheit. | Bild: Jessica Frohn

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„Ich muss hier raus“

Adrian wählte den Ausstieg - seinen Notausgang zur Freiheit. | Bild: Jessica Frohn

11 Dec 2019

Von der Geburt an lebte Adrian in der Sekte der Zeugen Jehovas. Doch als er seine Homosexualität entdeckte, wusste er, er muss aussteigen. Die Konsequenzen seiner Entscheidung sind für ihn heute noch spürbar.

Mit dem Leben in der Sekte der Zeugen Jehovas kam Adrians Schwester nicht mehr zurecht und wählte den Tod. Als er die Nachricht ihres Selbstmords erhält, bricht eine Welt für ihn zusammen. Ihr Verlust hinterlässt bei ihm bis heute einen tiefen Schmerz. Seine dramatische Geschichte sieht man ihm jedoch kaum an. Er lacht viel, ist optimistisch und extrovertiert.

Vielen Menschen sind die Zeugen Jehovas ein Begriff. Ihre Gemeinschaft wird von der Gesellschaft oft als Sekte bezeichnet.

Als Sekte werden verschiedene religiöse, ideologische, politische aber auch wirtschaftliche Strömungen und Bewegungen bezeichnet. Ihre Grundsätze sind radikal, einseitig, und meist sehr konservativ. Zudem widersprechen sie oft den Erkenntnissen der Wissenschaft und den ethisch-moralischen Grundwerten der Gesellschaft.

Den Begriff „Sekte“ sieht die Weltanschauungsbeauftragte Anette Kick jedoch als problematisch an. Passender ist ihrer Meinung nach die Bezeichnung „konfliktträchtige Sondergemeinschaft mit christlichem Hintergrund“.

Ein Leben als Zeuge Jehovas

Zu dieser Sondergemeinschaft gehörte Adrian 37 Jahre lang. Man kann sagen, er habe ihre Lebensweise quasi mit der Muttermilch aufgesogen, da seine Eltern schon vor seiner Geburt Mitglieder waren. Als Kind fühlte er sich in der Gemeinschaft wohl und war glücklich. Für ihn war es das Normalste der Welt, mit seinen Eltern nach den strengen Regeln der Gemeinschaft zu leben, weil er es nicht anders kannte.

Lediglich im Kindergarten und in der Schule fiel ihm auf, dass er anders war. Sein besonderes Verhalten nahmen seine Mitschüler zum Anlass, ihm das Leben durch Hänseleien schwer zu machen. Als junger Erwachsener begann er sich immer wieder die Frage zu stellen, wo sein Leben hingehen solle und, ob ein Leben bei den Zeugen Jehovas das Richtige für ihn sei. Adrian war in dieser Zeit hin und her gerissen. Er wollte seine Homosexualität nicht mehr verstecken und so wurde ihm schließlich klar, dass es keinen Sinn mehr hat zu bleiben.

Er wollte sich nicht immer verstellen und jemand anderes sein, wie seine Religion es von ihm verlangte. Zusätzlich stand diese Lüge im Widerspruch mit dem Gebot, immer ehrlich zu sein. „Das ist eine ziemliche Last, die auf mir gedrückt hat“, erinnert er sich. In dieser schwierigen Zeit vertraute er sich seiner Schwester an.

Seine Welt brach nach dem Tod seiner Schwester in sich zusammen. Er entschloss, dennoch weiterzuleben und in der Sekte zu bleiben, um seinen Eltern nicht noch mehr Leid zuzufügen. Jedoch war es kein Leben mehr sondern, eher ein Funktionieren.

Der endgültige Entschluss

14 Jahre nach dem Tod seiner Schwester gelangte Adrian an einen Punkt, an dem er wusste: „Ich muss hier raus“. Er wollte endlich mit seinem neuen Partner zusammen sein. Um den Zeugen Jehovas endgültig den Rücken zu kehren, schrieb er seinen Eltern einen Abschiedsbrief. Als seine Entscheidung in der Gemeinde verkündet wurde, konnte er dabei zusehen,  wie plötzlich alle Profilbilder seiner Whatsapp-Kontakte verschwanden. Trotz der vielen Herausforderungen, die ihn erwarteten, wählte er den Ausstieg, seinen Notausgang zur Freiheit.

„Wir müssen reden“, „Komm zurück“, „Man darf schwul sein, ist ja kein Problem, du darfst es nur nicht ausleben“. Anfangs versuchte sein Vater ihn zur Rückkehr zu bewegen. Doch seine Anrufe verwandelten sich nach und nach immer mehr in Hassanrufe. Gleichwohl wird Adrian vom schlechten Gewissen geplagt. Beide Eltern sind hochgradig depressiv und krebskrank. Von seinem Erzeuger zu hören: „Der Krebs bei deiner Mutter macht weiter. Das wolltest du doch immer“, geht nicht spurlos an ihm vorbei.

