In Wäldern treffen Pestizide nicht nur Schädlinge, sondern oft auch andere Lebewesen – mit fatalen Folgen. | Bild: Elena Grunow

Innovation&Geld Portrait einer Forscherin
Eine Umweltaktivistin und die unsichtbare Gefahr

In Wäldern treffen Pestizide nicht nur Schädlinge, sondern oft auch andere Lebewesen – mit fatalen Folgen. | Bild: Elena Grunow

26 Jun 2020

Bereits in den 1960ern hat sie die amerikanische Umweltbewegung angestoßen;
als Biologin machte sie auf die Folgen von Pestiziden in der Tier- und Pflanzenwelt aufmerksam; von ihrem wissenschaftlichen Erbe kann man noch heute profitieren. Rachel Carsons Leben zeigt, wie man trotz vieler Widerstände wirklich etwas
bewegen kann.

„Die Geschichte des Lebens auf der Erde ist stets eine Geschichte der Wechselwirkung zwischen den Geschöpfen und ihrer Umgebung gewesen“, schrieb Rachel Carson in ihrem Bestseller
Der stumme Frühling. Dieses Werk legte den Grundstein für unsere heutige Ökologiebewegung, die uns durch Vertreter*innen wie Greta Thunberg mit Fridays for Future bekannt ist. Doch Rachel Carson war nicht nur eine außergewöhnliche Wissenschaftlerin, ihr Leben war ein ständiger Kampf, gehört zu werden.

Erste Schritte

Geboren 1907 in Springsdale, Pennsylvania, hatte die kleine Rachel eine erfüllte Kindheit, geprägt durch die Liebe zur Literatur und die Verbundenheit mit Wäldern, Wiesen und dem Ozean. Schnell stellte sich heraus, dass Rachel eine literarische Begabung hatte. Jedoch musste sie lernen sich ihre Träume zu erkämpfen: Die finanzielle Situation der Familie war schwierig. Deshalb bereitete ihr die Finanzierung ihres Studiums am Pennsylvania College of Women besondere Probleme. Als sie ihre erste Arbeitsstelle am U.S. Bureau of Fisheries antrat, stellte sie fest, dass Frauen in der Forschung benachteiligt wurden. Die Welt der Naturwissenschaften wurde damals von Männern dominiert. Die Bezahlung und die Position hingen stark vom Geschlecht ab. Carson wurde anfangs nicht gleich eine Stelle als Forscherin angeboten, sondern sie musste sich erst mit Radiobeiträgen zu biologischen Themen beweisen, bevor man sie anerkannte.

Auch in der Familie musste Carson viele Krisen bewältigen. Ihr Leben lang sorgte sie sich um Familienangehörige. Nach dem Tod von Rachels Schwester kümmerte sie sich um deren Töchter und später auch um ihren elternlosen Großneffen. Freundschaften pflegte Rachel mit Hingabe und viel Verständnis ganz besonders zu ihrer Nachbarin Dorothy Freeman, die mehr als eine Freundin für sie war. In der Nachkriegszeit hatte dies großes Konfliktpotential. Man betrachtete Homosexualität als „Sünde“. Vor 1962 war diese in den gesamten Vereinigten Staaten verboten und gesellschaftliche Ächtung war an der Tagesordnung.

Bild von Rachel Caron mit Zitat „Die Geschichte des Lebens auf der Erde ist stets eine Geschichte der Wechselwirkung zwischen den Geschöpfen und ihrer Umgebung gewesen.“ Rachel Carson vertrat ein besonderes Naturverständnis. | Bild: U.S. Bureau of Fisheries
„Die Kunst vermittelt die Schönheit,
den Sinn des Lebens,
während die Naturwissenschaft
auf Nützlichkeit ausgerichtet und
somit als praktische Anleitung notwendig ist.“ – Rachel Carson

Auch während Carsons Arbeit als Biologin ließ sie ihre Begeisterung für das Schreiben nicht los. Dabei war ihre Stärke, die wissenschaftlichen Themen mit ihrem romanhaften Stil so aufzubereiten, dass komplexe Zusammenhänge leicht verständlich wurden. Damit konnte sie als Autorin ihre Leser*innen unterhalten, aber auch für naturwissenschaftliche Themen begeistern.
Als sie 1941 ihr erstes Buch Under the Sea-Wind veröffentlichte, blieb der Erfolg des Buches aus, da in diesem Jahr die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten. 1951 gelang ihr mit ihrem Buch The Sea around us jedoch der Durchbruch, der ihr zu finanzieller Unabhängigkeit verhalf. Mit ihrem Buchprojekt The Edge of the Sea wandte sie sich mehr und mehr Umweltthemen zu und ebnete den Weg für ihr entscheidendes Werk The Silent Spring, im Deutschen Der stumme Frühling.

Die Natur und die unsichtbare Gefahr

Loading...

