MEINUNG
Spiegel verzerren die Wirklichkeit und bringen die meisten Menschen dazu, regelrecht besessen von der eigenen Selbstoptimierung zu sein. | Bild: Kristin Pribil

edit.Challenge Selbstversuch
Kein Spieglein an der Wand

Spiegel verzerren die Wirklichkeit und bringen die meisten Menschen dazu, regelrecht besessen von der eigenen Selbstoptimierung zu sein. | Bild: Kristin Pribil

23 Jan 2020

Ein letzter Blick in den Spiegel und erst dann verlasse ich das Haus. Die Generation Social-Media hat eine förmliche Besessenheit mit ihrem Spiegelbild und der äußeren Erscheinung. Mit meinem Versuch, ohne Spiegel zu leben, will ich dieser Abhängigkeit trotzen. 14 Tage auf Entzug – von mir selbst sozusagen.

Franziska Nistler

4. Semester
seit Sommersemester 2019/20

Zum Autorenprofil

Gedanken und Gefühle, die wir haben, wenn wir in den Spiegel schauen, beeinflussen die Art und Weise, wie wir mit anderen Menschen umgehen. In Zeiten der Selbstinszenierung wird uns eines gelehrt: Dein Aussehen hat einen hohen Stellenwert und du kannst erst mit dir zufrieden sein, wenn du auch wirklich das Maximale aus deinem Äußeren herausgeholt hast. Egal ob Drogen, Alkohol oder Shopping – Süchte kann man für alles entwickeln. Die meisten Menschen betrachten sich zwischen 43 und 71 Mal am Tag in der selbstreflektierenden Wunderfläche. Dieser Wert ist eindeutig zu hoch und ein guter Grund, nicht noch länger mit meiner Challenge zu warten. Was passiert also, wenn ich das Produkt der Verzerrung schlagartig weglasse?

 

Mirror, Mirror OFF the wall…

Tag 1
…who is the fairest of them all? Mein Selbstversuch startet an einem Mittwochmorgen, an dem ich zur Uni muss. Eigentlich war geplant, die Challenge schon am Montag zu beginnen, doch das Vermeiden der Spiegel gestaltete sich deutlich schwieriger als gedacht. Da ich weiß, an welchen Stellen zu Hause Spiegel hängen, hatte ich mir vorgenommen, diese einfach mit dem Gesicht auf den Boden gerichtet zu umgehen. Wie durch Zauberhand wurden meine Blicke jedoch ständig von den reflektierenden Stellen angezogen. Deshalb habe ich kurzentschlossen alle Spiegel im ganzen Haus mit Zeitungspapier abgeklebt. Sehr zur Freude meiner Familie natürlich.
Diesen Fehlstart werte ich als kleinen Testversuch und mein zweiter Anlauf beginnt nun in der Mitte der Woche. Da ich in der Uni so gut wie immer ungeschminkt bin, macht der Spiegel mir da schon mal keinen Strich durch die Rechnung. Bereits beim Zähneputzen fällt mir auf, dass der Blick in den Spiegel nicht immer etwas mit eigener Unzufriedenheit und Selbstoptimierung zu tun hat, sondern sehr oft auch einfach zur Routine gehört. Ein bisschen nackt fühle ich mich trotzdem. Zum ersten Mal wird mir bewusst, wie viele spiegelnde Flächen es um mich herum gibt: Schaufenster, Autoscheiben, ein Handydisplay. Gefühlt gibt es an diesem Tag keine Fläche, die nicht spiegelt. Es ist vor allem anstrengend, auf diese achten zu müssen, da ich einen Raum erst vollständig betrete, wenn ich ihn nach reflektierenden Gegenständen abgescannt habe. Ich muss mich auf mein Umfeld und die Meinung anderer ohne eigene Überprüfung verlassen. Wenn ich „spüre“, dass meine Haare nicht sitzen, kann ich nichts dagegen unternehmen und muss mich meinem Schicksal wohl oder übel fügen. Die Kontrolle über mein Aussehen abzugeben, macht mich nervös und das erhoffte Gefühl einer vor Selbstbewusstsein strotzenden Eigenwahrnehmung bleibt aus. Ich versuche mich zu beherrschen, nicht in die spiegelnden Fenster der vorbeifahrenden S-Bahn zu schauen.
 

Der lebendige Spiegel

Tag 6
Ich merke langsam, wie meine Gedanken immer seltener um mein Aussehen kreisen. Meine Freunde sind mein Spiegel, auf die ich mich verlassen kann. Sie sagen mir, wenn ich etwas zwischen den Zähnen oder einen Fleck auf dem T-Shirt habe. Mein Aussehen rückt immer weiter in den Hintergrund und verliert an Wichtigkeit. Wenn ich meinem äußeren Erscheinungsbild weniger Beachtung schenke, dann gebe ich dem Ganzen auch weniger Raum in meinem Leben. Es wäre viel logischer, sich gerade dann nicht zu betrachten, wenn man das Gefühl hat, nicht schön zu sein. Denn wenn ich nicht weiß, wie ich aussehe, dann kann ich mir auch einfach vorstellen, dass ich gut aussehe und unbeschwert weiterleben. Der Vorteil daran ist, dass ich es noch nicht einmal mitbekomme, wenn mein Erscheinungsbild schon bessere Tage gesehen hat.
Da es für mich ohne Spiegel keine Möglichkeit mehr zur Selbstoptimierung gibt, habe ich irgendwann aufgehört gegen den eigenen Körper zu arbeiten. Ich denke, das ist der Punkt, an dem man, zumindest in diesem Moment, von Selbstakzeptanz sprechen kann.
 

Innere Freiheit

Tag 10
Ich will einen realistischen Selbstversuch machen, weshalb der Plan ist, am Wochenende feiern zu gehen. Sich zu Hause beim Serien schauen keine Gedanken über Äußerlichkeiten zu machen, ist bekanntermaßen nicht allzu schwer. Da Haare, Gesicht und Kleidung sowieso nicht von mir kontrolliert werden können, bin ich wie zu erwarten die Erste, die bereit für den Abend ist. Ich bin selbstbewusst. So selbstbewusst, wie wenn ich in den Spiegel gesehen hätte. Ich realisiere, dass ich den gleichen Spaß wie alle anderen habe, ohne mich hinter einer „Schmink-Maske“ verstecken zu können. Das soll nicht heißen, dass alle Menschen sich nur aus Unsicherheit schminken oder sich ungeschminkt nicht zeigen wollen. Überlegen fühle ich mich gegenüber den topgestylten Leuten aber trotzdem. Nicht, weil ich denke, dass andere nicht dasselbe schaffen würden, sondern eher, weil ich mich frei gemacht habe von unwesentlichen gesellschaftlichen Werten. Ich allein genüge mir und meine Freude an Dingen ist unabhängig von meinem äußeren Erscheinungsbild. Spätestens auf dem Heimweg sehen ohnehin alle erschöpft aus, weshalb ich froh bin, dass ich nicht noch verlaufene Mascara oder verschmierten Lippenstift mühselig von meinem Gesicht entfernen muss.
 

Man konzentriert sich auf das Wesentliche, wenn das Erscheinungsbild nicht mehr kontrolliert werden kann. | Bild: Kristin Pribil
Die Welt ist voller reflektierender Flächen, die es einem schwer machen, sich nicht überall zu spiegeln. | Bild: Kristin Pribil
Auch durch bewusstes Meiden der Spiegel, führt kein Weg daran vorbei, sein Äußeres zu betrachten. | Bild: Kristin Pribil
Die Spiegelabstinenz lehrte mich, mit dem eigenen Körper und nicht gegen ihn zu arbeiten. | Bild: Kristin Pribil

Neujahrsvorsätze

Tag 14
Es ist Silvester und ich schaue in den Spiegel. Wie es sich anfühlt? Unspektakulär. Obwohl ich genau gleich aussehe wie vor 14 Tagen, fühle ich mich irgendwie verändert. Da an diesem Tag ohnehin alle auf das vergangene Jahr zurückblicken, lasse ich meinen Selbstversuch noch einmal Revue passieren. Mir ist vor allem aufgefallen, wie abhängig man von der eigenen Selbstverbesserung sein kann und wie gut es tut, von Vergleichen Abstand zu nehmen. Was ich in der Zeit meiner Spiegelabstinenz noch gelernt habe? Anderen Menschen zu vertrauen und sich selbst Fehler zu erlauben. Meinen eigenen Wert kennen und begreifen, dass die Menschen, die mich mögen, mich nicht aufgrund meines Äußeren anders behandeln. Ich will nicht lügen und als Fazit meiner Challenge sagen, dass ich ab jetzt nie wieder in den Spiegel schauen werde. Allerdings will ich dies in Zukunft seltener tun. Einen kurzen Blick morgens, bevor ich das Haus verlasse und einen abends, falls ich noch etwas geplant habe. Den Rest des Tages möchte ich versuchen, ihn bewusst zu meiden. Mir missfällt die Art, wie wir Spiegel benutzen. Wir ignorieren das Schöne an uns und sehen ausschließlich das Schlechte. Stattdessen sollten wir versuchen, einen Schritt beiseite zu treten, um das größere Bild zu betrachten. Unser Selbstwert sollte aus anderen Quellen als Äußerlichkeiten geschöpft werden, denn diese sind vergänglich.