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Kultur&Gesellschaft

Das türkische Schwabenkind
Die Hardcore-Schwaben im Schatten der Städter

MEINUNG
Bier darf auf Dorffesten niemals fehlen! Auch so ist das Bier ein fester Bestandteil der schwäbischen Kultur geworden. | Bild: Dilara Colak

Das türkische Schwabenkind Die Hardcore-Schwaben im Schatten der Städter

Bier darf auf Dorffesten niemals fehlen! Auch so ist das Bier ein fester Bestandteil der schwäbischen Kultur geworden. | Bild: Dilara Colak
 

16 May 2021

Der Streit zwischen den Leuten aus dem Dorf und den Leuten aus der Stadt ähnelt dem ewigen Hin und Her zwischen den Galliern und Römern. Beide halten sich für die besseren Säufer*innen. Ich als türkische Schwäbin habe beides erlebt. Das türkische Schwabenkind – eine Kolumne.

Dilara Colak

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020
CR

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Man kommt nicht drum herum. Entweder ist man ein*e Städter*in oder ein Dorfkind und natürlich findet man, dass die eigene Partei die bessere ist – sonst würde man dort schließlich nicht wohnen. Ich kenne beides. Von der Großstadt Stuttgart bis zum kleinen Dorf auf der Alb habe ich beide Kulturen kennengelernt und mit meinen türkischen Wurzeln kombiniert. Es gibt einige Streitpunkte, in denen sich die Hardcore-Schwaben uneinig mit den Städtern sind. Zum Beispiel: „Wer kann besser saufen wie ein Loch?“ oder „Wessen Ortschaft hat eine krassere Namensbedeutung?“. Oft hat man bei diesen Diskussionen das Gefühl, die „Kleinen“ wollten sich den „Großen“ gegenüber beweisen. Dorf versus Stadt – Wer macht denn nun das Rennen?

Die Ausländerin kommt

Dieser Kulturstreit war anfangs zu viel für mein unwissendes, parteiloses, türkisches Ich. Überfordert von zu viel Bier, Schwäbisch und Maultaschen, wurde ich direkt an meinem ersten Schultag an der neuen Schule im Dorf mit meinem alten Wohnort in der Stadt konfrontiert. Abgesehen davon, dass ich nur um genau 30 Minuten umgezogen war, behandelten mich die Dorfis wie eine Ausländerin. Ja, ich bin eine Türkin. Das war ihnen aber egal. Wichtiger war, dass ich eine Städterin war und gedanklich deshalb schon fast um Asyl bitten musste, um ein Teil der „cooleren Partei“ zu sein.

Die Frage nach dem Alkohol

Konfrontiert wurde ich mit meiner Einstellung zum Alkohol. Die Frage, ob und wie ich Alkohol konsumierte, schien mir eher wie die „Eine Millionen Euro“ - Frage bei „Wer wird Millionär?“ nur, dass in dem Fall die Leute aus dem Dorf Günther Jauch waren. Zu dieser Frage konnte es nur eine richtige Antwort geben. Die Dorfis verbinden das Trinken eher mit einer Leidenschaft. Es ist ein gemeinsames Hobby und wenn man sich Freunde machen will, dann übers Trinken. Die Städter sind da etwas entspannter. Entweder sie saufen ebenfalls wie Weltmeister oder sie trinken ihre Hipster-Schorle im Park. Wüssten einige Verwandten in der Türkei über mein Verhalten im Schwabenländle Bescheid, dann müsste ich wohl meinen Nachnamen aufgeben. Denn trinken wie ein Weltmeister, Schwäbisch Reden, keine Dorfparty verpassen und mit einem Dirndl auf den Tischen zu tanzen, gehört sicherlich nicht zu den Idealen in meiner Kultur.

Ich liebe das Dorf

Apropos Partys. Das Thema „Wer hat die krassesten?“ lässt sich einfach beantworten. Es stimmt. Die Städter haben eindeutig die krassesten und wohl spektakulärsten Feierangebote. Sie kommen aber lang nicht an die Partystimmung der Dorfkinder heran und nicht nur deshalb gefällt es mir auf dem Land unerwartet gut. Mittlerweile bin ich schon so integriert, dass kein „Sch“ am Satzende fehlen darf und ich meine alten Stadtfreund*innen natürlich locker unter den Tisch trinke.

Eine weitere Folge der Kolumne „Das türkische Schwabenkind“ findest du hier.