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Alina (graue Judokutte) bei ihrem letzten Wettkampf. | Bild: Daniel Zeidler

Gesundheit&Sport Leistungssport
Leiden vs. Leistung – Bandscheibenvorfall im Judo

Alina (graue Judokutte) bei ihrem letzten Wettkampf. | Bild: Daniel Zeidler

20 May 2021

Medaillen, Pokale und Urkunden stapeln sich in Alinas Regal. Sie erinnern an ihre Zeit im Leistungssport: an große Turniere und viele Jahre hartes Training – bevor sich durch einen Bandscheibenvorfall alles änderte.

Hanna Bekele

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
GesundheitSportKultur

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Es passiert, als Alina 17 ist. Sie beschließt, mit einem Freund Quad zu fahren. Das Schlagloch sehen sie viel zu spät. Als sie hindurchfahren, schießt ein stechender Schmerz durch Alinas Rücken. Es ist das erste Mal, dass Alina Völke von starken Rückenschmerzen gequält wird. Sie sind so heftig, dass die junge Leistungssportlerin ihren nächsten Wettkampf absagen muss. Erst ein halbes Jahr später erhält sie die Diagnose: Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule.

Alina macht Judo, seit sie sechs Jahre alt ist. Schnell entwickelt sie eine große Begeisterung für den Sport. Schon mit sieben nimmt sie an ihrem ersten Turnier teil, ab acht gewinnt sie die meisten Wettkämpfe in ihrer Umgebung. Mit 14 wechselt Alina schließlich an das Sportgymnasium in Jena.
Die Umstellung fällt ihr zunächst schwer. Sie trainiert jetzt sechs- bis siebenmal in der Woche.
„Mein Körper musste sich erst an die Belastung gewöhnen. Ich hatte anfangs sehr viele Verletzungen.“ Trotzdem fühlt Alina sich wohl und hat große Träume. Im Training möchte sie ihre Kamerad*innen besiegen, im Wettkampf Medaillen holen und sich bei der Deutschen Meisterschaft platzieren. Ihre Ziele erreicht sie in den nächsten Jahren. Bei den Bundessichtungsturnieren holt sie insgesamt drei Medaillen, bei der Deutschen Meisterschaft erreicht Alina den siebten Platz. Sie darf außerdem gemeinsam mit der Nachwuchsnationalmannschaft ins Trainingslager fahren und an drei Europacups teilnehmen.

Der Schmerz als ständiger Begleiter

Alina ist fit und gesund. Als die Rückenschmerzen beginnen, macht sie sich wenig Gedanken.
Der Arzt empfiehlt Stabilisationstraining, Judo ist weiterhin erlaubt. Bis zur Diagnose Bandscheibenvorfall vergeht ein halbes Jahr. In dieser Zeit nimmt Alina erneut an der Deutschen Meisterschaft teil und erreicht Platz neun. Der Schmerz ist ihr ständiger Begleiter geworden. Manchmal ist er das Einzige, was sie spürt, manchmal kann sie ihn fast vergessen. Oft muss Alina sich zurücknehmen, hört früher mit dem Training auf oder macht Übungen erst gar nicht mit. Das fällt ihr besonders schwer. „Ich hatte dann oft das Gefühl, die anderen gucken und denken vielleicht, ich hätte einfach nur keine Lust.“

Wegen der anhaltenden Schmerzen veranlasst der Arzt schließlich ein MRT. Alina weiß, dass ein Bandscheibenvorfall auch junge Menschen treffen kann. Ein Judo-Kamerad hat deswegen die Schule verlassen. Trotzdem ist die Diagnose ein großer Schock. Als sie die Praxis verlässt, fängt sie an zu weinen. „Ich dachte mir: Okay, das war es jetzt. Ich wusste nicht, wann oder ob ich überhaupt wieder Judo machen kann.“

Durch ihre Eltern weiß Alina, dass ein Bandscheibenvorfall Arbeit für das ganze Leben bedeutet. Ihr Vater hatte einen, ihre Mutter zwei. Durch ihren Freund hat sie gesehen, was das für den Leistungssport bedeuten kann. Als sie ihrem Trainer und den anderen Sportler*innen davon erzählt, ist sie aber vor allem eins: erleichtert. Endlich muss sie sich nicht mehr schlecht fühlen, nicht alles geben zu können. Jetzt hat sie einen Grund.

Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule von Hanna Bekele Einen Bandscheibenvorfall kann man mit vielen Maßnahmen vorbeugen. | Bild: Hanna Bekele

Alina wird zur Neurochirurgie überwiesen. Der Arzt erklärt ihr, dass sich ein mittelgroßer Bandscheibenvorfall in ihrer Lendenwirbelsäule gebildet hat. Als Grund nennt er eine Fehlbelastung im Sport, nicht den Unfall. Judo ist jetzt auf unbestimmte Zeit nicht mehr erlaubt.

In der Physiotherapie wird sie mit Samthandschuhen angefasst. Alina ist frustriert. Sie hat das Gefühl, nicht weiterzukommen und wechselt die Praxis drei Mal, bis sie bei einer Physiotherapie landet, in der man sie wie eine Leistungssportlerin behandelt. Dort erzielt sie endlich Fortschritte. Alina fühlt sich von Tag zu Tag stärker und hofft, bald wieder mit dem Judo beginnen zu können. Während die anderen auf der Matte trainieren, macht Alina jetzt ihre eigenen Übungen. Sie fühlt sich oft allein und vermisst das Judo und das gemeinsame Training.

Alina erzählt, wie es für sie war, nicht mittrainieren zu können und was sie dagegen getan hat.
*Randori: angewandtes, wettkampforientiertes Techniktraining

Ein halbes Jahr später ist es schließlich so weit: In Absprache mit ihrem Arzt hat Alina entschieden, wieder mit dem Judo anzufangen. Sie bereitet sich intensiv auf die judospezifische Belastung vor und kann schließlich wieder kämpfen. Zwar mit geringer Belastung und leichten Gegnern, doch Alina ist froh, überhaupt wieder trainieren zu können. Schmerzen hat sie weiterhin.

Der Ärzte-Marathon

Alina probiert jetzt verschiedene Therapiemöglichkeiten aus. Sie lässt sich Schmerzmittel in den Rücken spritzen, macht Rückentraining und Physiotherapie. Da die Schmerzen nicht besser werden, holt sie sich weitere ärztliche Meinungen ein. Ein Arzt schlägt eine Operation vor und meint, sie müsse das aber selbst entscheiden. Alina fühlt sich allein gelassen und überfordert.
Ein anderer Arzt hat schließlich einen neuen Ansatz: In einem viertägigen Krankenhausaufenthalt möchte er bestimmen, woher Alinas Beschwerden stammen. Dazu spritzt er Betäubungs- und Schmerzmittel in ihren Rücken und beobachtet, wie sich die Schmerzen verändern. Alina ist hoffnungsvoll, doch die Therapie bleibt erfolglos.

Alina erklärt, was die erfolglose Therapie für sie bedeutet hat.

Nach langem Rückenaufbautraining beginnt Alina wieder an Turnieren teilzunehmen. Sie ist zuversichtlich. Sie hat lange und hart trainiert. Dass die Schmerzen wieder schlimmer werden, befürchtet sie nicht. Trotzdem kommt es im Oktober 2020 anders. Im Bundesligafinale verletzt Alina sich an der Schulter und entscheidet sich schweren Herzens, mit den Wettkämpfen aufzuhören. Jetzt geht es vor allem um den Spaß am Sport. „Mir ist wichtig, dass ich Teil des Teams bleibe. Egal in welcher Form.“

Eine Zukunft ohne Schmerzen

Auch heute noch hat Alina Schmerzen. „Ich kann nicht so lange stehen oder tanzen, wie andere in meinem Alter. Dafür, dass ich erst 20 Jahre alt bin, finde ich das schlimm.“
Für die Zukunft erhofft sie sich vor allem eines: Keine Rückenschmerzen mehr – oder zumindest nur noch in geringem Maße. Für den Sport kann sie sich eine Trainerlaufbahn vorstellen. Außerdem möchte sie sich weiter im Verein einbringen und immer mehr im Hintergrund arbeiten.

Ein Leben ohne Judo kommt für Alina nicht in Frage. „Ich habe so viel in den Sport investiert, das kann ich nicht einfach wegwerfen.“ Auch wenn sie selbst nicht mehr so kämpfen kann wie früher, das Zugucken macht ihr fast genauso viel Spaß.

 

*Die Autorin des Artikels steht in freundschaftlicher Beziehung zu der Protagonistin.