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Kinder mit Förderbedarf haben nach wie vor keine guten Berufschancen. Kann inklusiver Unterricht das Problem lösen? | Bild: Pia Mangold

Politik&Aktion Inklusion
Weg mit den Förderschulen?

Kinder mit Förderbedarf haben nach wie vor keine guten Berufschancen. Kann inklusiver Unterricht das Problem lösen? | Bild: Pia Mangold

22 Dec 2020

Inklusiver Unterricht soll Kindern mit Behinderung bessere Zukunftsperspektiven bieten und Vorurteile ihnen gegenüber abbauen. Doch nicht alle finden in diesem Konzept ihren Platz. Über die Verlierer der Inklusion und die Vor- und Nachteile von Förderschulen.

Pia Mangold

Unternehmenskommunikation
seit Wintersemester 2019

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Till ist 13 Jahre alt. Schon als kleiner Junge hat er es geliebt, mit seinem Vater in den Garten zu gehen, um kleine Blumenzwiebeln in der Erde zu verbuddeln. Wenn er groß ist, möchte er einmal Gärtner werden – das steht für ihn schon lange fest. Doch daraus wird wahrscheinlich nichts. Denn Till ist eines der 325 Tausend Kinder mit Behinderung in Deutschland, die an einer Förderschule unterrichtet werden. Und die haben auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt meistens keine Chance.

Till hat Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt, und ist Schüler an einem Förderzentrum für geistige Entwicklung in Hamburg. Hier landen die Kinder, bei denen meist schon vor der ersten Klasse ein stark unterdurchschnittlicher IQ festgestellt wird. In diesem Förderzentrum arbeitet derzeit Kathrin Hanßen. Die 25-Jährige studiert im Master Sonderpädagogik auf Lehramt, das Praktikum an der Förderschule ist Teil ihres Studiums. Sie könnte sich durchaus vorstellen, dass Till ein guter Gärtner werden würde.

„Er ist ja nicht dumm. Wenn er weiß, was er zu tun hat, dann macht er seine Sache super. Aber dazu wird er höchstwahrscheinlich nicht die Möglichkeit bekommen.“ – Kathrin Hanßen

Damit könnte Kathrin Recht haben, denn die Berufsaussichten für Menschen mit Behinderung bzw. Förderbedarf sind nach wie vor sehr schlecht. Zwar wurde bereits im Jahr 2009 auf Basis der UN-Behindertenrechtskonvention auch in Deutschland festgelegt, dass Menschen nicht aufgrund ihrer Behinderung vom regulären Arbeitsleben ausgeschlossen werden dürfen (Artikel 27, 1a). Trotzdem finden durchschnittlich nur etwa fünf bis zehn Prozent der Kinder nach der Förderschule einen Platz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. 

Endstation: Werkstatt

Das bedeutet nicht, dass alle anderen damit arbeitslos sind. In der Regel haben die Kinder ein Anrecht auf einen Platz in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). Für viele von ihnen ist das ein Segen, da die Werkstätten ihnen eine Aufgabe und eine gewisse Sicherheit bieten. Ihren Lebensunterhalt können sie dadurch aber nicht bestreiten. Denn das durchschnittliche Leistungsentgelt liegt hier bei etwa 185 Euro monatlich. Damit sind die meisten auf leistungsunabhängige finanzielle Unterstützung angewiesen. Für einige der Menschen mit Behinderung sollen die Werkstätten eigentlich nur eine Zwischenstation sein, um sie fit für das „reguläre“ Berufsleben zu machen – tatsächlich liegt die Vermittlungsquote von den WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt bei unter einem Prozent.

„Das ist einfach schade. Viele Kinder haben wirklich realistische Traumberufe und sind dann trotzdem ihr Leben lang in der Werkstatt.“ – Kathrin Hanßen

Der inklusive Unterricht gilt als Lösungsvorschlag und Schlüssel zur Inklusion. Kinder mit Förderbedarf sollen demnach nicht mehr an Förderschulen, sondern gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf an einer regulären Schule lernen. Davon verspricht man sich zum einen bessere Zukunftsperspektiven für die Kinder mit Behinderung. Zum anderen wird auch der Kontakt zwischen Kindern mit und ohne Behinderung gefördert, wodurch Vorurteile und Berührungsängste abgebaut werden könnten. Dem Förderbedarf will man durch zusätzliche Lehrkräfte, Sonderpädagog*innen und teilweise auch persönliche Assistent*innen gerecht werden.

