Musiktexte-Kolumne 3 Minuten

Komm, wir spielen ein Spiel

Ein Schiff wird von einer Schachfigur "geschlagen"
Ihr spielt mit Menschenleben. | Quelle: Malin Schröder
13. Jan. 2026

Musik ist für uns alle ein Alltagsbegleiter – meist läuft sie einfach so mit, ohne viel Beachtung. Doch wenn man mal genauer hinhört, trifft sie oft genau ins Schwarze und legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Lebens. Marlo Grosshardt spricht mit seinem Lied „Ein Spiel“ volle Solidarität gegenüber Menschen aus, die im Mittelmeer Leben retten.

Ich scrolle wie jeden Abend fleißig durch ein Reel nach dem anderen. Katzen, Landschaften, Essen. Nur das Beste vom Besten dürfen meine Augen eifrig aufsaugen. Und dann ertönt es in meinen Ohren: „Komm wir spielen ein Spiel, die Figuren das sind lebende Menschen.“ Sofort frage ich mich: Von welchem Spiel reden wir hier?

Ich schaue Marlo Grosshardt gebannt weiter dabei zu, wie er sein Lied „Ein Spiel“ in die Kamera singt: „Jede Stille Nacht schickst du Geisterschiffe raus. Suchscheinwerfer scheuchen sie wieder weit hinaus“. Jetzt ist mir klar, welches Spiel gespielt wird. Der Spieleinsatz ist das Geld für die zivile Seenotrettung. Die Spielfiguren sind geflüchtete Menschen, die um das eigene Überleben im offenem Meer kämpfen. Fast am Ziel angekommen, werden die Boote der Unsichtbaren durch die Küstenwache abgedrängt. Achso, wer die Spieler sind, sollte denke ich deutlich genug sein.

Warum die Seenotrettung Schachmatt setzen?

In meinem Kopf spielen sich immer noch die Bilder von Booten im offenem Meer ab, in denen Menschen hilflos sitzen, als eine weitere Liedzeile erklingt: „In der Nebelwand verschwunden – Am nächsten Tag hat man ein Kind am Strand gefunden“. Ich bekomme Gänsehaut. Denn ich erinnere mich an das Zeitungsbild, das ich 2015 gesehen habe. Der syrische Flüchtlingsjunge Alan Kurdi wurde damals an der türkischen Ägäis-Küste tot aufgefunden. Ich hingegen war dieses Jahr in der Türkei, um Urlaub zu machen. Am Strand liegen bekommt dadurch eine ganz neue Bedeutung.

Und was macht die jetzige Politik? Auf Marlos Anweisung: „Nutze dein Spielmaterial. Halb so schlimm, wenn du Regeln verletzt“, reagiert sie jedenfalls. Denn die liebe Bundesregierung hat beschlossen, die Gelder für zivile Seenotrettung zu streichen. Für mich klingt es nach dem Motto: Schön alles auf private Spenden abwälzen. Die Organisation Sea-Eye hat sich seit 2015 fast ausschließlich von Spendengeldern finanziert. Erst 2022 wurde sie durch die Ampel-Regierung staatlich unterstützt. Es läuft jetzt also darauf hinaus, die Verantwortung an die Zivilgesellschaft zu schieben. Ich werde innerlich wütend. Die schwarz-roten Spieler nutzen ihr Spielmaterial. Als Konsequenz wirkt es so, als wäre es halb so schlimm, wenn Rettungsschiffe aus dem Spiel genommen werden. Halb so schlimm, wenn wir ein bisschen Schiffe versenken spielen.

In der Nebelwand verschwunden – Am nächsten Tag hat man ein Kind am Strand gefunden

Marlo Grosshardt

Krieg, Verfolgung, Armut oder Klimawandel. Man muss schon schwer von Begriff sein, um nicht zu verstehen, dass Menschen eine Flucht über das Mittelmeer nicht aus Spaß auf sich nehmen. Die Seenotrettung fördert diese Fluchtbewegung nicht, sondern verhindert mehr Tode. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind mindestens 1.644 Menschen allein im Jahr 2025 bei der Flucht über das Mittelmeer ertrunken. Seit 2014 wurden über 33.119 Menschen vermisst oder sind gestorben. An die Dunkelziffer will ich gar nicht denken. 

Am Ende des Spieles kann jedoch nur ein Spieler gewinnen: Der König. „Schiebe alle Spielfiguren auf ein Feld unter dir weg“, gesagt getan. Es sind ja nur lebende Menschen. 

Weil wegschauen angenehmer ist

„Seht euch nicht um. Dreht euch nicht um“, tönt es in meinen Ohren. Das Lied ist fast zu Ende. Die Aussage trifft es. Wir verdrängen die Tode und das Leid der Menschen auf dem Mittelmeer. Sie werden nicht gesehen und das Thema wird totgeschwiegen. Das Spiel ist die traurige Wirklichkeit und die Figuren weiterhin lebende Menschen, deren Zukunft nicht gesichert werden kann. Anstelle zu helfen, werden die Gelder gestrichen. Und ich? Ich lausche, bis die letzten Worte des Liedes verklungen sind und darf weiter privilegiert in meinem Bett gemütlich Reels scrollen.

„Ein Spiel“ - Marlo Grosshardt

Hinweis: 

Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit". Weitere Folgen der Kolumne sind: