Start-up Kultur vs. Mental Health. Ist es möglich mit einer Depression als Selbstständige zu arbeiten? | Bild: Lisa Schütz

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Auch mit Blues: Selbst & ständig

Start-up Kultur vs. Mental Health. Ist es möglich mit einer Depression als Selbstständige zu arbeiten? | Bild: Lisa Schütz

11 Dec 2019

Casandra Krammer ist jung und selbstständig, doch sie leidet an Depressionen. Der „Blues”, wie sie ihre depressiven Phasen nennt, ist ihr immer wiederkehrender Begleiter. Lähmen lässt sie sich von ihm aber nicht. Im Gegenteil: Mit 25 Jahren ist sie als selbstständige Coverdesignerin erfolgreich.

 

Casandra spricht lebhaft von ihrer Leidenschaft für Bücher und Hörbücher. Es macht Spaß der jungen Frau zuzuhören. Lachend erzählt sie, dass sie niemals auf ihren Mittagsschlaf verzichten könnte. Auch das Buchcoverdesign beschreibt sie als eine große Leidenschaft. Doch dann wird sie plötzlich ernst und wählt ihre Worte mit Bedacht:

„Ich habe jeden Tag Zweifel an der Selbstständigkeit, aber nicht, weil es mir keinen Spaß macht, sondern im Hinblick auf meine mentale Gesundheit.” – Casandra Krammer

Diese ständige Müdigkeit

Casandra arbeitet seit 10 Jahren als Coverdesignerin, damit angefangen hat sie bereits während der Schulzeit. Doch nicht nur ihre Leidenschaft für Bücher begleitet sie schon eine lange Zeit. Zu Realschulzeiten kommt sie aus der Schule nach Hause und muss sich sofort hinlegen. Zeit mit Freunden, der Familie oder ihrem Freund zu verbringen, ist für sie unmöglich. Abends rafft sie sich auf und zwingt sich, an ihren Buchcover-Designs zu arbeiten. Doch diese ständige Müdigkeit ist nicht das einzige Symptom, das Casandra fortan begleiten sollte.

Bis Casandra zum Arzt geht, vergehen fünf Jahre. Eine Zeit, in der sie sich viel mit ihrer beruflichen Zukunft beschäftigt. Nach dem Realschulabschluss bewirbt sie sich um Ausbildungsplätze als Mediengestalterin. „Was sollen wir dir noch beibringen?”, bekommt sie in Bewerbungsgesprächen mit Blick auf ihr Portfolio zu hören. Als sie keinen Ausbildungsplatz bekommt, holt sie das Abitur nach und möchte dann Kommunikationsdesign in Hamburg studieren. Doch bei einem Numerus Clausus von 1,2 hat sie bei ihrem Wunschstudium keine Chance. Casandra lässt sich nicht unterkriegen und baut ihre Selbstständigkeit weiter aus. Sie bildet sich auf eigene Faust weiter und bringt sich alles, was sie braucht, selbst bei. Sie erstellt ihre eigene Website, baut sich eine Instagram Community auf und gewinnt immer mehr Autoren als Kunden. Dennoch hat sie das Gefühl, ständig gegen die Zeit zu arbeiten und die Müdigkeit will einfach nicht weggehen.

Diagnose Depression

An den Tag der Diagnose erinnert sich Casandra noch genau: Ihre Hausärztin stellt die Diagnose mit Hilfe eines Fragebogens, womit Haupt- und Nebensymptome einer Depression erfragt werden. Casandra ist zunächst erleichtert, denn sie wird in ihrem jahrelangen Verdacht bestätigt. Zudem bekommt sie einen Behandlungsplan: Das Antidepressivum Citalopram. Bei einer Depression handelt es sich um einen Krankheitszustand, der immer wieder eintreten kann. Das Risiko, erneut zu erkranken, kann mittels Antidepressiva um 70 Prozent reduziert werden, erklärt Professor Dr. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Inhaber einer Senckenberg-Professur an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Casandra hilft das Antidepressivum nur eine kurze Zeit. Als sie keine Wirkung mehr spürt, setzt sie es ab. 