Loading...

Wie hat sich der Einsatz von DDT mit der Zeit verändert?

Am Clear Lake in Kalifornien im September 1948 plagten Stechmücken die Angler*innen am See. Um diese zu bekämpfen, fügte man dem See das Insektizid DDD (Dichlordiphenyldichlorethan), in einer damals harmlos scheinenden Konzentration hinzu. Dieses Pestizid ist dem DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) sehr ähnlich. In der nachfolgenden Zeit konnte man große Auswirkungen auf die Tierwelt beobachten: Hunderte Westtaucher, Vögel, die sonst immer an dem See brüteten, verendeten. Als man daraufhin das Fettgewebe der Tiere untersuchte, stellte man fest, dass sie eine besonders hohe Konzentration von DDD aufwiesen. Aber wie kam es zu dieser Anreicherung des Insektizids in den Vögeln?

Loading...

Loading...

Was genau passiert bei der Anreicherung eines Pestizids?

Dies musste über die Nahrungskette der Vögel geschehen sein. Die Westtaucher ernähren sich von Fischen. Als man diese untersuchte, stellte man auch bei ihnen eine erhöhte Konzentration von DDD fest. Die Vögel hatten also den Fisch gefressen und dieser wiederum das Plankton. Dadurch wurde das Insektizid in der Nahrungskette immer weitergegeben. Im Wasser des Sees war zuletzt kaum noch DDD zu finden. Das ist eines von vielen Beispielen, die Carson in ihrem Buch verwendet, um zu zeigen, wie fatal der Einsatz von Pestiziden ist.

Loading...

Loading...

Welche Folgen können Pestizide für Lebewesen haben?

Geht das anders?

Carson schlägt vor, Schädlinge nicht mit chemischen Pestiziden zu bekämpfen, sondern stattdessen biologische Netzwerke zu nutzen. So schreibt sie: „Zu den wirksamsten Methoden, deren man sich zur Bekämpfung bedient, gehören Naturkräfte; sie haben den doppelten Vorteil, nachhaltig zu wirken und die Umwelt zu schonen.“ Bei der Bekämpfung einer Blattlausplage können beispielsweise Marienkäfer als die natürlichen Fressfeine der Blattlaus eingesetzt werden, um das Schädlingsproblem zu lösen.

„Initiativen von heute wie ‚Rettet die Bienen‘ wären ohne die Gedanken, die sich bei Carson finden, nur schwer vorstellbar. Die Lektüre von Carson hat die Menschen bewegt, niemanden in Ruhe gelassen.“ – Christof Mauch, Leiter des Rachel-Carson-Center an der LMU München

„Als Rachel Carsons Der stumme Frühling 1962 erschien, war es das erfolgreichste amerikanische Sachbuch. Damals gab es keine Umweltbewegung“, kommentiert Christof Mauch, Direktor des Rachel-Carson-Center an der LMU München, die Auswirkungen des Sachbuchs. „Wenn ich ein einziges Zeitdokument nennen müsste, das die ökologische Revolution der 1960er Jahre ausgelöst hat, dann war es ganz bestimmt Carsons Buch.“ Auch ihr besonderer Schreibstil, der dem eines Romans gleicht, half Carson ihre Botschaften zu verbreiten. Damit war sie eine talentierte Vermittlerin von komplexen wissenschaftlichen Zusammenhängen. Die Reaktionen auf Der stumme Frühling waren unterschiedlich: Manche feierten ihr Buch als herausragend, andere wiederum, vor allem Unterstützer*innen der chemischen Industrie, leugneten ihre Ergebnisse. Auch persönliche Anfeindungen gegen Carson blieben nicht aus.

Viele Teile von Der stummer Frühling schrieb sie sehr geschwächt. Jahrzehnte lang hatte sie bereits mit ihrer Brustkrebserkrankung gekämpft. Am 14. April 1964 starb sie an den Folgen ihrer Erkrankung.  

Was bleibt?

Rachel Carsons Lebenswerk ist bis heute erhalten geblieben. Ihre Bücher wurden immer wieder neu aufgelegt und begleiten Menschen auch heute. Sie hat die Umweltbewegung angestoßen, von der heute Greta Thunberg, Luisa Neubauer oder Al Gore noch immer profitieren können.
Ihre wissenschaftliche Arbeit gegen den Einsatz von Pestiziden hat letztendlich dazu beigetragen, dass DDT 1972 verboten wurde. Sie hat es geschafft, mithilfe von Literatur eine Brücke zu schaffen, zwischen der Komplexität der Naturwissenschaft und den Menschen, die von der Umwelt beeinflusst werden. Carson war innovativ und hat jenseits des Gewöhnlichen gedacht und gehandelt. Sie ist auch heute noch, als Wissenschaftlerin, Autorin und Umweltaktivistin, ein Vorbild.