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Tautropfen auf Grashalmen: Bei einem Spaziergang entdeckt man die Schönheit der Natur. | Bild: Laura Bongard

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Spazieren für die Psyche

Tautropfen auf Grashalmen: Bei einem Spaziergang entdeckt man die Schönheit der Natur. | Bild: Laura Bongard

21 Dec 2020

Spazierengehen tut neben dem Körper auch der Psyche gut. Unterschiedliche Dinge zu sehen und zu hören, bringt den nötigen Ausgleich zum monotonen Arbeitsalltag. Ein Arzt und eine Reiseveranstalterin erklären, worauf es beim Spazierengehen ankommt.

Laura Bongard

Crossmedia Publishing & Management
seit Wintersemester 2020
Physische & Psychische GesundheitGesellschaftSocial Media

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Ein Spaziergang an der frischen Luft tut dem Geist gut: bunte Blätter, dicht stehende Bäume, Vogelschwärme in der Luft – es gibt viel zu entdecken. Doch was ist, wenn man keinen Zugang zu freier Natur hat? Kann ein Spaziergang um dicht bebaute Siedlungen genauso guttun?

Im Interview betont Christoph Kommerell, pensionierter Allgemeinarzt, dass „jede Bewegung im Prinzip positiv ist, für körperliche und geistige Gesundheit. Das ist ja schon seit einiger Zeit erwiesen.“ Gerade für ältere Menschen sei Bewegung sehr wichtig: „Wir wissen, dass zum Beispiel die Demenzentwicklung auch bei älteren Menschen durch körperliche Bewegung deutlich verbessert wird. Also nicht nur geistige, sondern auch körperliche Bewegung.“

Das Ergebnis der verbesserten Psyche nach dem Spazierengehen wird von vielen Studien unterstützt. Marc Berman, ehemaliger Postdoctoral Fellow, fand während seiner Tätigkeit am Rotman Research Institute in Toronto, Kanada, im Jahr 2011/2012 heraus, dass Menschen mit Depressionen ihre geistige Leistung durch Spazierengehen steigern können. Diese Studie wurde mit Wissenschaftlern der University of Michigan und der Stanford University durchgeführt. Besonders ein verbessertes Gedächtnis sei festgestellt worden. Interessant ist, dass das Gedächtnis der Probanden nach einem Spaziergang durch ein hektisches Großstadtviertel schlechter war.

Blätterrauschen ist eines der vielen Geräusche, die man bei einem Spaziergang hören kann.

Doch macht es wirklich einen Unterschied, wo ich spazieren gehe?

„Ja“, meint Michaela Müller von Wainando, einem Reiseanbieter für Meditation und Sinnreisen. Genau hier knüpfe das Waldbaden, auch Shinrin Yoku genannt, an. Dieses Konzept stammt ursprünglich aus Japan. Die Mitarbeiterin des Sinnreiseanbieters beschreibt Waldbaden als „das Eintauchen in die Energie des Waldes. Das bedeutet, dass man mit allen Sinnen Kontakt mit der Natur aufnimmt.“

Aber wie kann man davon profitieren? „Man kann Anspannung und Stress loslassen, die Gedanken wieder fokussieren und in seine innere Mitte kommen“, erklärt Michaela Müller überzeugt.

Wo man schlussendlich spazieren gehe, sei nicht so wichtig, verrät Christoph Kommerell. Die Hauptsache sei Aufmerksamkeit: „Die Natur ist natürlich was Wunderschönes, die kann man nicht nachahmen, das ist natürlich, und der Häuserblock ist menschlich gebaut. Aber wenn man aufmerksam ist und sich die Architektur anschaut oder hinter Fenstern sieht, wo Lampen stehen, kann auch das gut sein. Das muss man alles sehen, den Vorhang oder das gemütliche Licht, das da in der Wohnung ist.“

Es sei wichtig, alle Sinne zu nutzen und alles aufzunehmen: jeden Grashalm, jedes Kaugummi auf der Straße, die Sonnenstrahlen auf dem Gesicht. Dadurch erreiche man mehr Lebensqualität: „Wir müssen einfach beobachten, was um uns herum ist.“ Gerade in unserer heutigen Leistungsgesellschaft sieht der Allgemeinarzt eine Gefahr für die Psyche:

„Wir glauben immer, die Wissensintelligenz sei wichtig und je bessere Abiturnoten man hat, desto leichter lässt es sich leben. Aber das macht nur Stress. Und das macht uns im Endeffekt krank. Hier kann Aufmerksamkeit helfen.“ – Dr. Christoph Kommerell

Menschen mit Depressionen, zum Beispiel, seien manchmal so gefangen in ihren Gedanken, dass sie gar nicht rauskämen und nichts aufnehmen könnten. Wenn diese Personen aufmerksam spazieren gingen, könnten sie „die Schönheit der Welt herausarbeiten“ und das führe zu einem verbesserten psychischen Zustand, Christoph Kommerell zufolge. Bei klinischen Depressionen könnten Spaziergänge eine Behandlung jedoch nicht ersetzen. „Eine Psychotherapie und medikamentöse Behandlungen sind unentbehrlich in diesem Fall.“

Schließlich offenbart der Arzt: „Eigentlich sollte man eher nicht spazieren, man sollte eher Nordic Walking machen, wo man nachher wirklich eine körperliche Beanspruchung hat.“ Man solle so schnell laufen, dass man sich gerade noch mit einem Partner unterhalten könne: „Ich sehe viele Ältere, die spazieren gehen und die Hände hinten auf dem Rücken zusammenlegen. Das bringt eigentlich nicht sehr viel.“ Eine gewisse Atemfrequenz muss man schon erreichen, um den Körper gesund zu halten. Ein wenig Anstrengung ist für die Durchblutung des Gehirns unentbehrlich. Das wiederum hilft bei jeder Art von Stress, Angst und Depression.

In Wäldern und auf Feldern kann man bei einem Spaziergang die Vögel zwitschern hören.

Ob es nun bunte Blätter oder farbenfrohe Lichterketten in Fenstern sind die Hauptsache ist, sich beim Spazierengehen umzusehen und alles aufzunehmen. Wer aufmerksam spazieren geht, dem geht es besser.