Depressionen treten meist in Phasen auf, Casandra selbst nennt sie den „Blues”. Außerhalb dieser depressiven Phasen merkt ihr die Krankheit keiner an: Sie lacht und scherzt, ihre Kunden schätzen sie für ihre Leichtigkeit. Casandra selbst beschreibt die Depression als einen Daseinszustand, der völlig losgelöst von Gefühlen ist. Auch Professor Dr. Hegerl erklärt, dass die Depression ein ganz eigener Krankheitszustand ist: „Wenn eine Depression kommt, verändert sich alles. Das ist, wie wenn man eine Maß Bier trinkt, dann verändert sich auch alles. Dann ist alles locker und leicht und man ist gut drauf. Genauso verändert sich auch in der Krankheit alles.”

Depression: Zahlen und Fakten

Informationen von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe | Bild: Lisa Schütz
„Man kann nicht mehr schlafen, ist angespannt, erschöpft und appetitlos und nimmt nur das Negative wahr.“ – Professor Dr. Ulrich Hegerl

Wenn Casandra in der Depression steckt, muss sie die Zähne zusammenbeißen. Die Symptome, die mit der depressiven Phase einhergehen, beeinflussen ihren Arbeitsalltag: Sie kann die Zeit nicht richtig einschätzen, hat mit Konzentrationsschwierigkeiten und Motivationslosigkeit zu kämpfen. Das erschwert es der Designerin, Deadlines einzuhalten und auch die Kommunikation mit ihren Kunden ist eine immense Herausforderung. Denn aufgrund der Symptome fällt es Casandra schwer, mögliche Konsequenzen ihres Verhaltens zu reflektieren und Entscheidungen zu treffen. Auch muss sie sich schon lange im Voraus mental darauf vorbereiten, Kunden anzurufen und Deadlines zu verschieben. Professor Dr. Hegerl kann bestätigen, dass die Symptome einer Depression schon einfache Aufgaben deutlich erschweren. 

„In einer schweren Depression sind Menschen nicht in der Lage eine Firma zu führen. In einer schweren Depression schafft man es kaum aufzustehen, um sich die Zähne zu putzen.” – Professor Dr. Ulrich Hegerl

Wenn schon aufstehen, dann für die eigenen Träume

Casandras größte Herausforderung ist es, sich einen Alltag zu schaffen, der produktiv genug ist, um die Selbstständigkeit zu meistern. Erfolgstagebücher helfen ihr dabei, auch kleine Erfolge wahrzunehmen. Zudem hilft Casandras aktive Instagram Community ihr dabei, der Einsamkeit in ihrem Homeoffice zu entkommen. Und nicht zuletzt hat sie akzeptiert, nicht auf alles einen Einfluss zu haben:

Mitten in einem Auftrag zu schalten, bringt natürlich auch Konsequenzen wie verpasste Deadlines und finanzielle Einbußen mit sich. Dieses Risiko sieht auch Professor Dr. Hegerl und meint, dass es wichtig wäre, während der Krankheitsphase jemanden zu haben, dem man zumindest einen Teil seiner Aufgaben übertragen könnte. Wäre es dann nicht besser in einem Angestelltenverhältnis zu arbeiten und sich in einer Krankheitsphase ganz einfach krank zu melden? Ob Casandra als Angestellte besser arbeiten könnte, weiß sie nicht. Sie genießt die Vorzüge einer selbstbestimmten Arbeit: Geht es ihr schlecht, bleibt sie einfach bis 15 Uhr im Bett und arbeitet erst abends.

 „Würde ich in einer Firma arbeiten, wäre ich wahrscheinlich nicht so motiviert. Denn die Träume, die ich da verfolgen würde, wären die von jemand anderem.” – Casandra Krammer

Für ihre eigenen Träume zu arbeiten, ist für Casandra also der unbezahlbare Funke an Motivation, der sie dann doch um 15 Uhr aus dem Bett holt. Und so schafft es die junge Selbstständige auch mit Blues immer wieder, von ihrer Leidenschaft leben zu können.