Menü
MEINUNG
Weihnachten in einer Patchwork-Familie | Bild: Svenja Hak

Sex&Identität Patchwork-Familie
Stille Nacht, heilige Nacht!

Weihnachten in einer Patchwork-Familie | Bild: Svenja Hak

10 Feb 2021

Die Kolumne "Mein Leben als Sprössling einer Patchwork-Familie" erzählt von den schönen und schwierigen Momenten im Leben einer eher unkonventionellen Familie.

Svenja Hak

4. Semester
seit 2019

Zum Profil

48 Prozent der Deutschen gaben im Jahr 2019 an, Harmonie sei ihnen an Weihnachten besonders wichtig. Für zehn Prozent, mich eingeschlossen, ist Weihnachten purer Stress. Ich frage mich, ob die Befragten bereits einige Glühwein intus hatten oder ob meine Familie ein Einzelfall ist. Bei uns ist Weihnachten eine komplizierte Sache.

Der eine Tag im Jahr, an dem wir alle am 24. Dezember morgens gemütlich im Hause meines Vaters eintrudeln. Wir alle. Das bedeutet ich (allein). Meine zehn Jahre ältere Halbschwester mit ihrem Mann, meinen beiden Neffen und ihren beiden Hunden. Die Freundin meines Vaters mit ihren zwei Mädels (elf und 13 Jahre). Mein Halbbruder mit seiner Frau und seiner Tochter haben mal wieder eine schlaue Ausrede gefunden, warum es dieses Jahr dann leider doch nicht geklappt hat.

Anstatt an dieser Stelle erst einmal gemütlich einen Kaffee zu trinken, wie ich mir das insgeheim jedes Jahr wünsche, verteilt mein Vater noch an der Tür jedem seine Aufgaben. So steht er da mit ernster Miene, seinem Weihnachtsstrickpulli mit Rentieraufdruck und passenden Weihnachtsmann-Socken. Die Gans ist bereits im Ofen. Mein Vater hat sich schon zehnmal darüber beschwert, dass er sie wieder allein stopfen musste, weil wir alle so spät dran sind. Es ist 8:00 Uhr morgens und die Hälfte der Anwesenden vegetarisch. Aber das nur am Rande. Ich widme mich meiner zugeteilten Aufgabe und schmücke mit den Kindern den Baum. Aufgrund des mangelnden Freundes werde ich noch immer zu diesen gezählt. Also Lichterkette entknoten und die Schokokugeln dranhängen (in der Hoffnung, die elfjährige Tochter der Freundin meines Vaters isst sie nicht wieder alle allein auf.) Das war letztes Jahr der Fall. Die Folge war ein leichter Zuckerschock und Remmidemmi bis nachts um zwei. Im Hintergrund laufen tschechische Weihnachtslieder, unsere Tante aus Prag ist via Facetime mit in der Küche dabei und dirigiert fleißig die Anwesenden. Mein Schwager hat in der Zwischenzeit den Glühwein aufgesetzt. Mittlerweile ist schließlich elf Uhr und Kaffee hatte ich noch immer keinen.

Nachdem der Baum dann mehr oder weniger ready ist, die tschechischen knedlíky (Knödel) fertig, das Rotkraut im Topf, die Vánoční cukroví (Weihnachtsplätzchen) im Ofen und meine Tante zurück in ihrer eigenen Küche in Prag, ist bereits Nachmittag. Andere Familien würden jetzt dann in die Kirche gehen. Wir laufen zur Kapelle auf unserem Hausberg. Spaziergang, wie das mein Vater nennt. Ich nenne diesen dreistündigen Kraftmarsch Mörderwanderung und die übrigen Anwesenden auch. Oben angekommen, werden wir mit einem wunderschönen Ausblick belohnt. Zurück im Haus ist endlich Zeit zum Abendessen. Ach nein, halt. Jetzt ist der Moment, an dem mein Papa meine Schwester und mich nötigt, mit ihm gemeinsam auf der Gitarre Weihnachtslieder zu spielen. Gitarre: kein Problem. Tschechische Weihnachtslieder: großes Problem. Meiner Schwester geht es da eher andersherum. Nach einer guten Stunde hat die Qual ein Ende und es kann endlich gegessen werden. Anschließend kugeln wir uns unter den Weihnachtsbaum. Die Kinder, also die kleinen Kinder, wie mein Papa sagt, werden auch endlich erlöst und es gibt Geschenke. Den Teil erspare ich euch, denn darauf kommt es schließlich nicht an. Nur kurz am Rande, ich habe mal wieder Socken bekommen. Nach ganz viel „Ui, ah, toll, wunderbar, danke, das habe ich mir schon immer gewünscht“ gehen die Kinder langsam ins Bett. Ich darf glücklicherweise noch wach bleiben.

Obwohl ich jedes Jahr so viel meckere, wünschte ich doch so sehr, dieses Weihnachten würde wieder genauso sein. Damit gehöre ich letztendlich wohl doch zu den 90 Prozent, die Weihnachten im Grunde nicht so übel finden. Aber die Zeit der Pandemie hat uns schließlich in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet. In diesem Sinne: Stille Nacht, heilige Nacht!

Einen weiteren Teil der Kolumne "Mein Leben als Sprössling einer Patchwork-Familie" findest du hier.