Nisha Toussaint-Teachout bei einer Demonstration vor den Kontaktbeschränkungen. | Bild: Ben Engelhard

Politik&Aktion Aktivismus während Corona
„Der Sinn meines Lebens war stillgelegt“

Nisha Toussaint-Teachout bei einer Demonstration vor den Kontaktbeschränkungen. | Bild: Ben Engelhard

25 Jun 2020

Mit Plakat und Megafon bewaffnet prangern die Aktivist*innen von Fridays For Future (FFF) regelmäßig das Verhalten von Großkonzernen und Regierungen an. Doch durch die Corona-Beschränkungen können sie nicht mehr wie gewohnt demonstrieren. Wie die FFF-Bewegung in Stuttgart damit umgeht und welche Rolle das Internet dabei spielt, erzählt Aktivistin Nisha Toussaint-Teachout im Interview.

Was ging dir als Aktivistin durch den Kopf, als es durch Corona zu Versammlungsverbot und Kontaktbeschränkungen kam?

Ich verstehe das. Corona war und ist eine Krisensituation und musste so behandelt werden. Es hat mir Mut gegeben, dass es anscheinend möglich ist, eine Krise ernst zu nehmen, global zusammen zu arbeiten und harte, aber notwendige Maßnahmen einzuführen. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass sich dieser Zustand nicht so bald ändern wird. Wir leben in einer Demokratie - da muss es auch in einem Krisenzustand möglich sein, dass Bürger*innen politische Meinungen äußern dürfen, und zwar im öffentlichen Raum.

Wie habt ihr als FFF auf diese Krise reagiert?

Bevor die rechtlichen Beschränkungen kamen, haben wir schon unsere Demos abgesagt, auch deutschlandweit. Als FFF Deutschland haben wir uns darauf geeinigt, dass wir einen Netzstreik machen, der war auch weltweit. Aber durch die Autonomie der Ortsgruppen gab es große Unterschiede bei zusätzlichen Aktionen. Generell stand der verantwortungsvolle Umgang mit beiden Krisen im Kern von allen Aktionen.

Gerade wir sind die, die sagen: „Hört auf die Wissenschaft.“ Deswegen war es auch unsere Verantwortung, schnell zu handeln, auch als die Politik noch nicht gehandelt hat. – Nisha Toussaint-Teachout

Wie läuft so eine Online-Demonstration ab?

Eigentlich wie eine normale Demonstration, nur im Livestream. Es werden Reden gehalten und Musik gespielt. Zwischendrin gibt es beispielsweise einen Demonstrationszug zu der Website von einem Amt. Dem schickt man eine E-Mail mit einem Beispieltext aus dem Livestream. Mit diesem E-Mail-Ansturm können wir den Eindruck erwecken, als würden wir gerade vor ihrem Gebäude stehen und demonstrieren.

Ihr seid zusätzlich zum Netzstreik am 24. April 2020 auch auf die Straße gegangen, in Form eines Spaziergangs. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ich glaube, das Netz ist ein sehr guter Ort, um zu kommunizieren und anzuprangern. Aber es reicht nicht; Menschen können ganz einfach wegklicken. Den Stadtspaziergang haben wir mit dem Ordnungsamt abgesprochen. Wir haben uns intensiv damit auseinandergesetzt, ein Konzept zu erarbeiten, das Corona-sicher ist. Trotzdem hat es Probleme mit der Polizei gegeben. Sie meinte, dass schon mehr als zwei Personen auf dem gesamten Marktplatz als politische Versammlung gelten würden - trotz Abstand. Und das sei nicht erlaubt.

Es braucht Protest, vor allem im öffentlichen Raum, wo er unbequem und unüberhörbar ist. – Nisha Toussaint-Teachout

Hat euch das einen Dämpfer versetzt?

Absolut. Es hat uns persönlich getroffen, weil wir alles abgesprochen und die Richtlinien beachtet haben und  es trotzdem krasse Missverständnisse gab. Das hat uns betroffen gemacht, besonders weil es Aktivist*innen in anderen Ländern jeden Freitag so geht. Dadurch habe ich eine Wertschätzung dafür bekommen, wie es normalerweise ablief - und jetzt zum Glück langsam auch wieder abläuft.

Inzwischen ist es wieder möglich, mit Beschränkungen zu demonstrieren. Wie macht ihr von FFF Stuttgart weiter?

Unsere Aktionen sind ähnlich wie die vor Corona. Zum Beispiel eine Mahnwache oder eine Demonstration, aber mit großem Abstand. Damit keine große Menschenansammlung entsteht, haben wir Leute gebeten, Plakate vorbeizubringen. Und da wir noch nicht in so großer Zahl demonstrieren können, haben wir vor ein paar Wochen mit unseren Kuscheltieren gestreikt. 
Wir konzentrieren uns mehr auf bestimmte Themen, zum Beispiel das neue Kohlekraftwerk Datteln 4 oder die Abwrackprämie. Dafür nutzen wir kreative Aktionen, die nicht so viele Menschen auf die Straßen bringen, aber trotzdem gute Bilder machen, wie der Streik mit den Kuscheltieren. Mehr wie eine Kampagne, ein Zusammenschluss aus E-Mails, einer Aktion, Social-Media-Beiträgen und Pressearbeit. Aber wir stehen generell gerade vor der Frage, wie wir weitermachen. Darauf haben wir noch keine konkrete Antwort, aber in zwei Wochen setzen wir uns einen Tag zusammen und besprechen das. Für uns ist klar, dass wir weiterhin auf die Straße gehen. Solange es nötig ist auch mit Kontaktbeschränkungen.

 

Nisha demonstriert mit einem Kuscheltier gegen die Abwrackprämie. Nisha demonstriert während der Corona Krise mit einem Kuscheltier gegen die Abwrackprämie. | Bild: Ben Engelhard

Kannst du durch die Corona-Pause herunterkommen?

Am Anfang war Corona eine Lähmung. So vieles war unsicher. Wie geht es weiter? Wie lange zieht sich das? Was sind die Maßnahmen? Das war eine Zwangsentschleunigung. Der Sinn meines Lebens war stillgelegt. Manchmal ist das aber gut, wenn so eine Zwangspause künstlich kommt. Dann hat man Zeit, sich mit Dingen zu beschäftigen, mit denen man sich sonst nicht so viel beschäftigt. Aber ich würde nicht sagen, dass Corona eine gute Sache ist. Das ist ein Krisenzustand und muss auch so behandelt werden.

Nisha Toussaint-Teachout ist 20, kommt aus Stuttgart und studiert Philosophie und Gesellschaftsgestaltung. Ende November 2018 organisierte sie, gemeinsam mit einer Freundin, die erste FFF-Aktion in Stuttgart auf dem Weihnachtsmarkt. Von da an ging sie an 53 aufeinanderfolgenden Freitagen für den Klimaschutz auf die Straßen. Außerdem setzt sie sich für Tierrecht, Feminismus und Bildung ein.