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Gibt es neben dem Kondom bald eine umkehrbare Verhütungsalternative für Männer? | Bild: Anna Martin

Sex&Identität Verhütung
Wann kommt die Pille für den Mann?

Gibt es neben dem Kondom bald eine umkehrbare Verhütungsalternative für Männer? | Bild: Anna Martin

03 Jan 2021

Die Pille ist nach wie vor das meistgenutzte Verhütungsmittel. Vor 60 Jahren revolutionierte sie die Gesellschaft. Doch immer weniger Frauen wollen die Verantwortung alleine tragen. Wieso gibt es nicht schon längst eine Alternative für Männer?

Anna Martin

Crossmedia Publishing & Management
seit Wintersemester 2020
Kultur

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Wer Verhütung in die Suchleiste seines Browsers eintippt, den führt das erste Ergebnis „Verhütungsmethoden“ zu familienplanung.de, einer Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Unter dem Bild eines sich glücklich angrinsenden Paares erscheint eine Grafik mit bunt geschriebenen Begriffen. Ganz groß in der Mitte steht „Pille“ , etwas kleiner darunter „Kondom“, daneben „Minipille“ und „Spirale“. Insgesamt 17 Verhütungsmethoden sind hier abgebildet. Auf den ersten Blick mag die Auswahl überwältigend erscheinen, doch nur zwei der Angebote betreffen Männer: das Kondom und die Sterilisation des Mannes. Gleichberechtigt ist das nicht. 

Verhütung ist heutzutage Frauensache. Obwohl das Thema alle Sexpartner*innen gleichermaßen betrifft, sind Frauen in der Bringschuld. Vergleichbare Alternativen für Männer gibt es schlicht nicht. Dabei wäre die Mehrheit der Männer durchaus daran interessiert. Das wurde in mehreren internationalen Umfragen bestätigt. Dem schließt sich auch Christian Leiber, Androloge am Uniklinikum Freiburg, an: „Prinzipiell denke ich, ist eine Nachfrage da. Und in modernen, aufgeklärten Gesellschaften gäbe es bei den Männern auch sicher eine Bereitschaft.“ So bestünde die Möglichkeit, sich die Verhütung und die damit verbundenen Nebenwirkungen gleichberechtigt zu teilen.  

Verhütungsverhalten Erwachsener laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung | Bild: Anna Martin

So funktioniert’s 

Im Prinzip wäre es Männern ebenso wie Frauen möglich, hormonell zu verhüten. Nur muss, anstatt des Eisprungs, die Spermienproduktion reguliert werden. Das wurde zunächst mit einer erhöhten Gabe des männlichen Sexualhormons Testosteron versucht. Ein stark erhöhter Testosteronspiegel unterdrückt die Spermienbildung – kann jedoch auch zu schweren Nebenwirkungen führen, wie schrumpfenden Hoden und damit verbundener Unfruchtbarkeit. Eine zu niedrige Testosteronkonzentration verringert jedoch die Wirksamkeit des Präparates. Es gilt also, die richtige Dosierung zu finden, damit ein hormonelles Verhütungsmittel sicher und dennoch umkehrbar ist.

Die Einnahme des Verhütungsmittels in Pillenform ist dabei noch nicht möglich. „Bei Männern funktioniert die Resorption des Testosterons über den Magen-Darm-Trakt ausgesprochen schlecht“, erklärt Androloge Leiber. Die Gabe in Form von Spritzen und Gelen habe sich in der Testosteronbehandlung aber bewährt. 

Wieso gibt es die Pille für den Mann noch nicht? 

Es gilt also, noch einiges zu untersuchen. Nur zeigen Pharmafirmen hieran kein großes Interesse – die Pille für die Frau läuft zu gut. Die Forschung für ein männliches Pendant wurde von Schering und Organon 2007 eingestellt. Es gibt momentan schlichtweg keinen Bedarf. Zumindest nicht, solange die Pille noch so hohe Abnehmer*innenzahlen findet.

„Ohne eine Pharmafirma, die mit sehr viel Geld einsteigt, wird so ein Präparat nicht marktreif werden. Das ist im Moment für mich nicht in Sicht.“ – Christian Leiber, Androloge am Uniklinikum Freiburg

Groß angelegte Studien wurden bis 2011 von der World Health Organisation (WHO) durchgeführt. Sie untersuchten zuletzt die Wirksamkeit einer Hormonspritze. Obwohl sie so wirksam war wie die Pille für die Frau, wurde die Forschung abgebrochen. Grund dafür waren die aufgetretenen Nebenwirkungen und immensen Kosten.

