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Wo finden wir sie nur, die große Liebe? | Bild: Svenja Hak

Sex&Identität Liebe
Generation beziehungsunfähig, so what?

Wo finden wir sie nur, die große Liebe? | Bild: Svenja Hak

12 Feb 2021

Unserer Generation, den sogenannten Millennials, wird vorgeworfen, beziehungsunfähig zu sein. Woran liegt es, dass wir keine Beziehungen mehr eingehen und ist das wirklich so schlimm? Ein Essay.

Svenja Hak

4. Semester
seit 2019

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Es gibt diesen Zeitpunkt in der Mitte unserer Zwanziger, an dem sich das Single-Dasein verändert. Plötzlich singen wir nicht mehr lauthals mit, wenn die ersten Zeilen von Beyoncés „Single Ladies“ anklingen. Die Mehrheit des Freundeskreises steckt in einer Beziehung und die, die es nicht tun, hangeln sich von Date zu Date, um möglichst ebenfalls bald zu den Vergebenen zu zählen. Zuvor hatte die Kindergartenbeziehung die Volljährigkeit nicht überlebt und es wurde sich übermütig in die Ausprobierphase gestürzt. Doch dann hat man keine Lust mehr auf schlechte One-Night-Stands mit halbsympathischen Dudes oder aufgetakelten Girls mit von Mascara verschmierten Augen am nächsten Morgen. Man möchte jetzt #couplegoals, wie es so schön heißt. Vermutlich, weil die biologische Uhr zu ticken beginnt oder weil es die Gesellschaft erwartet. Single-Sein bedeutet dann nicht mehr „Young, wild and free“ zu sein, sondern wird zu einem Zustand, der geändert werden sollte. Obwohl wir Millennials, wie man uns so gerne nennt, so sehr versuchen jemanden zu finden, will es nicht klappen. Man sagt uns sogar nach, wir seien „beziehungsunfähig“. Echt jetzt?!

Zugegebenermaßen die Suche gestaltet sich nicht einfach. Ich meine, wie soll man auch das eine Menschlein finden, das für einen bestimmt ist? Das ist nahezu unmöglich. In Anbetracht der Nusstheorie sogar ausgeschlossen. Man nehme eine Packung Erdnüsse. Das entspricht in meinem Fall den circa 600.000 Einwohnern Stuttgarts. Die Hälfte ist weiblich, was für mich persönlich nicht in Frage kommt. Nur noch 300.000. Subtrahiert man den Anteil der altersbedingt ausscheidet, bleiben 75.000. Die Hälfte ist vergeben. 37.500. Sechs Prozent sind homosexuell. Dann die, die nicht mein Typ sind und andere Werte und Interessen haben. Faktisch bleibt etwa eine Erdnuss, wenn ich Glück habe.

Doch wie um alles in der Welt soll man diese eine Erdnuss finden? Dabei sind die Suchmöglichkeiten heute doch eigentlich größer denn je. Während unsere Großeltern zwischen den zehn potenziellen Partnern der Nachbarschaft die Wahl hatten und dabei nicht einmal alle kennenlernen konnten, da man schließlich nur einem Herren oder einer Dame den Hof macht, haben wir heute durch Online-Dating-Apps, Partys, Studium und Job, eine riesige Auswahl. Doch genau in diesem Überangebot liegt vermutlich das Problem. Der US-Psychologe Barry Schwartz hat dieses Phänomen 2005 als Paradoxon der Wahlmöglichkeiten bezeichnet. Seine These besagt, dass viele Menschen heute unzufrieden mit ihren Entscheidungen sind, auch wenn das, was sie ausgesucht haben, großartig ist. Einfach, weil eine der vielen anderen Möglichkeiten auch gut sein könnte. "Fear of Missing Out", die Angst etwas zu verpassen. Das Internet hat den Zugang zu einer riesigen Zahl sexueller oder romantischer Partner eröffnet, schreibt auch die israelische Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch "Warum Liebe weh tut". Dieses Übermaß an Wahlmöglichkeiten verändert die Art, sich zu verlieben und erschwert das Festlegen auf einen Partner. Ihr Fazit: Das Überangebot blockiert die Fähigkeit, sich zu binden. Ganz deutlich wird diese Bindungsunfähigkeit bereits in der Art des Kennenlernens. Man geht nicht mehr auf ein Dinner-Date, denn wenn es blöd läuft, muss man schließlich bis zum Dessert bleiben. Man trifft sich auf einen Kaffee, der ist schnell runtergekippt, falls es nicht funkt. Wenn überhaupt, denn zuerst einmal wird geschrieben und davor gewischt auf Tinder. Geschrieben wird nicht mehr als Direktnachricht, sondern auf Snapchat. Man schickt sich Bilder aus dem Alltag. Wenn man Glück hat mit Gesicht. Ein Snap verlangt nach keiner Antwort. Vielleicht nutzen wir die App deshalb so gerne. Weil die Nachricht nach acht Sekunden wieder verschwindet. Weil wir keine Verpflichtung eingehen. Das Gesagte gelöscht ist. Man nach einer Sekunde oder vielleicht acht so tun kann, als hätte es diese Aussage nie gegeben. Vielleicht snappen wir deshalb so gerne. Weil das unsere schnelllebige, verantwortungslose und bindungsunfähige Generation widerspiegelt. Dann ist der kurze Moment vorbei. Die Sekunde um. Oder vielleicht auch acht, wenn wir Glück haben, wie gesagt. Schlechte Aussichten für uns Millennials.

