Die Paulinenbrücke in Stuttgart Mitte | Bild: Jana Dengler

Blickwinkel Drogenabhängigkeit in Stuttgart
Unter der Brücke

Die Paulinenbrücke in Stuttgart Mitte | Bild: Jana Dengler

03 Jan 2019

Früher war es ihr Treffpunkt, heute werden sie regelmäßig durch Razzien vertrieben. Die Stadt will die Drogenabhängigen unter der Paulinenbrücke loswerden – zeigt ihnen aber keine Alternativen auf. Doch jeder von ihnen verdient es, wie ein Mensch behandelt zu werden. Ein Kommentar.

Die Stadt Stuttgart versucht, dem Österreichischen Platz neues Leben einzuhauchen und gibt einer jungen Organisation wie „Stadtlücken e.V." die Chance, den Raum für öffentliche Zwecke zu nutzen. Ein hehres Ziel – doch nicht bis zum Schluss durchdacht. Brot und Spiele für die gebildete Mittelschicht und klammheimlich werden die entfernt, die hier einen Zufluchtsort gefunden haben. Säuberung für Subkultur. 

Es war noch nie eine gute Idee Randgruppen auf Grünflächen zu vertreiben. Kein Anschluss, keine Hilfe, keine Überwachung. Die von der Gesellschaft Ausgestoßenen werden separiert. Soll nicht heißen, dass Junkies Heilige sind – viele von ihnen sind sicher unberechenbare Ganoven, unerträglich und haben es sich ein Stück weit selbst zuzuschreiben wie es ihnen ergangen ist – solche gibt es aber in sämtlichen Teilen der Gesellschaft. 

Spritzen auf öffentlichen Toiletten 

Selbstverständlich sind die Rufe und die Kritik der Passanten und Anwohner ernst zu nehmen: Keiner will gern neben Heroinabhängigen leben. Keiner findet es amüsant, mitten in der Stadt Mitleid oder Ekel empfinden zu müssen. Spritzenteile und Tablettenpackungen, leere Bierdosen: Das sind nicht unbedingt Anblicke, die Eltern ihren Kindern zumuten möchten. Auf den Toiletten des Einkaufstempels Gerber gehört das aber zum Alltag.

Doch wo setzt man an bei einem Problem, das in so unmittelbarer Nähe lauert? Die Antwort ist einfach: ganz oben. Die Drogenpolitik hinkt der vieler anderer Länder hinterher und behandelt ein durch gesellschaftliche Strukturen entstandenes Problem ignorant. Der Stuttgarter Status quo lautet: Kriminalisierung statt Akzeptanz. Betroffene müssen mit unverhältnismäßig hohen Strafen rechnen,die kaum abschreckend, aber kostspielig und bürokratisch absurd aufwendig sind. 

Die Schweiz als Vorbild

Doch es geht auch anders. Mit dem Vier-Säulen-System und der damit einhergehenden „Schadensminderung" hat die Schweiz 2011 beispielsweise dafür gesorgt, dass es in problematischen Bezirken Fixerstuben und Aufenthaltsorte für Drogenabhängige gibt. Aufgrund dieser Aufsicht gibt es dort weniger Drogentote. Die Ausgabe von sauberem Spritzbesteck führte dazu, dass die Zahl der HIV-Infizierten zurückging, und, ganz vielleicht, kann auch dem einen oder anderen zurück zu einem lebenswerten Sein verholfen werden, indem man ihm zeigt, dass er nicht unsichtbar oder gar verabscheuenswert ist.

Statt in solch ein System zu investieren, fließt Geld in unverhältnismäßige Razzien, die weder den Abhängigen noch den Anwohnern weiterhelfen. Sichergestellt wird nur, dass die Stuttgarter Polizei zumindest einmal täglich etwas zu schaffen hat – und das Leben unter der Brücke weitergeht wie gehabt.