Michael sieht noch viel Handlungsbedarf im Kampf gegen Rassismus. | Bild: Joel Lischka

Interviews Rassismus
„In Afrika bin ich der Weiße“

Michael sieht noch viel Handlungsbedarf im Kampf gegen Rassismus. | Bild: Joel Lischka

01 Feb 2019

Der 23-jährige Michael Mbina Nziengui studiert Deutsch-Französische Politik- und Sozialwissenschaften an der Universität Stuttgart und am Sciences Po Bordeaux. Seine Eltern lernten sich beim Studium in Grenoble kennen. Der leidenschaftliche Fußballer spricht im Interview über Rassismus und über Bücher, die angepasst werden müssen.

Deine Mutter ist weiß, dein Vater schwarz. Wie würdest Du Dich selbst bezeichnen?

Ich bezeichne mich oft als Mischling. Aber es ist interessant. Hier bin ich für die Leute schwarz. Und in Afrika bin ich „der Weiße“. Es ist sogar schon einmal bei einem Fußballspiel im Kongo passiert, dass vor einem Elfmeter reingeschrien wurde: „Lasst nicht den Weißen schießen!“ Also ich falle überall auf. Aber in Frankreich weniger als in Deutschland oder im Kongo.

Du bist in Deutschland und in Frankreich aufgewachsen. Wie hat sich das aufgeteilt?

Die meiste Zeit meiner Schulzeit habe ich in Deutschland verbracht. Auch mein Abitur habe ich hier gemacht. Nach der Schule sind wir dann nach Lyon gezogen, durch das Studium bin ich jetzt immer ein Jahr in Frankreich und anschließend ein Jahr in Deutschland.

Zu Deinem Namen – Michael ist ein deutscher Name, wie ergeht es Dir damit? Ich hätte nicht sofort einen deutschen Namen mit Dir assoziiert, als ich Dich das erste Mal gesehen habe.

Witzig, dass Du das sagst. Es kommt oft vor, dass die Leute erstaunt sind, wenn ich mich vorstelle und sage: „Ich heiße Michael.“ In Frankreich ist es dasselbe, dort ist Michael – also Michel – ein Opa-Name. Meine Eltern hatten sich darauf geeinigt, dass mein erster Vorname Deutsch ist und mein Zweiter, Mbina, afrikanisch bzw. kongolesisch.

Apropos Kongo – Du hast dort auch Familie?

Ja, meine Großeltern väterlicherseits leben dort. Sowie Cousins und Cousinen von mir und wir werden kommenden Sommer wieder hinfliegen. Ich war leider erst zweimal im Kongo, dafür aber für längere Zeit. Es ist auch eine Herausforderung: Die Flugtickets sind sehr teuer, die ganzen Impfungen müssen gemacht werden und wir bringen immer etwas mit, um die Familie meines Vaters zu unterstützen. Er trägt als ältester seiner Geschwister Verantwortung für die Familie.

Wie leicht fällt Dir Deine Identifikation bei Wurzeln aus drei verschiedenen Ländern?

Na ja, mir fällt häufig auf, dass ich zum Beispiel in Deutschland die Seite Frankreichs vertrete, wenn Menschen falsche Äußerungen über Franzosen tätigen. Wenn ich in Frankreich bin, ist es umgekehrt. Es fällt mir dadurch auch schwer, mich komplett mit einem Land zu identifizieren. Ich könnte nicht sagen: Ich bin Deutscher, Franzose oder Kongolese. Trotzdem bin ich stolz darauf, was ich bin.

Was gefällt Dir am Kongo?

Die Leute wirken glücklicher als hier in Europa. Und das, obwohl Sie weniger materielle Dinge besitzen. Mir kommt es vor, als würden die Leute dort viel mehr lachen und herzlicher miteinander umgehen als in Deutschland oder Frankreich.

In Zeiten des Rechtsrucks in Europa: Hast Du schon persönliche Angriffe erlebt?

Hier in Baden-Württemberg kommt es sehr, sehr selten vor. Vielleicht liegt das aber auch an meinem Freundeskreis, der sehr durchmischt ist. Aber es ist natürlich schon vorgekommen. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland. Wobei ich sagen muss, dass es in Frankreich subtiler ist. Häufig wurde ich beim Fußball beleidigt. Körperlich angegriffen wurde ich noch nicht, allerdings war ich einmal dabei, als ein Freund von mir von Faschisten zusammengeschlagen wurde.

Wo war das? Konntest Du Deinem Freund helfen?

Das war in Karlsruhe gegen Mitternacht. Das waren Vollidioten, die ausländerfeindlich waren. Alles ging so schnell, ich war geschockt und konnte gar nicht dazwischen gehen. Etwas Ähnliches ist mir vorher noch nie passiert. Meine Eltern fanden das anfangs nicht so gut, als ich abends weiterhin ausgegangen bin.

Was brüllen die denn auf dem Fußballplatz gegen Dich?

Neger oder Nigger zum Beispiel. Diese Bezeichnung ist für mich ein rotes Tuch. Vieles nehme ich aber mit Humor. Ich lache mit meinen Freunden über diese Leute, weil ich finde, dass wenn man über Dinge lachen kann, es häufig einfacher ist, damit umzugehen.

Entwickelst Du da Hass auf solche Menschen, wenn Dir so etwas begegnet?

Hass ja, aber es ist oft so, dass ich wie gelähmt bin. Schockiert bin. Aber meine Eltern haben mir immer gesagt, dass ich mich wehren soll, wenn so etwas vorkommt. Dazu kommt, dass meine Freunde mich immer unterstützen, wenn so etwas passiert. Ich war mal auf einer Jugendreise, als der Animateur anfing, zehn nackte Negerlein zu singen, obwohl er wusste, dass ich im Bus bin. Daraufhin ist eine Freundin von mir zu ihm vor gegangen, hat ihm das Mikro aus der Hand gerissen und ihn gefragt, wie man nur so einen Scheiß singen kann. Solche Reaktionen finde ich echt stark.

Dieses Lied erinnert mich an eine Geschichte aus meiner Kindheit: Im Kinderturnen spielten wir oft „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“. Ich habe natürlich nicht darüber nachgedacht, dass das eine Form von unterschwelligem Rassismus sein kann. Findest Du es richtig, dass im Jahr 2018 abzuändern oder ist es übertrieben?

Es ist eben schon so, dass man 2018 so etwas überdenken muss. Kinder bekommen unbewusst in den Kopf, dass sie Angst vor einem schwarzen Mann haben. Genauso gab oder gibt es auch die Diskussionen, ob man in Kinderbüchern Wörter wie Neger herausstreichen soll. Vor allem, wenn man Kindern solche Bücher vor dem Schlafen gehen vorliest. Ich finde schon, dass man das machen sollte.

Ist das dann keine Beschneidung von Kunst?

Ich finde, man sollte da unterscheiden. Wenn zum Beispiel, ich weiß nicht, ob das der Fall war, in einem Buch von Kafka das Wort Neger vorkommt, ist es ein Unterschied gegenüber einem Kinderbuche. Die Frage ist auch, wer diese Bücher liest. Und jemand der Kafka liest, ist in der Regel schon viel älter und eine ausgebildete Persönlichkeit. Wenn jedoch ein Kind, abends gemütlich im Bett liegend, das Wort Neger hört und am nächsten Tag im Kindergarten ein anderes Kind als Neger bezeichnet, finde ich, dass das nichts mehr mit Kunst zu tun hat. Das hat eher was mit Erziehung zu tun.

Was muss sich ändern, damit Rassismus weniger wird?

Es fängt auf einer kleinen Ebene an. Im Sport zum Beispiel, ich hatte einen Mitspieler in der Mannschaft, bei dem ich auf der Facebook-Seite gesehen habe, dass er rassistische Meinungen vertritt. Als ich ihm in der Kabine gegenübersaß, verhielt er sich aber ganz anders. Wir haben uns gut verstanden, irgendwann kam dann ein Flüchtling aus Gambia zu uns ins Training und die Beiden wurden die besten Kumpels. Was ich damit sagen möchte, ist: Diese Leute müssen mit anderen in Kontakt treten, damit sich ihre Meinung ändert. Dafür muss man aber offen sein.

Aber wenn selbst prominente Fußballer wie Karim Benzema sagen, dass Frankreich nur Sport sei und Algerien Heimat, wird doch Abneigung und Rassismus auch von Menschen mit anderen Wurzeln gefördert.

Ich persönlich würde auf keinen Fall behaupten: „Kongo ist mein Land. Deutschland ist nur Aufenthalt.“ Aber ich kann schon verstehen, weshalb er das gesagt hat. Er stammt aus einem sehr schwierigen Viertel in Lyon. Ich kenne diese Gegend.

Für mich selbst kann ich nicht sagen: „Ich bin Deutscher.“ Ich war einmal bei einem Länderspiel im Stadion. Als dann Deutschland ein Tor geschossen hat und ich mich gefreut habe, schmeißt mich ein Mann mit seinem Bierbecher ab und brüllt mich an: „Du bist kein Deutscher!“ Deshalb fällt es mir schwer, mich hinzustellen und zu sagen: „Ich bin Deutscher.“ Natürlich fühle ich mich in den meisten Situationen deutsch. Aber ich kann es nicht zu 100 Prozent sagen, da es immer wieder Leute gibt, die mir das Gefühl geben, ich bin nicht Deutsch. Und Benzema hat ähnliche Dinge erlebt, deshalb ist es bis zu einem gewissen Punkt verständlich, wenn er sich so äußert.

Noch eine letzte Frage, da Du Fußballfan bist: Wer soll gewinnen, wenn Deutschland gegen Frankreich spielt?

So aus dem Bauch heraus würde ich sagen Deutschland.