Kultur&Gesellschaft

Wohnortwechsel
„Ich sehe Weltenbummlerei als Gefühlsschule“

Obwohl Umziehen meist stressig und kostspielig ist, kann es auch wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung sein. | Bild: Hanna Autenrieth

Wohnortwechsel „Ich sehe Weltenbummlerei als Gefühlsschule“

Obwohl Umziehen meist stressig und kostspielig ist, kann es auch wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung sein. | Bild: Hanna Autenrieth
 

19 May 2022

Der Weltenbummler Jörg Becker ist in seinem Leben bereits 24-mal umgezogen und lebte dabei unter anderem in Amerika, den Niederlanden und der Schweiz. In diesem Interview spricht er über die Herausforderungen sowie die Bedeutung seiner Umzüge für sein persönliches Leben.

Hanna Autenrieth

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2021
GesellschaftPolitik

Zum Profil

Jörg, du hast bisher in vier verschiedenen Ländern gelebt und bist 24-mal umgezogen. Was begeistert dich daran, an unterschiedlichen Orten zu wohnen?

Durch das Umziehen, vor allem ins Ausland, triffst du ständig auf neue Menschen, Zusammenhänge oder Situationen, auf die du dich neu einstellen musst. Das fängt bei banalen Dingen wie dem Einkaufen an. Das ist unglaublich toll fürs Gehirn, fürs Denken und für die Selbstreflexion.

Wann ging es das erste Mal ans Umziehen?

Das erste Mal umgezogen bin ich erst mit 27 zu meinem zweiten Studium. Ich wollte noch nicht zu weit weg und bin deshalb innerhalb von Hannover in eine WG gezogen. Im Vergleich zu daheim muss man sich in einer WG anders aufeinander einstellen, also mit Küchendienst, Badezimmerdienst und sowas. Das kannte ich vorher alles gar nicht. Ich habe auch gelernt, dass man auf einmal sparen und geregelt einkaufen muss. Mein Leben war auf einmal strukturiert.  

Die nächsten sechs Jahre bist du immer noch in der Nähe deiner Heimat geblieben, einige Male innerhalb von Hannover umgezogen und dann nach Berlin. Bis es dich plötzlich für deinen Master ins Ausland verschlagen hat, in die Niederlande. Später bist du dann nach Amerika, also noch weiter weg von daheim. Wie kam dieser Wandel vom Wunsch nach Heimatnähe zum Fernweh?

Ich war ja immernoch jung, bevor ich ins Ausland gezogen bin und habe zu dieser Zeit angefangen, sehr viel zu lesen. Ausländische Bücher, aber auch Klassiker wie Goethe oder Hesse. Spätestens in den Büchern kriegst du vermittelt, dass es noch so viel mehr gibt als das, was du zu wissen glaubst. Ich fing an zu denken: Dieses Leben hier kann doch nicht alles sein. Also wollte ich los und mehr erkunden.

„Das ist unglaublich toll fürs Gehirn, fürs Denken und für die Selbstreflexion.“ – Jörg Becker

In den Niederlanden hast du dann das erste Mal für längere Zeit im Ausland gewohnt. Wie hat sich deine Lebensweise verändert?

In den Niederlanden waren auf einmal meine Freunde weg. Ich musste aus der Band austreten, die ich hatte, seit ich 17 war. Dann ging es weiter beim Einkaufen: es gibt kein Vollkornbrot in Holland, es gibt dies nicht, es gibt das nicht. Auch die Preise sind anders.

Wie bist du mit der Kommunikation zurechtgekommen?

Du bist dort in einem Land, in dem Holländisch gesprochen wird, aber alle deine Freunde sprechen Englisch mit Akzent und gebrochen, keiner spricht seine Muttersprache. Auf einmal ticken alle anders, weil sie aus einem anderen demographischen Umfeld stammen. Man kommuniziert, ohne richtig kommunizieren zu können. Man stellt auf einmal seine gesamte Körper-Gestik um, ich habe dann ganz viel mit den Händen geredet.

Wie war das für dich?

Für mich war das pure Poesie. Man denkt dort das erste Mal bewusst über seine Kommunikation nach, seine Sprache und wie man mit Menschen redet. Es wurde auch sehr viel gelacht, weil sich alle missverstanden haben. Ich glaube, man wird im Ausland ein besserer Mensch, weil man viel mehr auf Leute Rücksicht nehmen muss.

Was nimmst du aus deiner Zeit in den Niederlanden mit?

In den Niederlanden wurde ich zum Weltenbürger. Ich habe versucht, dort „deutsche“ Produkte zu kaufen und gemerkt, dass ganz viele Produkte gar nicht deutsch sind, von denen ich es dachte. Dadurch ändert sich das Weltbild total. Dort habe ich gemerkt, ich bin in einer ganz großen Weltwirtschaft, in der alles hin und her geschaufelt wird. Früher habe ich Käse gegessen und auf einmal habe ich eine Produktionskette gegessen.

Für Jörg Becker ist Umziehen die beste Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen. | Bild: Jörg Becker

Nach ein paar Jahren hast du einen Job als Professor an einer Universität in Chicago bekommen und bist dort hingezogen. Die ersten Monate hast du bei Freunden von deiner Mutter gewohnt und musstest jeden Tag eine Stunde hin und zurück zur Uni pendeln. Wieso bist du nicht direkt in die Stadt gezogen?

Ich wollte das anfangs noch gar nicht. In Chicago ist das auch gar nicht so einfach. Am Ende landet man in einem Viertel, das super kriminell ist. Nach zwei Monaten habe ich dann aber eine Wohnung gefunden. Die war nichts Besonderes, dürftig ausgestattet mit einer kleinen Küche und ein paar Einbauschränken. Ich hatte damals auch kein Pfennig Geld, keine Möbel, kein Besteck, nichts. Ich habe mich dann spärlich mit ein paar Grundsachen ausgestattet und erstmal auf einer Luftmatratze geschlafen.

