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Leistungssport und die Periode - ein Tabuthema?

Der weibliche Zyklus hat großen Einfluss auf die Leistung von Sportlerinnen. | Bild: Theresa Fürst

Spitzensport Leistungssport und die Periode - ein Tabuthema?

Der weibliche Zyklus hat großen Einfluss auf die Leistung von Sportlerinnen. | Bild: Theresa Fürst
 

20 May 2021

Jede zweite Athletin fühlt sich durch ihre Periode im Leistungssport eingeschränkt. Der Zyklus beeinflusst nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern auch das Verletzungsrisiko. Das wird oft vergessen oder ignoriert. Sollte der Zyklus eine größere Rolle im Training spielen?

Theresa Fürst

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
SportGesundheitGesellschaft

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Monatelanges Training und endlich ist er da: der Tag des Wettkampfes. Doch was ist, wenn die Periode genau auf diesen Tag fällt? Bauchkrämpfe, Kopfweh oder Übelkeit können Sportlerinnen einen Strich durch die Rechnung machen. Das Training kann man an den Zyklus anpassen, den Wettkampfkalender nicht.

Lena* ist seit ihrer Kindheit leidenschaftliche Leichtathletin. Sie tritt regelmäßig bei internationalen Wettkämpfen an und nimmt in diesem Jahr an den Olympischen Spielen in Tokio teil. Die Sportlerin nimmt seit mehreren Jahren die Pille. Sie ermöglicht Flexibilität und Sicherheit im Training. Dadurch kann Lena genau planen, wann sie ihre Periode bekommt und diese in ihren Kalender integrieren. Fast die Hälfte der Spitzensportlerinnen nimmt laut einer Studie hormonelle Verhütungsmittel. Der Grund: durch eine pausenlose Einnahme können sie ihre Menstruation in wichtigen Phasen der Wettkampfsaison verhindern. 

Wie viele Sportlerinnen hat Lena ausschließlich männliche Trainer, doch die Periode ist für sie kein Tabuthema. Ihre Trainer wissen Bescheid, wann sie ihre Tage hat und wie es ihr geht. „Kann ich an einem Tag einfach nicht 100 Prozent geben, dann wird das von meinen Trainern akzeptiert und mein Training daran angepasst", sagt die Leichtathletin. Der offene Umgang mit dem Thema Periode sei allerdings ein Ausnahmefall. Oft werde dem Zyklus im Training wenig Beachtung geschenkt. Laut einer BBC-Umfrage ist es 40% der befragten Athletinnen unangenehm, mit dem Trainer über die Menstruation zu sprechen.

„Kann ich an einem Tag einfach nicht 100 Prozent geben, dann wird das von meinen Trainern akzeptiert und mein Training daran angepasst." – Lena

Der weibliche Zyklus

Der Menstruationszyklus dauert durchschnittlich 28 Tage. Diesen unterteilt man grob in vier Phasen, in denen der Hormonspiegel und die Leistungsfähigkeit schwanken – so die vereinfachte Theorie. 

Der weibliche Zyklus wird in vier Phasen unterteilt, in denen das Energielevel stark variiert. | Bild: Genial.ly

Passt man das Training individuell an den Zyklus an, können Sportlerinnen davon profitieren. Einfach gesagt: In der ersten Hälfte kann man Vollgas geben, in der zweiten Hälfte herunterfahren. 

Mit der Einnahme der Pille verändert sich der Zyklus – der Eisprung wird blockiert, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Bei den meisten Präparaten werden dem Körper über 21 Tage Hormone zugeführt. In der Pillenpause erfolgt die Hormonabbruchsblutung, die eine normale Zyklusblutung simulieren soll. Sportlerinnen nehmen die Pille oft monatelang durch und unterdrücken dadurch ihre Periode. Dr. med. Ulrike Merkele ist Frauenärztin in Stuttgart. „Die Blutung unter der Pille ist eine künstliche Blutung. Sie tritt nur ein, wenn Sie eine Pillenpause machen", erklärt Dr. Merkele. Diese Pause sei aber nicht notwendig und diene nur dazu, der Frau das Gefühl eines „normalen“ Zyklus zu geben. Die längere Pilleneinnahme sei also nicht gefährlich. Ein Vorteil für Leistungssportlerinnen – vor allem in der Wettkampfsaison. 