Nicht nur die Schuldgefühle gegenüber seinen Eltern machen ihm zu schaffen, sondern auch seine verlorenen Freunde. „Der Ausstieg aus der Gemeinde bedeutet auch die Trennung von den verbliebenen Mitglieder und deren Ablehnung“, erklärt Helga Lerchenmüller, Beraterin bei der Verbraucherschutzorganisation Aktion Bildungsinformation e.V.. Vermeintliche Freunde wenden einem plötzlich den Rücken zu. Belastend war für ihn vor allem zu realisieren, dass die Freundschaft nur auf religiöser Basis bestand. Freunde, mit denen er „ziemlich jede Minute Freizeit miteinander verbracht“ hat. Darauf hat sich Adrian jedoch schon Jahre vor seinem Ausstieg vorbereitet, in dem er sich Freunde außerhalb der Sondergemeinschaft suchte.

Im Alltag muss er sich immer wieder mit seinem „Schalter für das pseudo, schlechte Gewissen” auseinandersetzen. Die vermittelten Regeln der Zeugen Jehovas machen sich bei ihm oft bemerkbar. In seinem Kopf hört er mehrmals eine innere Stimme sagen: „Das darfst du eigentlich gar nicht“ oder „Oh je, wenn das jetzt jemand sieht, dann könntest du Probleme bekommen“.

Schlaflosigkeit, Alpträume, Panikattacken sind mentale Folgen seines Ausstiegs, die Adrian noch immer heimsuchen. Die Hauptrollen spielen die Zeugen Jehovas. Wie auch in seinem schlimmsten Alptraum. Darin schubsen ihn seine Eltern und einige Zeugen Jehovas während der Gartenarbeit „mit den Füßen zuerst“ in einen Häcksler rein. Heute kann er darüber lachen, aber damals hat er „förmlich gespürt, überall spritzt das Blut“.

Seine Alpträume sind auch oft Auslöser für seine Panikattacken. Anrufe von seinen Eltern oder Jahrestage in Bezug auf seine Schwester führen ebenfalls dazu. Die Attacken enden in einem Strom voller Tränen und je nach Traum sogar mit Muskelschmerzen. Am nächsten Tag fühlt er sich oftmals „neben der Spur“.

Helga Lerchenmüller erläutert, dass die Berichte von Adrian sich mit den Berichten der anderen Aussteigern decken. „Insbesondere [...] der Wechsel von Phasen von Glück und von Phasen des Zweifelns, [...] das immer wiederkehrende Gefühl, den Anforderungen nicht genügen zu können [...]“.

Seine Geschichte unterscheidet sich dennoch von anderen. „Das ist wirklich eine Seltenheit, dass jemand den Ausstieg so gut vorbereitet und nicht nur den einen Partner hat [...], sondern schon ein ganzes soziale Netzwerk aufgebaut hat, das ihn auffängt. So kann man auch psychisch überleben“, berichtet Anette Kick.

Der Freiheit einen Schritt näher

„Du bist viel gelöster“, sagen seine Freunde nach seinem Ausstieg. Nicht nur die belastende Schulzeit, sondern auch der Druck in der Gemeinschaft, negativ aufzufallen, waren eine Last. Passend zu seiner neuen Identität hat sich auch sein Aussehen verändert. Piercings, Dreadlocks, Tattoos und ein Bart. Während seines Lebens in der Sekte wäre dies unmöglich gewesen.

Die Rose ist ein Andenken an seine Schwester. | Bild: Jessica Frohn
Seine Schwester, die den Schatten symbolisiert, begleitet ihn überall hin. | Bild: Jessica Frohn
Die Vergangenheit wird immer ein Teil von ihm sein. Trotzdem blickt er nicht mehr zurück, sondern nach vorne. | Bild: Jessica Frohn

Freiheit genießen und durchatmen. Das muss Adrian jedoch wieder lernen. Sich nicht zu verstecken, wenn er den Zeugen Jehovas in der Öffentlichkeit begegnet. Alle Geschehnisse sind noch tief in ihm drinnen. Er muss noch lernen seine Zeit als Zeuge Jehovas „hinter sich zu lassen”. „Das Gefühl von Freiheit stellt sich erst ein, wenn ein Teil der Bewältigungsarbeit geleistet ist“, schildert Helga Lerchenmüller.

Trotz seiner vielen Herausforderungen, die er noch zu bewältigen hat, fühlt er sich frei.

„Man sollte die Freiheit zu schätzen wissen. Man sollte alles daran setzen, dass man dies auch dann beibehält.“ – Adrian

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