Amerikaner haben bekanntlich eine ganz andere Lebensweise als wir Europäer. Wie hat es sich die ersten Monate in einem nicht-europäischen Land gelebt?

Ich habe schnell gemerkt, wie schlecht mein Englisch ist. Das ist einfach was anderes, wenn man sonst etwas liest oder schreibt und auf einmal kommen tausend Fragen von den Studenten, die dann auch noch Fachsprache beinhalten.

Konnte dir jemand helfen?

Ich kannte dort anfangs noch niemanden. Meine Freunde und meine Freundin habe ich damals in Deutschland zurückgelassen. Also habe ich jeden Tag in meiner Wohnung auf der Luftmatratze gelegen und „King of Queens“ geschaut. Es ist auch nochmal ein Unterschied, außerhalb von Europa zu wohnen. Von Holland kann man ja immer wieder nach Deutschland kommen. Von Amerika aus musst du natürlich fliegen. Deshalb war das erste halbe Jahr echt hart. Ich musste mir sogar Vitamine spritzen lassen, weil ich so fertig war.

Und trotzdem bist du dort neun Jahre geblieben.

Ich habe irgendwie keinen Absprung gefunden. Ich hatte zwar immer wieder Heimweh, aber ich hatte ja mit der Professur einen total geilen Job in einer total geilen Stadt. Als ich dann zurück wollte, hatte ich eher Angst. Das ist dann auch nicht so einfach, man muss ja erstmal einen neuen Job finden.

Während deiner Zeit in Amerika bist du drei bis vier Mal im Jahr in die Schweiz geflogen, weil du dort zusätzlich eine Professur hattest. Was hat dich letztendlich dazu bewegt, wieder komplett nach Europa zurückzukommen?

Das war vor allem wegen meinem Bruder. Die Entfernung war nicht das große Problem, eher der Zeitunterschied. Wenn man miteinander telefoniert und man hat ganz unterschiedliche Stimmungen, weil man sich an unterschiedlichen Tageszeitpunkten befindet, da ist es dann auch schwer, miteinander zu reden.

Weit voneinander weg zu wohnen, wirkt sich ja auch auf Freundschaften aus. Wie können diese funktionieren, wenn man dauernd umzieht?

Natürlich gibt es alte enge Beziehungen, die baden gehen, aber dafür kommen auch neue. Ich habe unglaubliche enge Freunde in der Welt verteilt, die ich an meinen unterschiedlichen Bummelstationen getroffen habe. Die sind alle selbst Weltenbummler. Dadurch ist es dieses „Ausländersein“, das uns zusammenschweißt.

Nun bist du schon eine Weile zurück in Deutschland und arbeitest als Senior Creative Director in der Kommunikationsfirma typenraum in Stuttgart. Was hast du in deiner Zeit im Ausland gelernt?

Eine wichtige Sache, die ich gelernt habe, ist Zuhören. Dort musste ich ganz genau zuhören, was gesagt wurde. Nicht nur was die in Englisch sagen, sondern auch mit ihrem kulturellen Hintergrund. Ich bin durch das Ausland weniger egozentrisch geworden. Mittlerweile kann ich auch mal zugeben, wenn ich falsch liege. Das konnte ich damals nicht. Durch das Umziehen habe ich aber so oft Unrecht gehabt, dass ich mich damit arrangiert habe. Das war für mich sehr schmerzhaft, weil ich sehr egozentrisch war. Aber ich würde mal sagen mindestens die Hälft meiner Egozentrik ging flöten.

„Ich bin durch das Ausland weniger egozentrisch geworden“ – Jörg Becker

Würdest du es Anderen empfehlen, ins Ausland zu ziehen?

Ich würde es Jedem empfehlen, es zu probieren. Auch denen, die Angst davor haben. Es ist aber nicht für Jeden richtig. Ich kenne auch Menschen, die nach drei Monaten wie ein Wrack zurückgekommen sind. Ich sehe Weltenbummlerei als Gefühlsschule. Alles, was du dort kriegst, ist pure Reflexion. Daheim hat man fast immer Alternativen oder Umgehungsstraßen. In deinem eigenen Land und in deinem Umfeld bist du irgendwie stark. Du fühlst dich innerlich sicher und hast ein gewisses Selbstbewusstsein. Das Selbstbewusstsein ist dann das erste, das gänzlich flüssig wird, wenn du ins Ausland gehst. Dort musst du dich neu einstellen oder du stößt auf nervenaufreibenden Widerstand.

Selbst in Deutschland findest du irgendwie keine Ruhe und ziehst immer wieder um. Könntest du dir vorstellen, auch nochmal ins Ausland zu ziehen?

Ja, das könnte ich. Ich habe in meinem Leben nie mehr über mich selbst gelernt wie durchs Umziehen. Es würde mir denke ich auch jetzt nochmal helfen, mich selbst, mein Dasein und den Umgang mit Menschen zu reflektieren.

„Ich habe in meinem Leben nie mehr über mich selbst gelernt wie durchs Umziehen“ – Jörg Becker

Man lernt mit jeder einzelnen Aktion was Neues und deshalb wird man bewusst Bürger und bewusst Teil eines sozialen Umfelds. Man erkennt zum ersten Mal, wer man selbst ist, weil man anfängt zu reflektieren. Es ist zwar stressig und kostet Geld, aber man muss neue Wege gehen, man sieht neue Ecken, man hat andere Gerüche, ein anderes Klima, das macht alles was. Das finde ich faszinierend.