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Interview
„Ich hatte nie diesen einen Traum“

Schulabschluss und dann? Die Entscheidung was man mit seinem Leben anfangen möchte, ist nicht einfach. (Symbolbild) | Bild: Hanna Bekele

Interview „Ich hatte nie diesen einen Traum“

Schulabschluss und dann? Die Entscheidung was man mit seinem Leben anfangen möchte, ist nicht einfach. (Symbolbild) | Bild: Hanna Bekele
 

11 Feb 2022

Medizin, Jura oder doch Psychologie? Mit einem 1,0-Abiturschnitt stehen viele Türen offen – vorausgesetzt man weiß, was man will. Sara* studierte Medizin, dann Chemie. Beide Male bricht sie wieder ab. Ein Gespräch über Erwartungen, den Weg durch eine Depression und Selbstfindung.

Hanna Bekele

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
GesundheitSportKultur

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2019 hast du dein Abitur mit 1,0 abgeschlossen und dich entschieden, Medizin zu studieren. Warum?

Das war eine Kombination aus allen möglichen Sachen. Zum einen aufgrund der Erwartungshaltung wegen dem 1,0 Abi – also Medizin, Jura, Informatik, vielleicht noch BWL. Zum anderen, weil ich nicht wirklich wusste, was ich machen wollte.

Meine Eltern meinten dann zu mir: Als Kind wolltest du doch schon immer Chirurg werden. Damals hatte ich also offensichtlich irgendwann mal diesen Traum gehabt und jetzt keinen wirklich anderen großen Traum.

Außerdem, wenn ich mit meinem 1,0-Schnitt anderen Leuten erzählte: Ich will Medizin studieren, dann kam als Antwort: Ja klar! Und wenn ich meinte: Mmh, vielleicht so Grundschullehramt, war's ein: Na ja, das wäre aber schon eine Verschwendung deines Abischnitts.

Du stammst aus einer Akademikerfamilie. Deine Mutter ist Lehrerin, dein Vater Geologe und zwei deiner Schwestern haben ebenfalls Lehramt studiert. War es bei dir immer klar, dass du später auch einmal studieren würdest?

Ja, in einer gewissen Weise schon. Es gab zumindest die Erwartungshaltung. Zum einen durch die Familie, zum anderen durch die Noten.

Medizin hast du für zwei Semester studiert. Warum hast du abgebrochen?

Es gab nicht diesen einen Grund, es war eher so allgemein. Es war halt ein relativ abrupter Start ins Studium, dann habe ich ja nicht absolut dafür gebrannt und es ist auch von Anfang an ein ziemlich hohes Pensum an Veranstaltungen und sehr viel Lernstoff. Und das wurde mir dann irgendwann zu viel, weil ich nicht die nötige Motivation aufbringen konnte.

Apropos Lernaufwand. Du hast mir erzählt, dass du in der Schule nur selten intensiv für Tests lernen musstest. Meinst du, das ist dir auf die Füße gefallen – gerade in diesem Studiengang?

Es ist möglich. Also es hat sicherlich irgendwo auch mit reingespielt. In der Schule sind mir die Themen am leichtesten gefallen, die mich auch interessiert haben. Da war ich im Unterricht so aufmerksam, dass ich nicht viel lernen musste.

Und in der Uni waren es dann viele Sachen, die sehr lang gezogen in irgendwelche Details gingen. Und wenn es dann schon schwierig war, aufmerksam zu bleiben, dann musste ich umso mehr lernen.

Wann kam dann die Entscheidung, dass du abbrichst?

Die kam so nach und nach. Im Grunde im Laufe des zweiten Semesters. Da kam ja noch der Lockdown dazu. Das heißt, plötzlich kaum noch Anwesenheit, plötzlich viel von zuhause lernen und das in Kombination mit dem, dass ich sowieso schon nicht mehr so ganz glücklich mit dem Studium war. Ich habe dann beschlossen, dass es so nicht weitergeht.

Im nächsten Semester hast du mit Chemie angefangen. Wie kamst du darauf, das zu studieren?

An sich fand ich Naturwissenschaften recht interessant und in der Schule mochte ich Chemie schon mehr als andere Fächer. Es liegt außerdem in der Familie, weil meine Mutter und meine Schwester beide Chemie studiert haben.

Warum hast du Chemie trotzdem nach zwei Semestern abgebrochen?

Weil ich irgendwann festgestellt habe, dass die Probleme, die ich ursprünglich hatte, eben nicht nur im Thematischen liegen. Ich hatte das Gefühl, dass dieses Studieren oder insbesondere dieses naturwissenschaftliche Studieren nicht das richtige für mich war.

Dann kamen noch irgendwann psychische Probleme dazu, wo auch sicherlich Corona mit reingespielt hat.

Du wurdest letztes Jahr auch mit Depressionen und sozialen Angststörungen diagnostiziert. Wie hat sich das gezeigt?

Es fing damit an, dass ich mich nicht mehr überwinden konnte, den Laptop aufzumachen und einem Meeting beizutreten. Das ging dann irgendwann in solche Teufelskreise über. Wenn ich gesagt habe, ich lass es einmal weg, denn heute gehts mir nicht gut, dann habe ich beim nächsten Mal gemerkt, ich komm nicht mehr mit, also bringt mir das jetzt nichts und es dann wieder sausen lassen.

Hinzu kam, dass ich nachts immer schlechter geschlafen habe. Dadurch, dass mir bewusst war, dass ich Probleme habe und es jetzt schon wieder schief geht mit der Uni, habe ich mich total wahnsinnig gemacht.

Ich musste mir also eine Ablenkung suchen. Ich hab es mit Musik versucht – da hab ich immer noch nachgedacht. Ich hab es mit Lesen versucht – da konnte ich mich nach drei Minuten nicht mehr auf den Text konzentrieren. Schließlich hab ich irgendwelche Serien angemacht, einfach um die Gedanken zu übertönen, und plötzlich war es fünf Uhr früh und ich hatte immer noch nicht geschlafen. Das war so die schwierigste Phase.

„Dadurch, dass mir bewusst war, dass ich Probleme habe und es jetzt schon wieder schief geht mit der Uni, habe ich mich total wahnsinnig gemacht.“ – Sara

Und wie bist du aus der Phase rausgekommen?

Ich habe irgendwann angefangen, nicht mehr auf Anrufe und Nachrichten zu reagieren, weil ich versucht habe, jeder Konfrontation auszuweichen. Ich hab das Telefon einfach lautlos gestellt, um nicht mehr mitzukriegen, ob ich irgendwelche E-Mails von der Uni kriege, ob irgendjemand mich anschreibt oder anruft.

Irgendwann sind meine Eltern einfach vorbeigekommen, sehr überraschend, und standen plötzlich vor der Tür – und ich war noch im Schlafanzug. Ich war total nervös, hab ihnen aufgemacht, saß auf dem Sofa, hab gezittert, hatte die letzten Tage auch nicht mehr so gut gegessen. Dann haben sie sich Sorgen gemacht und mich erst mal mit nach Hause genommen.

Dann habe ich auch wirklich den Schnitt gemacht mit der Uni – alles abgebrochen, alles liegen gelassen und habe angefangen, mir Hilfe zu suchen.

Mittlerweile weißt du besser damit umzugehen. Was hilft dir an schlechten Tagen?

Es variiert, je nachdem wie die Tage sind. Manchmal merke ich, es ist wirklich die Ablenkung, die ich brauche. Also lesen, manchmal trotzdem noch eine Folge von der Serie zu schauen, aber darauf zu achten, dass es dann nicht ewig spät wird. Manchmal schreibe ich – entweder Briefe an verschiedene Leute oder auch Gedichte.

Außerdem versuche ich einen gewissen Zeitplan einzuhalten. Ich geh zum Beispiel wieder zweimal die Woche zum Training und das macht mir wirklich Spaß.

Du wohnst jetzt auch wieder zuhause bei deiner Familie. Wie haben deine Eltern auf die Studienabbrüche reagiert?

Sie haben schon gesagt, wenn es nicht das Richtige ist, soll ich damit aufhören. Trotzdem, gerade meinem Vater ist es wichtig, dass ich irgendwas zu Ende bringe und dass ich möglichst etwas mache, was gute Berufsaussichten hat.

Ich glaube, meine Mutter versucht mir gerade ein bisschen den Raum zu geben und auszutesten, wo sie mit mir reden kann und wo eher nicht. Und, ich mein‘, mein Vater sagt allgemein nicht so viel zu irgendwas.

In der Schule warst du eine Alleskönnerin und fast immer Klassenbeste. Glaubst du, dass es dir durch dieses „Alleskönnen“ schwerer fiel, dich zu entscheiden, was du nach dem Abitur machen willst?

Ja, das war schon ein Problem. Ich hatte nie diesen einen Traum – also, dass man schon als Kind genau weiß, was man mit seinem Leben machen möchte. Oder dieses eine Fach, für das ich mich besonders begeistere oder diesen einen Bereich, in dem ich sehr talentiert bin. Und deswegen weiß ich bis heute nicht so genau, in welche Richtung es gehen soll.

Nach zwei Studiengängen, die nichts für dich waren, studierst du jetzt trotzdem Anglistik. Wie bist du darauf gekommen?

Für eine Zeit lang habe ich eigentlich gesagt, ich will gar nicht an die Uni zurück. Erfahrungsgemäß war es nicht das Richtige für mich. Ich hatte damit jetzt Erinnerungen verbunden, die ich eigentlich gerne vergessen wollte. Dann kam aber halt die Frage auf, was ich jetzt mache.

Ich hatte überlegt, eine Berufsausbildung anzufangen, aber da war die Bewerbungsphase schon rum. Also habe ich mich mit meinen Eltern zusammengesetzt und gesagt, ich schreib mich jetzt erst mal wieder an der Uni ein, um in dem Jahr überhaupt irgendwas zu machen. Nebenbei kann ich immer noch gucken, ob ich Praktika mache oder mich irgendwo bewerbe.

Da war für mich dann aber klar, es muss auf jeden Fall irgendwas sein, was weg von den Naturwissenschaften geht. Und dass ich jetzt wirklich einfach mal nicht danach gehe: Was liegt mir? Was liegt in der Familie? Was hat tolle Jobaussichten? Sondern einfach danach: Was macht mir wirklich Spaß? Und deswegen habe ich mich schließlich für Anglistik entschieden.

Und wie geht es jetzt für dich weiter?

Ich muss jetzt wieder anfangen zu gucken, weil dann irgendwann wieder die Bewerbungsfristen von verschiedenen Sachen losgehen. Aber auch das Anglistik-Studium könnte ich mir vorstellen weiterzuführen. Noch weiß ich nicht genau, wie es dann im Frühjahr weitergeht.

*Der Name der Protagonistin wurde geändert, die Identität ist der Redaktion bekannt.

**Die Protagonistin und Redakteurin stehen in freundschaftlicher Beziehung.