Bild: Sarah El Ghadouini

edit.Edge Asexualität
Lieber Kuchen als Sex

Bild: Sarah El Ghadouini

31 Jan 2019

Ehe für Alle, CSD, Queer Eye – zur LGBTQ-Community zu gehören ist heutzutage kein Stigma mehr. Asexuelle werden in diesem Zug aber meistens übergangen. Es fehlt schließlich schon das „A“ bei LGBTQ. Wie gestaltet sich das Leben von Asexuellen in einer Öffentlichkeit, die sie (noch) nicht anerkennt?

Laute Musik dröhnt, bunt geschminkte Menschen schwingen lachend Regenbogenfahnen oder werfen Konfetti – Pride-Events wie der Christopher-Street-Day (CSD) sind heutzutage absolute Highlights. Wenn der CSD stattfindet, feiert fast die ganze Stadt. Vor einigen Jahren war das noch undenkbar, aber LGBTQ (Lesbian, Gay, Bi, Trans, Queer) ist heute im größten Teil der Gesellschaft kein Tabuthema mehr und Leute können selbstbewusster zu einer sexuellen Orientierung stehen, die vom „Standard“ abweicht.

Zwischen LGBTQ-Pride-Farben schwingt verhältnismäßig einsam eine schwarz-grau-weiß-violett-gestreifte Flagge. Diese unbekannten Farben gehören zur entsprechend wenig bekannten Asexualität. Der Regenbogen symbolisiert gay und gay bedeutet Homosexualität. Aber was bedeutet Asexualität?

Selma Koca ist 24 Jahre alt, studiert in Schwäbisch Gmünd und ist asexuell. Für sie bedeutet das, dass sie keinerlei sexuelle Anziehung zu Männern oder Frauen verspürt. Selma bemerkte bereits früh, dass sie sich nicht zu Männern hingezogen fühlt. Nach dem Ausschlussverfahren dachte sie zunächst, sie sei lesbisch, bis sie über den Begriff Asexualität stolperte und merkte, dass das genau beschrieb, was sie fühlte.

Seit circa zwei Jahren steht Selma ganz offen zu ihrer Asexualität. | Bild: Mona El Ghadouini

„Für mich war das eine Erleichterung, als ich gemerkt habe, dass das eine wirkliche sexuelle Orientierung und nichts Krankhaftes ist.“, sagt sie über den Moment, in dem sie dieses Label für sich gefunden hat. „Es war gut, dass ich das für mich selbst einordnen konnte.“

Viele Menschen winken beim Thema Asexualität ab und nehmen diejenigen, die sich damit identifizieren, nicht ernst. Sie seien nur verklemmt, schüchtern oder hätten Angst, sich als homosexuell zu outen. Laut Selma sei es auch ein weit verbreitetes Missverständnis, dass Asexualität auf eine Depression oder Hormonstörung zurückzuführen sei.

„Man weiß, dass Hormone, insbesondere Testosteron, auf das sexuelle Begehren Einfluss haben, aber der Mensch ist kein hormongesteuertes Reflexwesen. Viele andere, insbesondere psychische, Komponenten sind für die Regulation des menschlichen Sexualverhaltens wesentlicher. Dazu zählen das Denken, Fühlen, die Fantasien.“, erklärt Dr. Konrad Weller, Professor für Angewandte Sexualwissenschaften an der Hochschule Merseburg. Asexualität als ein Symptom einer Hormonstörung zu bezeichnen, sei also falsch.

Für Asexuelle sind solche Missverständnisse, die ihre Orientierung als krankhaft einstufen, sehr frustrierend. Oft werden sie auch gefragt, seit wann sie asexuell seien.

„Manche denken scheinbar, dass man eines Tages einfach beschließt: ‚Ja, heute werde ich erst einmal asexuell.‘“, sagt Selma mit einem Kopfschütteln. Ein Dozent habe einmal in einer Vorlesung seine Studierenden darüber abstimmen lassen, ob es Asexualität gäbe oder nicht, erzählt sie. Das Ergebnis sei etwa Fifty-Fifty gewesen.

Dabei erkannte schon 1948 der Sexualwissenschaftler Alfred Charles Kinsey, dass es neben Homo-, Hetero- und Bisexualität auch Menschen gibt, die kein Bedürfnis nach sexueller Interaktion erleben und definierte Asexualität damals als Kategorie X in seiner Kinsey-Skala zur sexuellen Orientierung des Menschen.

Kinseys Skala zur Einstufung menschlicher Sexualität. Kategorien 1-6 von reiner Heterosexualität, über tendenzielle Bisexualität, bis zu reiner Homosexualität. Kategorie X für Asexualität. Kinseys Grundidee, dichotome Kategorien aufzulösen und sexuelle Vielfalt anzuerkennen, sei noch heute zeitgemäß, so Dr. Weller. | Quelle: Wikipedia

In Beziehungen kann Asexualität allerdings zur Herausforderung werden, da es nur wenige Menschen gibt, die mit diesem Label leben. Aces, so bezeichnen sich Asexuelle alternativ, sind durchaus in der Lage, romantische Beziehungen mit Allosexuellen – alle Menschen, die sexuelle Attraktion verspüren – zu führen, nur beim Thema Sex müssen in gegenseitigem Einverständnis geschlossene Kompromisse eingegangen werden.

„Es gibt Sex ohne Liebe, warum also nicht Liebe ohne Sex?“ – Selma Koca

Selma kann sich eine Beziehung mit einer allosexuellen Person prinzipiell selbst nicht vorstellen. „Wenn, dann eher mit Frauen. Ich war noch nie in einer festen Beziehung, aber ich hatte kleinere Affären und habe da gemerkt, dass Frauen dafür einfach mehr Verständnis haben.“, sagt sie. „Mit einer asexuellen Person schon eher. Ich war auf einigen Stammtischen für Asexuelle, aber da hat sich nie etwas Festes angebahnt.“

Generell mangelt es an Angeboten für die Ace-Community. Außer den gelegentlichen Stammtischen gibt es in Deutschland wenig Veranstaltungen, die sich an Asexuelle richten, und Aces müssen auf allgemeine LGBTQ-Events ausweichen.

Nicht einmal die Hälfte der Asexuellen fühlt sich als Teil der LGBTQ-Community. | Quelle: Community Zensus (Asexual Awareness Week, 2011)

Asexualität sei noch eine relativ junge sexuelle Neoidentität, so Dr. Weller. Diese Tatsache und das fehlende Verständnis der meisten Allosexuellen für diese Orientierung trägt dazu bei, dass Aces übergangen, missverstanden und somit in manchen Fällen auch vom LGBTQ-Begriff ausgeschlossen werden. „Bis LGBTQ von der Gesellschaft akzeptiert wurde, war das ein jahrzehntelanger Prozess.“, sagt Selma, die auch freiwillig Aufklärungsarbeit an Schulen leistet. „Ich denke, das wird mit Ace genauso sein.“