Wie das Recht auf Teilhabe am regulären Arbeitsleben, wurde im Jahr 2009 auch die Inklusion an Schulen auf Basis der UN-Behindertenrechtskonvention (Artikel 24, 1b) in Deutschland gesetzlich festgelegt. Das heißt, der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Förderbedarf ist eigentlich seit gut zehn Jahren Pflicht. Trotzdem wurden 2019 nur etwa 43 Prozent der Kinder mit Behinderung an regulären Schulen unterrichtet, über die Hälfte ist also nach wie vor an Förderschulen. Zudem wird das Konzept unterschiedlich gut umgesetzt: Es gibt einige Best Practice-Beispiele, die zeigen, wie gewinnbringend der gemeinsame Unterricht für alle Beteiligten sein kann. Hinter diesem Erfolg steckt allerdings viel Aufwand, den einige Schulen nicht auf sich nehmen (können). Folglich führt inklusiver Unterricht nicht immer zu einer gelungenen Inklusion.

Aus dem Alltag einer Förderschule

Dass auch die Kinder aus dem Förderzentrum für geistige Entwicklung in Hamburg in naher Zukunft an regulären Schulen unterrichtet werden, hält Kathrin für unwahrscheinlich. Denn besonders bei Kindern mit Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung ist der Förderbedarf groß. In der Klasse, die sie derzeit mitbetreut, kommen auf zehn Kinder in der Regel drei Fachkräfte.

„Eine Lehrkraft leitet meist den Unterricht mit den fitteren Kindern. Die Kinder, für die es zu schwierig wird, bekommen von den anderen Lehrkräften dann individuelle, einfachere Aufgaben.“ – Kathrin Hanßen

So wird dafür gesorgt, dass jedes Kind, so gut es eben kann, in den Unterricht mit einbezogen wird. Auch die Unterrichtssprache ist an vielen Förderschulen eine Besonderheit, denn einige Kinder haben Schwierigkeiten beim Sprechen und Lesen. Dafür wurde die Metacom (von Anette Kitzingen) entwickelt – eine Symbolsprache, bei der jedes Wort durch ein Zeichen oder Bild dargestellt wird. Diese sind für viele Kinder leichter zu erkennen als geschriebene Wörter.

Eine Lehrkraft des Förderzentrums für geistige Entwicklung in Hamburg hat das Kinderbuch "Ben liebt Anna" mithilfe von Metacom-Symbolen aufbereitet. | Bild: Kathrin Hanßen

Zu der individuellen Betreuung kommen bei manchen Schüler*innen auch Pflegeanteile hinzu, wenn sie zum Beispiel nicht alleine auf die Toilette gehen können. Kathrin bezweifelt daher stark, dass es an einer regulären Schule Stand jetzt möglich sein wird, auf die persönlichen Stärken und Schwächen der Kinder in ihrer Klasse eingehen zu können. Den Glauben an die Inklusion hat sie aber noch nicht verloren.

„Ich finde das Konzept ja grundsätzlich super, aber die Umsetzung funktioniert so einfach nicht.“ – Kathrin Hanßen

Das Dilemma mit der Inklusion

Inklusion ist ohne Frage ein komplexes Thema. Doch dafür, dass bereits vor über zehn Jahren vom Bundestag beschlossen wurde, diese aktiv voranzutreiben, scheint bis jetzt noch nicht so viel passiert zu sein. Eines der größten Hindernisse der Inklusion ist, dass sie derzeit noch viel zu sehr als einseitiger Vorteil für Menschen mit Behinderung verstanden wird. Dabei würde auch die Gesellschaft davon profitieren, sie in alle Bereiche des Alltags zu integrieren. Welchen Mehrwert es allein für Arbeitgeber*innen bringt, Menschen mit Behinderung einzustellen, zeigen zahlreiche Studien (z.B. von Aktion Mensch). Diese bestätigen immer wieder, dass Arbeitnehmer*innen mit Behinderung im Schnitt loyaler und teamfähiger sind als Arbeitnehmer*innen ohne Behinderung.

Für Till und seinen Wunsch, Gärtner zu werden, kommt das Umdenken in der Gesellschaft wahrscheinlich nicht mehr rechtzeitig. Er wird in ein paar Jahren seine Stelle in einer Werkstatt für behinderte Menschen in Hamburg antreten. Vielleicht gehört er aber zu den Wenigen, die den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt schließlich doch noch schaffen.