Musiktexte-Kolumne 3 Minuten

Ich bin so unsicher

Trau dich, unsicher zu sein. | Quelle: Selimhan Yaman
13. Jan. 2026

Musik ist für uns alle ein Alltagsbegleiter – meist läuft sie einfach so mit, ohne viel Beachtung. Doch wenn man mal genauer hinhört, trifft sie oft genau ins Schwarze und legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Lebens. Mit „Unsicher" macht Nina Chuba auf unsere Unsicherheiten aufmerksam und zeigt damit, wie menschlich wir eigentlich sind.

Ich blicke in mein eigenes Spiegelbild. Meine Augen verlieren sich in jedem kleinsten Detail, das mich stört. Wie ein Lautstärkeregler wird die Liedzeile „Ich schau´ so lange in den Spiegel, bis mir irgendwas nicht passt“ in meinem Kopf immer weiter aufgedreht. Ganz langsam fängt dieses eine Gefühl an, sich in meinem Inneren bemerkbar zu machen. Immer weiter breitet es sich aus, bis ich es nicht mehr wegignorieren kann. Die Unsicherheit. Jede Person kennt sie, jede Person hat sie schon einmal gefühlt. 

Und wenn die Unsicherheit einmal da ist, habe ich keine Chance mehr ihr zu entfliehen. Meine Gedanken kreisen sich um jede kleinste Situation der letzten 22 Jahre, um sie zu zerstückeln. Der Gedankenkreisel tobt immer weiter, bis er sich zu einem Sturm in mir verwandelt. Er wütet im Inneren meines Kopfes, sodass kein Raum mehr für etwas anderes bleibt. In diesem Sturm tauchen meine Erinnerungen auf und gleichzeitig beginnt eine weitere Liedzeile in mir zu summen: „Ich mach´ mir viel zu viel Gedanken um Probleme, die´s nicht gibt“. Denn so ist es nun mal, Nina Chuba hat in ihrem Song  „Unsicher“ leider recht. Nach jedem Treffen, nach jedem Gespräch, nach jedem Wort frage ich mich: Bin ich zu laut? Bin ich gut genug? Bin ich zu unsicher?

Während Nina zu mir sagt: „Ich mach´oft dieselben Fehler“, habe ich Angst davor, überhaupt einen Fehler zu machen. Denn bei dem kleinsten Fehltritt fühlt es sich so an, als würde die Welt untergehen. Deswegen entschuldige ich mich lieber tausendmal, um es bloß jedem recht zu machen. Bevor ich jede Textnachricht abschicke, kontrolliere ich diese, damit sie bloß nicht missverstanden wird. Bevor ich andere um Hilfe frage, schaue ich erstmal selbst ob ich eine Lösung finde, um bloß niemanden zu stören. 

Warum hat mir keiner gesagt, wie schwer Erwachsensein ist?

Neben den Unsicherheiten mit mir selbst gibt es noch eine weitere: das Erwachsensein. Wie funktioniert das? Früher gab es immer jemanden, der mir sagen konnte, was richtig und falsch ist. Jetzt stehe ich allein, ohne Kompass da und soll Entscheidungen treffen, mit der Ungewissheit, ob meine Wahl die richtige ist. Nina geht es dabei ähnlich wie mir: „Ich dacht, es wäre einfacher, Erwachsensein ist schwer“. Und genau dieses Nicht-Wissen macht mich unsicher. Jeder Schritt liegt bei mir und fühlt sich an wie eine Prüfung, bei der ich nicht weiß, ob ich sie bestehe. Dabei fühle ich mich alles andere als erwachsen.

Während ich immer tiefer in meinem Sturm versinke, ist Nina im Refrain angekommen. Wie ein Weckruf hallt ihre Stimme durch meinen Kopf: „Ich stolper durch die große, weite Welt, ich bin so unsicher. Ich bin noch nicht so gut darin, Ich leb gerade zum ersten Mal“. Mir wird klar, was Nina mir eigentlich sagen will. Ich soll lieb zu mir sein. Ich lebe schließlich zum ersten Mal und darf mich auch dementsprechend so verhalten. Ich als Erste-Mal-Leberin sage deshalb, dass es okay ist, auch mal auszurutschen und hinzufallen. 

Ich stolper durch die große, weite Welt, ich bin so unsicher.

Nina Chuba

Ich bin gut, so wie ich bin

Langsam ebbt der Sturm in mir ab. Ein warmes, wohliges Gefühl macht sich in mir breit. Ich weiß jetzt, dass ich mit meinen Zweifeln nicht allein bin. Natürlich ist es auch nicht immer einfach, das Gefühl der Unsicherheit zu akzeptieren. Die einfachste Lösung wäre zu sagen: Sei einfach nicht unsicher! Aber dann würde ja auch etwas fehlen im Leben. Wir alle fühlen uns mal unsicher und stolpern ein bisschen unbeholfen durch die große, weite Welt. Wir sollten uns aber auch in den Kopf rufen, dass man das Leben nicht immer so ernst nehmen sollte. Wir dürfen Fehler machen, sollten aber auch aus ihnen lernen. Wir dürfen unsicher sein, auch wenn es ein unangenehmes Gefühl ist. Ich blicke wieder in mein Spiegelbild sage mir selbst: „Ich stolper durch die große, weite Welt, ich bin gut so wie ich bin!“.

Unsicher - Nina Chuba

Hinweis: 

Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit". Weitere Folgen der Kolumne sind: