Mithilfe von Persönlichkeitstests versucht Scientology, neue Mitglieder für sich zu gewinnen. | Bild: Sarah El Ghadouini

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Der Weg zum Glücklichsein?

Mithilfe von Persönlichkeitstests versucht Scientology, neue Mitglieder für sich zu gewinnen. | Bild: Sarah El Ghadouini

17 Dec 2018

Gehirnwäsche, Manipulation und Geld – daran denken Menschen, wenn sie Scientology hören. Seit fast 30 Jahren ist die „Religion“ auch in Stuttgart vertreten. Aber was steckt wirklich hinter der Fassade der Organisation und wie entwickelt sie sich in der modernen Gesellschaft?

„Haben Sie schon einmal einen Persönlichkeitstest gemacht?“, fragt eine Scientology-Mitarbeiterin. Sie steht mit einem Stapel Flyer in der Hand vor der neu eröffneten Kirche in der Heilbronner Straße in Stuttgart.

Dieser Test – die Oxford Kapazitätsanalyse – soll individuelle Stärken und Schwächen aufzeigen und die Selbstwahrnehmung verändern. Scientology wird dabei häufig vorgeworfen, Menschen mit manipulativen Mitteln oder Gehirnwäschen von sich zu überzeugen. Dr. Sarah Pohl, stellvertretende Leiterin der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg klärt auf: „Bei dem Persönlichkeitstest von Scientology handelt es sich um einen ganz normalen Test. Die Ergebnisse werden dann allerdings im Nachhinein defizitorientiert verwendet, um gezielt die Schwächen des Menschen zu erkunden.“ Der Begriff der Gehirnwäsche – bei der davon ausgegangen wird, dass ein Mensch neu „programmiert“ wird – sei im Kontext zu Scientology mittlerweile widerlegt. In der Psychologie werde mehr von „Passung“ gesprochen. Das bedeutet: Personen, die Gruppen wie Scientology beitreten, täten dies meist freiwillig. Die Organisation verspreche ihren Neuanhängern eine positive Veränderung ihrer Lebensauffassung, deshalb träten Menschen Scientology bei.

„Die am schnellsten wachsende neue Religion der Welt“, so bezeichnet sich Scientology selbst, wurde 1954 in den USA von L. Ron Hubbard gegründet. Heute ist sie in 75 Nationen vertreten.

Eine Weltkarte zeigt dunkel eingefärbt die Staaten der Welt, in denen Scientology Standorte hat. Ganz Nordamerika, Russland, große Teile von Europa und Südamerika sind u.a. eingefärbt. Bei Scientology handelt es sich nicht um ein ausschließlich westliches Phänomen. | Quelle: Scientology-Webseite

Seit 1970 ist Scientology auch in Deutschland, besonders in Baden-Württemberg, präsent. Der Südwesten ist aufgrund seiner Wirtschaftskraft eine gute Umgebung für die Bewegung. Nach Angaben der Aktion Bildungsinformation e.V. (ABI) ähnelt Scientology in seiner Struktur oftmals mehr einem Konzern als einer traditionellen Religion. Da die Landeshauptstadt einen starken Standort bietet, ist die „Scientology-Gemeinde Baden-Württemberg e.V.“ Anfang September 2018 in die Heilbronner Straße im Herzen Stuttgarts gezogen. „Taktisch gesehen ist der neue Standort von Scientology sehr clever gemacht. Es kommen vor allem viele junge Leute vorbei, um zum Beispiel im Milaneo zu flanieren oder zu Mittag zu essen. Da wird der eine oder andere auch mal von der Organisation angesprochen“, sagt Dr. Helga Lerchenmüller von der ABI in Stuttgart.

Das neue Scientology-Gebäude. Scientology erwarb den neuen Standort für circa acht Millionen Euro. | Bild: Annika Bingger

Die Grundlage der „Religion“ stellt die Schaffung eines „Clear Planets“, einer Gesellschaft aus von Traumata befreiten Scientologen, dar. Dieser Status des „clear“-seins wird durch sogenannte Auditings erreicht. Dies sei der exakte Weg zu höheren spirituellen Stufen. Laut Scientology werden traumatische Erfahrungen des Lebens gelöscht. Der „Preclear“ – ein Mensch, der sich dem Auditing unterzieht – soll mehr über sich selbst erfahren und besser mit seinem Leben umgehen können. Bei diesen kostenpflichtigen Auditings legen die „Preclears“ ihre intimsten Geheimnisse durch tiefe, oft stundenlange Befragung des Auditors zur Analyse offen. In manchen Fällen würden „Preclears“ während des Auditings auch an einen Lügendetektor angeschlossen werden. Wissenschaftlich ist diese Art der Persönlichkeitsveränderung jedoch nicht anerkannt und trifft in Fachkreisen auf Ablehnung. 