Nebenwirkungen der Pille

Sportlerinnen profitieren zwar von der Pilleneinnahme, doch Lena berichtet auch von schlechten Erfahrungen. „Früher ist meine Leistung stetig gestiegen. Seitdem ich die Pille genommen habe, wurde sie immer schlechter. Ich habe mich fast jedes Jahr verletzt. Von Sprunggelenkbruch bis Muskelfaserriss war alles dabei“, erzählt sie. Nebenwirkungen wie extreme Müdigkeit und Erschöpfung prägten ihren Alltag – keine idealen Voraussetzungen für eine Athletin. Drei Jahre später entdeckte eine Sportmedizinerin die Ursache für die Verletzungen: Lenas Pille eignete sich für Frauen in den Wechseljahren und hatte für ihren jungen Körper starke Nebenwirkungen. „Ich hätte niemals gedacht, dass die Pille so einen enormen Einfluss auf mich hat", sagt sie. Die Sportlerin ist froh, dass die Ursache entdeckt wurde. Heute nimmt sie eine Pille, mit der sie gut zurechtkommt.

Wenn die Periode ausbleibt

Nimmt eine Leistungssportlerin die Pille nicht oder setzt sie nach einer Zeit ab, so bleibt häufig die Periode aus. Bei der sekundären Amenorrhöe, dem Ausbleiben der Regelblutung, fährt der Körper durch die hohe Belastung in einen Notzustand. 

 „Keine Periode – keine Probleme“, denkt man auf den ersten Blick. Das Ausbleiben der Periode durch die pausenlose Pilleneinnahme ist ungefährlich, doch bei einem fehlenden natürlichen Zyklus sieht es anders aus: Ist der Östrogenwert im Körper zu niedrig, so steigt das Risiko von brüchigen Knochen (Osteoporose) und damit auch das Verletzungsrisiko. Bleibt die Menstruation über einen längeren Zeitraum aus, wirkt sich das auf Wohlbefinden, Stoffwechsel und die Verdauung aus. Wie kommt es zum Ausbleiben der Regelblutung? Dr. Merkele erklärt.

Bisher wurde dem Thema Periode im Spitzensport wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Nadine Keßler ist ehemalige Weltfußballerin und jetzige Abteilungsleiterin des Frauenfußballs der UEFA. Sie sieht das Problem in wissenschaftlichen Studien, die sich fast ausschließlich an Männern orientieren. „Die Menschen haben nicht verstanden, wie wichtig der Zusammenhang zwischen Menstruation und sportlicher Leistungsfähigkeit bei einer Frau ist“, erklärt Keßler. Oft werde im Training nicht zwischen den Geschlechtern unterschieden. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass Leistungsfähigkeit und Verletzungsrisiko zyklusbedingt schwanken.

„Die Menschen haben nicht verstanden, wie wichtig der Zusammenhang zwischen Menstruation und sportlicher Leistungsfähigkeit bei einer Frau ist.“ – Nadine Keßler, Abteilungsleiterin Frauenfußball bei der UEFA

Der FC Chelsea als Vorbild  

Aktuell wird der Ansatz, den Menstruationszyklus in das Training von Athletinnen miteinzubeziehen, allerdings immer populärer. Der FC Chelsea ist Tabellenführer in der Women’s Super League, der höchsten Liga im englischen Frauenfußball. Chelsea verfolgt ein innovatives Konzept: Trainingspläne werden durch eine App individuell an den Zyklus der Spielerinnen angepasst. Die Sportlerinnen können eintragen, wie sie sich fühlen und welche Symptome sie haben. Die Idee dahinter ist das Leistungsvermögen der Spielerinnen zu verbessern und das Verletzungsrisiko zu vermindern. Bei Mannschaftssportarten ist das Konzept zwar komplizierter als im Individualsport, doch es erweist sich als Erfolg. Auch das US-amerikanische Team berücksichtigte bei der letzten Fußball-WM die Zyklusdaten der Spielerinnen. Die USA wurden Weltmeister.

Lena ist froh, dass sie mit ihren Trainern offen über ihre Periode sprechen kann. Trotzdem wünscht sie sich, dass sich etwas ändert und bei der sportmedizinischen Untersuchung auch eine Frauenärztin dabei ist. Zwar wird jede Athletin durchgecheckt, aber genau thematisiert wird das Thema Menstruation kaum. „Wir haben Ärzte für beinahe jeden Bereich. Wieso nicht für diesen?“ Der Grund sei das gesellschaftliche Tabu um das Thema Periode. Es fehle an Studien, an gender-basierten Trainingsplänen, an Offenheit. Denn dass Frauen ihre Periode haben, ist normal. Auch im Spitzensport.

*Der Name der Protagonistin wurde geändert und ist der Redaktion bekannt.