Außerdem sind die Zulassungskriterien für ein neues Medikament deutlich strenger als noch vor 60 Jahren, als die Pille auf den Markt kam. „Mit den Studien von damals würden Sie heute die Pille für die Frau nicht zugelassen bekommen“, so Leiber. Dabei sind die Nebenwirkungen des männlichen Verhütungsmittels ähnlich – Kopfschmerzen, Gewichtszunahme, erhöhtes Thromboserisiko – und fallen Studien zufolge sogar geringer aus. Männern jedoch wird das nicht zugemutet. Es wird schlichtweg mit zweierlei Maß gemessen.

Verhütungsmethoden für Frauen und für Männer | Bild: Anna Martin

An diesen Verhütungsmethoden wird geforscht 

Doch die Forschung steht nicht still. In den USA wird momentan ein Verhütungsgel getestet. Männer tragen das Präparat aus Testosteron und einem Gelbkörperhormon auf Schultern und Brust auf. Finanziert wird die Studie von den Nationalen Gesundheitsinstituten (NIH). Bis 2022 soll die zweite Phase der Studie abgeschlossen sein. Bei guter Datenlage kann dann der letzte Studienteil beginnen, der schlussendlich zur Zulassung führen könnte. 

Neben der hormonellen Verhütung gibt es jedoch noch weitere Forschungsansätze. Beispiele für aktuelle Entwicklungen wären der Verhütungsslip, das Vasalgel oder das Samenleiterventil.  
Französische Tüftler entwickelten den slip contracéptif, den Verhütungsslip. Hierbei hängen der Penis und die leeren Hodensäcke aus einer runden Öffnung. Die Hodensäcke schlüpfen in den Körper und erwärmen sich somit. Drei Monate lang 15 Stunden am Tag tragen, dann hat die Körpertemperatur die Spermien zerstört – so die Theorie. Die Praxis der Überwärmung kann Androloge Christian Leiber jedoch nicht empfehlen: „Das ist einfach zu unzuverlässig oder sie müssen wirklich extrem hohe Temperaturen erzeugen. Dann führt es aber wahrscheinlich mittelfristig zu einer dauerhaften Schädigung der Spermatogenese.“

Pille Kondom Die am häufigsten genutzten Verhütungsmittel in Deutschland: Kondom und Pille. | Bild: Anna Martin

Interessanter erscheint die vorübergehende Unterbindung der Samenleiter. Möglich ist dies zum einen durch die Injektion eines Gels, das die Spermien im Samenleiter auffangen soll. Das Vasalgel wird in den USA erforscht und wurde bereits erfolgreich an Tieren getestet. Die Wirkung soll für zehn Jahre anhalten, kann allerdings auch früher durch ein Gegenmittel aufgehoben werden. Leiber weist jedoch auf Risiken hin: „Je nachdem, was sie nehmen, führt das eben unter Umständen auch zu entzündlichen Reaktionen, zu Vernarbung, zu Verklebung.“ Kommt es zu solchen Reaktionen, kann der Vorgang unter Umständen nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Ein verwandter Ansatz ist der des Samenleiterventils (SLV). Das gummibärchengroße Ventil wird an den Samenleiter angebracht und lässt sich durch einen Kippschalter öffnen und verschließen. So kann der Samenfluss reguliert werden. Jedoch besteht bei der Implantation von Fremdkörpern immer auch ein Infektionsrisiko. Außerdem darf das SLV nicht stören. Laut dem Schweizer Erfinder Clemens Bimek kann es lebenslang getragen werden. Er selbst trägt es bisher seit 20 Jahren im Selbstversuch. Für eine großangelegte Studie läuft zurzeit eine Crowdfunding-Aktion.

Die Zukunft der Verhütung  

Ab wann können wir mit einem neuen Verhütungsmittel für den Mann rechnen? Leiber gibt eine Einschätzung: „Ich halte es durchaus für denkbar, dass die Pille für den Mannin einem Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren kommen wird.“ Ein so nebenwirkungsarmes Medikament zu entwickeln, dass es zugelassen wird, schätzt er als möglich ein. Allerdings dachte man bereits in den siebziger und achtziger Jahren, nicht mehr weit davon entfernt zu sein. Die gesellschaftliche Entwicklung spricht jedoch für ein baldiges Präparat. Immer mehr Frauen hinterfragen die Wirkweise der Pille oder lehnen sie ab. Es wird Platz gemacht für eine neue Verhütungsmethode für den Mann. Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg könnte laut Leiber ganz einfach sein: Mehr Frauen an der Spitze der großen Pharmakonzerne.