Viele Methoden und Ziele von Scientology sind sogar angesichts des deutschen Rechtssystems fragwürdig. Deshalb wird die Bewegung seit 1997 in mehreren Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet: „Scientology strebt ein totalitäres gesellschaftliches System an, in dem elementare Grundrechte wie die Menschenwürde, die Meinungs- und Pressefreiheit, sowie das Demokratie- und das Rechtsstaatsprinzip massiv eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt würden“, sagt Georg Spielberg, Pressesprecher des Verfassungsschutzes Baden-Württemberg. Die Gruppe sei jedoch seit mehreren Jahren längst nicht mehr so präsent wie etwa vor 20 Jahren. Aus diesem Grund gingen die Mitgliederzahlen seit längerer Zeit zurück. Während im Jahr 1997 der Organisation etwa 1.200 Scientologen in Baden-Württemberg angehörten, seien es heute nur noch knapp 800. Auch deutschlandweit sinken die Zahlen, so der Verfassungsschutz.

Ein Liniendiagramm zeigt, dass die Anzahl an deutschen Scientologen um fast die Hälfte seit 2000 gefallen ist. 2017 gab es weniger Scientologen als HdM-Studierende. Es gibt weitaus weniger Scientologen, als die meisten Menschen erst annehmen. | Quelle: Verfassungsschutzberichte des Bundes 2000-2017

Was ist aber der Grund für diesen Rückgang? „Scientologys Angebot entspricht nicht mehr den Bedürfnissen der Menschen hierzulande. Das religiöse Verhalten hat sich verändert. Bei Jugendlichen entsteht eine ‚Patchwork-Religiosität‘, da die jungen Menschen sich nicht mehr auf eine Religion festlegen“, erklärt Dr. Pohl. Ihrer Meinung nach seien aber auch die neuen Medien für den starken Rückgang verantwortlich. Durch die Informationsvielfalt online wird in den Medien sehr negativ über die Organisation berichtet, die Zugehörigkeit zu Scientology werde als Stigma gesehen, zu dem sich niemand bekennen will. Das Land Baden-Württemberg arbeitet zudem eng mit Schulen zusammen, um über die Gefahren der Gruppe aufzuklären. Die Gruppierung versuche oftmals getarnt – meist als eine soziale Kampagne – potenzielle, junge Mitglieder für sich zu gewinnen, so Dr. Lerchenmüller. In der Öffentlichkeit trifft Scientology deshalb zusehends auf Ablehnung.

Elke, 73: „Für mich hat Scientology mit Freiheit und erst recht mit Demokratie nichts zu tun.“ | Bild: Annika Bingger
Lara, 19: „Wenn ich ‚Scientology‘ höre, denke ich zu allererst an Werbung. Aber prinzipiell ist es mir egal, was die Scientologen machen.“ | Bild: Annika Bingger
Michael, 44: „Bei Scientologen merkt man, dass oft keine starke Persönlichkeit hinter diesen Menschen steckt. Aber die neue Platzierung der Kirche an der Heilbronner Straße ist taktisch sehr geschickt – so zieht Scientology mehr Aufmerksamkeit auf sich.“ | Bild: Annika Bingger
Petra, 56: „Religion bedeutet, an Gott oder Buddha oder ein anderes höheres Wesen zu glauben. Scientology hat meiner Meinung nach kein solches Gottesbild, dort glaubt man an das „große Geld“ und sonst an nichts.“ | Bild: Annika Bingger
Jakob, 18: „Scientologen sind für mich gut angezogene Menschen auf der Straße, die Passanten ansprechen, Flyer in die Hand drücken und zu irgendetwas überreden.“ | Bild: Annika Bingger

„Der Weg zum Glücklichsein“ – das steht auf dem Flyer, den die Scientologin Passanten in die Hand drückt. Ein Weg, der jahrelange Lebenserfahrung löscht und zum veränderten Selbst führt. Ein Weg, der in Zukunft voraussichtlich von immer weniger Menschen eingeschlagen wird. Denn die moderne Gesellschaft sehnt sich mehr nach einer freien Religionsauslebung und weniger nach dem „einzig richtigen“ Weg, der ins persönliche Lebensglück führt – denn diesen gibt es für viele heutzutage nicht mehr.