Julia entscheidet sich bewusst zum Verzicht. Sie lebt seit einigen Jahren Straight Edge. | Bild: Hanna Kowatschitsch

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Nein zu Alkohol, Drogen und Sex

Julia entscheidet sich bewusst zum Verzicht. Sie lebt seit einigen Jahren Straight Edge. | Bild: Hanna Kowatschitsch

12 Dec 2018

Die Kippe in der einen Hand, das Bier in der anderen, eine Line bevor’s in den Club geht: Einfach abschalten, sich frei fühlen. Und wer hat heutzutage noch was gegen einen One-Night-Stand einzuwenden? Auf all das verzichtet Julia bewusst seit zehn Jahren, denn sie lebt Straight Edge. Über die Straight Edge-Szene und wie Julia den Kampf mit sich selbst gewann.

Montagnachmittag, strahlender Sonnenschein, endlich angekommen nach einer Stunde Autofahrt. „Wo sind wir hier?“ – Mitten im nirgendwo. Wir laufen an Gewächshäusern vorbei, den Schotterweg hoch und uns empfangen Enten, eine Katze und zwei Huskys. Kurz darauf begrüßt uns Julia:

„Willkommen in meinem kleinen Paradies…“ – Julia Kühlborn
Alternative Lebenswelt – mitten im Nirgendwo im Raum Ludwigsburg | Bild: Hanna Kowatschitsch
Julia macht sich ihre Welt, wie es ihr gefällt – mit eigenen Sitzkreationen wie beispielsweise der Autositzbank. | Bild: Hanna Kowatschitsch
Demeter Bauernhof Großhöchberg – Hier lebt Julia in einer solidarischen Landwirtschaftsgemeinde | Bild: Hanna Kowatschitsch
Sie lebt mit ihrem Freund, zwei Hunden und zwei Katzen in einem kleinen Wohnmobil. | Bild: Hanna Kowatschitsch
Tattoos, Piercing und Aufnäher auf der Jeansjacke – Julia trägt ihre Einstellungen nach außen | Bild: Hanna Kowatschitsch

Mit Gegenstimmen klarkommen

Die 27-Jährige nimmt auf der Autorückbank ihrer Terrasse Platz und beginnt zu erzählen. Ihre Augen leuchten. Sie brennt für das Thema, das sie uns nun näherbringen möchte. Straight Edge – der Begriff allein klingt schon nach einer extremen Randgruppe. Schon nach wenigen Minuten im Gespräch mit Julia wird deutlich: Mit Straight Edge verfolgt Julia nicht den Drang sich abzuheben , sondern viel mehr den Wunsch, ein gesundes Leben zu führen. Julia schlägt ihre Beine übereinander, rückt ein Stück nach vorne und berichtet nachdenklich aber gleichzeitig selbstbewusst von dem Moment, als alles begann: 

„Der Moment, in dem man merkt, wie viel Gift man täglich zu sich nimmt, ist erschreckend.“ – Julia Kühlborn

Also nimmt sie sich ein Beispiel an ihrem damaligen Freund, der ebenfalls Straight Edge lebt, und hört mit dem Rauchen und Trinken auf, wenig später kommt der Veganismus dazu. Sex gibt es bei ihr nur mit Liebe in einer festen Partnerschaft. So langsam trennt sie sich auch von ihrem Freundeskreis und findet Anschluss in ihrer neuen „Straight Edge-Familie“. Da freuen sich die Eltern bestimmt, wenn man so eine Entscheidung trifft, denken wir uns in dem Moment. Doch Bewunderung erntet Julia für diese Entscheidung nicht – im Gegenteil: Als sei es nicht schon schwer genug, in einem Freundeskreis, bei dem Feiern auf der Tagesordnung steht, ein Statement zu setzen, stößt sie auch bei ihren Eltern auf Verständnislosigkeit. Denn wie kann man denn auf den guten Schnaps nach dem Essen verzichten? Dass der Großteil ihres Umfelds so reagiert, ist kaum verwunderlich. Drogenkonsum ist in der heutigen Gesellschaft zur Normalität geworden:

Drogenkonsum der Deutschen | Bild: Rachel Seger

Einen einfacheren Weg ging Martin, der seit 20 Jahren Straight Edge lebt. Jeder kennt ihn – diesen einen Freund, der beim Feiern immer über die Stränge schlägt. Genau das war Martin: aggressives Verhalten, Schlägereien und das schon nach zwei Bier. Da muss was passieren, der Meinung sind nicht nur seine Freunde, sondern auch er selbst. Martin ist zu diesem Zeitpunkt bereits Teil der Punk Szene. Dort ist „Straight Edge“ kein Fremdwort. Der perfekte Wegbereiter für Martin: Seit er 18 ist, labelt er sich als Straight Edger, hat seit jeher keine Zigarette und keinen Alkohol mehr zu sich genommen. Was in den letzten Jahrzehnten passiert ist? Es kamen neue Freunde dazu. Seine besten Freunde, die er von Beginn an hatte, seien jedoch alles andere als Straight Edge.