Unsere kapitalistische Gesellschaft hat uns beigebracht, permanent unzufrieden zu sein, ständig mehr zu wollen und sich nicht festzulegen. Denn nur so funktioniert das System. Wir wollen immer noch schöner, schlauer und besser werden. Auch unsere Vorstellung von einer Beziehung richtet sich nach diesen ökonomischen Marktmechanismen aus. Input, Output, Investition und Ertrag. Den eigenen Marktwert erhöhen. Naja, und zu diesem Portfolio gehört auch der Partner und der sollte möglichst den Marktwert weiter steigern. Jetzt kann man einwerfen, dass das schließlich schon immer so war. Auch unsere Großeltern wollten die beste Partie für sich finden. Sozialer Aufstieg hieß es damals. Doch heute kommt, im Unterschied zu früher, das andauernde Überangebot dazu, auf Amazon und e-Bay, im Beruf und eben auch der Partnerschaft. Gleichzeitig steigen die Anforderungen. Denn es könnte nicht nur für einen selbst ein potenziell besserer Partner um die Ecke kommen, auch der Partner kann einen schnell ersetzen. Was den Druck zusätzlich erhöht und zu ständiger Unsicherheit in der Beziehung führt, wobei sie doch genau das Gegenteil bewirken sollte. Wir sollen studiert sein, zehn Praktika gemacht haben, im Ausland gewesen sein, gleichzeitig nicht aus dem Dorf wegziehen, sportlich sein und nachhaltig, gleichzeitig locker und cool und immer sexy, nie müde. Dann sollen wir noch eine Beziehung hegen und pflegen, eine Familie gründen und glücklich sein. Ganz schön viel, oder? Das hat zur Folge, dass wir verlernen, was Liebe eigentlich bedeutet und selbst damit brüsten wir uns noch. Hashtag „beziehungsunfähig“ als neue Ausrede für das Single-Dasein. Als „Generation Beziehungsunfähig“ bezeichnet uns auch der Autor Michael Nast in seinem Bestseller. Die ewig datende Generation, unfähig sich auf jemanden einzulassen, immer auf der Suche nach einem Partner, der das Leben noch grandioser macht.

Doch die Sehnsucht nach Liebe ist noch immer da, auch wenn es scheint, als hätten wir es verlernt. Die Corona-Krise zeigt ganz deutlich, dass sich auch wir Millennials nach Sicherheit sehnen und uns an einen Partner binden wollen. Ende März letzten Jahres meldete Tinder einen Swipe-Rekord. Bis Herbst sind die Swipes sogar zweistellig gewachsen. Mit Blick auf die Maslow-Bedürfnispyramide lässt sich das ganz einfach erklären. Ein US-Forscherteam um Eli Finkel, von der Northwestern University, hat dazu einen Artikel im Journal „Current Directions in Psychological Science“ veröffentlicht. Die Bedürfnispyramide beschreibt, welche Bedürfnisse der Mensch hat und in welcher Reihenfolge er sich um diese kümmert. Grundlegend müssen die physiologischen Bedürfnisse, wie Hunger und Sicherheit, erfüllt sein. Daraufhin folgt die nächste Stufe der sozialen Bedürfnisse. Man möchte geliebt werden und einer Gruppe angehören. Danach kommen die Individualbedürfnisse, dazu gehören der Wunsch nach Respekt und Erfolg. Die Spitze bildet das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und persönlichem Wachstum. Historisch gesehen haben sich die letzten beiden Bedürfnisse erst später entwickelt, weil die unteren nie zuvor ausreichend gestillt waren. Anstatt diese Entwicklung also zu verteufeln, kann man sie auch als Privileg unserer Wohlstandsgesellschaft sehen. Mit einem wunderbaren Ergebnis: Beziehungen können glücklicher und erfüllender werden als je zuvor in der Geschichte. Man experimentiert mehr, dadurch werden Beziehungen instabiler aber eben auch tiefer. Niemand muss mehr sein ganzes Leben in einer Partnerschaft verbringen, die ihn unglücklich macht, weder aus praktischen noch aus gesellschaftlichen Gründen.