Der Kampf mit sich selbst

Man könnte die bewusste Entscheidung zu einem gesünderen Leben schon fast als radikalen Neuanfang bezeichnen. Dieser fiel Julia – abgesehen von den Reaktionen ihres sozialen Umfelds – extrem schwer. Was tun, wenn sich auf einmal alles im Leben um den Verzicht dreht? Um sich abzulenken und ihren Gelüsten den Kampf anzusagen, treibt Julia Extremsport: Sie spielt American Football. Es kostet sie einiges an Zeit und Kraft, sich in der Straight Edge-Szene einzuleben, doch am Ende gewinnt sie den Kampf gegen sich selbst.

„Ich habe gelernt durch mehr Loslassen glücklicher zu werden.“ – Julia Kühlborn

Heute verschwendet sie keinen Gedanken mehr an frühere Gewohnheiten. Der neue Kreis, den sie sich ausgesucht hat, passt wie die Faust aufs Auge zu ihr. Das ist auch der Grund dafür, dass sie ihr anfängliches Verlangen komplett hinter sich lassen konnte.

Do's and Don'ts

Der Lebensstil Straight Edge geht mit einer weltoffenen Grundhaltung einher. Ein absolutes No Go: Rechtsradikalismus. Der perfekte Straight Edger verzichtet auf alles, was das Bewusstsein verändert, lebt vegan und engagiert sich sowohl politisch als auch im Antispeziesismus, denn:

„Letztendlich ging es bei Straight Edge immer um Nächstenliebe.“ – Julia Kühlborn

Wenn jemand fällt, hilft man demjenigen hoch. Wenn jemand einen Drang zur Gewalt verspürt, hat er in der Straight Edge-Szene nichts verloren. Straight Edger vertreten die Meinung, dass gegenseitige Unterstützung das A und O ist und dass keine Spezies das Recht hat, sich über eine andere zu stellen.

Zurück zum „leben und leben lassen“: Insgesamt lässt Julia die Menschen um sich herum gerne so sein wie sie sind. Aber Hand auf’s Herz – einfach wäre das doch nicht, wenn der Partner nicht mehr Straight Edge wäre, oder? Julia gesteht, dass es für sie tatsächlich ein Problem wäre, wenn ihr Freund zum „klassischen Leben“ zurückkehren würde. „Spätestens dann, wenn er nach Rauch stinkt, werde ich zickig.“

Entweder – oder...

Für Martin dagegen gab es nur zwei Optionen: Entweder er wählt Weg A und lebt weiterhin wie bisher, riskiert aber dadurch, dass sein ganzes Leben den Bach runter geht. Oder er geht Weg B, hört radikal mit Alkohol, Drogen und Schlägereien auf und beginnt ein neues Leben. Er wählte Weg B. Einen Kampf habe er nicht durchlebt. Auch die Suche nach einer Ersatzbefriedigung blieb ihm erspart. Die eigene Willenskraft und die Unterstützung aus seinem Umfeld war so groß, dass ihm der Übergang zum Straight Edge Leben überhaupt nicht schwer fiel.

Dass seine Freundin nicht Straight Edge lebt, ist für Martin kein Problem. Die beiden leben gemeinsam in Stuttgart und sind – trotz unterschiedlicher Lebensstile – rundum glücklich.

Martin erklärt – Erfahre mehr über die Straight-Edge-Szene | Bild: Hanna Kowatschitsch

Aber warum jetzt das Wohnmobil?

Die Frage, die uns seit Beginn des Interviews auf der Zunge brennt, lassen wir uns zum Abschluss nun endlich beantworten. Julias Wohnsituation hat nur indirekt etwas mit Straight Edge zu tun.

Mit der Entscheidung zu einem bewussteren Leben offenbarte sich ihr und ihrem Freund jedoch auch ein neuer Lebenstraum: die Gründung eines eigenen Hofs. Ein Gnadenhof, der völlig autark leben kann. Doch dafür braucht man natürlich Geld – und woran lässt es sich besser sparen, als an der Miete?

In den nächsten Jahren möchte Julia mit ihrem Freund eine Familie gründen. Im Optimalfall verlässt sie mit ihrer Familie dann das „kleine Paradies“, in dem sie aktuell lebt und verwirklicht sich ihren Traum von einem noch größeren Paradies.