Und doch aus Gründen. Ganz oben: Marktwerterhöhung. Und ist das wirklich besser? Schaue ich mein Umfeld an, ist da mein Vater, der jedes Jahr eine neue Freundin unter dem Weihnachtsbaum vorstellt. Meine Mama, die an meinem Stiefvater kontinuierlich herumnörgelt. Meine beste Freundin, die nach dem perfekten Traummann sucht, tausende Dates hat und es doch nie funktioniert. Der Gedanke an meine Oma, die jahrzehntelang verheiratet war und die Worte „bis dass der Tod uns scheidet“ mit Bedeutung füllte und mein Freundeskreis, der sein Leben hauptsächlich single bestreitet. Es will einfach nicht klappen mit den Beziehungen. Unser kapitalistisches System als Verursacher. Doch liegt es wirklich nur daran?

On top schreien wir heterosexuellen Damen nach Feminismus, um dann zu behaupten, der Mann muss den ersten Schritt machen, das andere Geschlecht uns dann die Welt zu Füßen legt, wir sie mit Füßen treten und nach Unabhängigkeit streben. Die Männerwelt bleibt dann völlig verwirrt zurück und macht nach der ersten Negativerfahrung resigniert gar nichts mehr. Super gemacht. Ich möchte damit nicht den Feminismus im eigentlichen Sinne kritisieren, aber das, was wir aus unserer Gleichberechtigung machen. Denn das bedeutet auch mal selbst den ersten Schritt zu machen, sich nicht höher zu stellen und nicht tiefer und den alten patriarchischen Gewohnheiten endgültig in den Allerwertesten zu treten.

Was also, wenn die Sache mit der großen Liebe ganz anders läuft. Was, wenn Beziehungen totaler Quatsch sind. Ein Konzept, das wir erfunden haben, um ein Gefühl in eine lesbare Sozialstruktur zu übersetzten. Man bandelt an und dann funktioniert es nach einer Weile nicht mehr und man fragt sich schließlich warum. Die Person hätte das Potential zur großen Liebe gehabt. Diese eine Person hätte die große Liebe werden können. Hätten wir uns dazu entschlossen, sie zu dieser zu machen. Der Bildungsabschluss passt nicht mit den Kriterien überein, er ist nicht männlich und sie nicht mädchenhaft genug. Akzeptable Argumente, aber man muss sich bewusst sein, was Liebe eigentlich bedeutet. Liebe ist ein Gefühl. Doch selbst wenn man sich für dieses Gefühl entscheidet, dafür dass diese Person, die eine große Liebe ist, scheitert so oft nach zwei Jahren dann doch das große Glück. Ist doch klar, dass man nach zwei Jahren nicht mehr auf die gleiche Art zusammenpasst. Ich meine, weder er, sie oder du werden die gleichen Ichs von vor zwei Jahren sein. Man kann also nicht die eine perfekte Person finden. Oder vielleicht schon. Aber nach spätestens einem Jahr wird er oder sie es nicht mehr sein. Naja, und dann kann man auf die Methode meines Vaters zurückgreifen, die meiner Mutter, naiv weitersuchen oder sich ein Beispiel an der Omi nehmen. Sich dazu entscheiden, dass er oder sie das jetzt ist und bleibt, weil man fühlt und nicht abwägt. Und ich meine damit nicht, dass man unglücklich in einer Beziehung verweilen soll, sondern ich rede hier von den eingestaubten Worten „in guten und in schlechten Zeiten“, also davon Krisen durchzustehen, weil man sich doch liebt.

Das ist schwer, weil wir es nicht mehr gewohnt sind. Weil unsere Gesellschaft nicht möchte, dass wir uns mit etwas zufriedengeben. Wir sollen immer noch mehr wollen. Obwohl wir, doch wie vorhin betont, das erste Mal in der Geschichte, die Möglichkeit haben, wirklich zu lieben und nicht mehr aus praktischen und gesellschaftlichen Gründen eine Beziehung zu führen. Weil wir dank der Individualisierung und dem Feminismus allein sein können und damit das verrostete Wort der Beziehung wegschmeißen können. Denn eine Beziehung bedeutet immer geben und nehmen, das bedeutet Marktwirtschaft. Wir brauchen keine Beziehungen mehr, wir können geben und geben, weil wir genug haben und uns damit endlich lieben. Ja, ich denke wir sind beziehungsunfähig. Aber nicht liebesunfähig. Und damit es mit der Liebe klappt, sollten wir unserem gewinnorientierten System den Mittelfinger entgegenstrecken und uns verdammt nochmal für die große Liebe zu dem antikapitalistischen Menschlein unserer Träume entscheiden und dabei bleiben.