Schweigen ist Verrat. Die Black-Lives-Matter-Bewegung in Amerika. | Bild: Shutterstock

Politik&Aktion Eine schmale Gratwanderung
Wie (un)politisch darf Sport sein?

Schweigen ist Verrat. Die Black-Lives-Matter-Bewegung in Amerika. | Bild: Shutterstock

04 Sep 2020

Nach dem Angriff gegen den Afroamerikaner Jackob Blake boykottierten die Milwaukee Bucks in der National Basketball Association (NBA) das Playoff-Spiel gegen die Orlando Magic. Einmal mehr wird der Sport dadurch zu einem Politikum. Wo führt dieser Weg hin? 

Loris Hoffmann

2
seit Sommersemester 2019
SportGeesellschaft

Zum Autorenprofil

Um trotz der Corona-Pandemie die aktuelle NBA-Saison zu Ende zu spielen, wurde Anfang Juli eine so genannte „NBA Bubble“ in Orlando errichtet. Diese Bubble ist eine Isolationszone, in der alle Spieler und Verantwortlichen der 22 besten Mannschaften aus der NBA einquartiert wurden. In Folge des Todes von George Floyd und der daraus entstandenen Black-Lives-Matter-Bewegung vereinbarten die Teams in Absprache mit der Liga vor dem Einzug in diese Bubble, diese als Protestplattform für die Unterstützung der Black-Lives-Matter-Bewegung zu nutzen.

Auf dem Hallenboden finden sich seitdem keine Sponsoren- oder Teamlogos, sondern ein großer Schriftzug: „Black Lives Matter“. Die Spieler knien bei der Nationalhymne und tragen auf ihren Trikots anstatt dem eigenen Namen kurze politische Botschaften, die auf die Ungleichberechtigung der afroamerikanischen Bevölkerung in Amerika hinweisen. Bereits vor der Fortsetzung der Saison wurden Gegenstimmen gegen die Protestaktionen laut, insbesondere von Seiten der Republikaner, man sollte anstatt der Black-Lives-Matter-Schriftzüge doch viel lieber die amerikanische Flagge zeigen. Insbesondere US-Präsident Donald Trump verhärtete die Fronten mit Aussagen wie: „Ich schaue mir keine Spiele an, bei der die Spieler während der Hymne knien“.

In der NBA wird derzeit deutlich, wie schwierig es ist, Politik und Sport voneinander zu trennen. Die Situation in der bekanntesten Basketballliga der Welt ist ein Spiegelbild der politischen Situation des Landes. Die Protestaktionen erreichten ihren Höhepunkt nach dem Angriff gegen den Afroamerikaner Jackob Blake, dem bei einem Polizeieinsatz sieben Mal in den Rücken geschossen wurde. Daraufhin boykottierten die Milwaukee Bucks das Playoff-Spiel gegen die Orlando Magic. Die NBA unterstütze diese Protestaktionen und der Boykott löste eine Welle der Solidarität aus. Die Frauen-Profiliga WNBA, die Profi-Baseballliga MLB, die Profi-Fußballliga MLS sowie die Tennis US-Open setzen ebenfalls ihre Spiele aus. Lediglich die Profi-Eishockeyliga NHL spielte zunächst weiter. Erst nach massivem medialem Druck wurden auch dort die Spiele für die zwei darauffolgenden Tage abgesagt. Die NHL geriet durch die Nichtteilnahme an dem Protest ins Kreuzfeuer der Medien und wurde als privilegierter Sport der weißen Elite bezeichnet. In kürzester Zeit wurde eine ganze Liga denunziert. Das starke Zeichen der NBA wurde dadurch verwässert, denn jeder Organisation, jedem Verein und jedem Sportler muss die Zeit gegeben werden, ein Bewusstsein für ein Thema zu entwickeln und sich gegebenenfalls gegen einen politischen Boykott zu entscheiden oder sich zu enthalten. Das ist Demokratie.

Eine schmale Gratwanderung 

Einen Tag nach den Protesten diskutierten Vertreter der NBA und der Vereine über einen Saisonabbruch, der von der Mehrheit der Mannschaften allerdings abgelehnt wurde. Dennoch wird deutlich, Sport und Politik lassen sich nur schwer voneinander trennen. Der Einfluss von Sportlern und Vereinen auf die Gesellschaft ist zu groß, die mediale Aufmerksamkeit zu gewaltig. Dennoch wandert die NBA durch die politischen Bekenntnisse auf einem schmalen Grat, denn gerade dann ist es wichtig, die Toleranz gegenüber Andersdenkenden beizubehalten. Die Organisation läuft ansonsten Gefahr sich von der eigenen Sportart zu entfremden.

Diese Entfremdung lässt sich seit Jahren bei vielen Verbänden beobachten. Große Sportveranstaltungen wie die Olympiade oder Fußball-Weltmeisterschaften dienen seit Jahren hauptsächlich der Repräsentation des Gastgeberlandes. Insbesondere die Olympischen Spiele werden häufig für politische Zwecke ausgenutzt. Das zeigt unter anderem die Vergabe der Spiele in den letzten Jahren an Länder wie China, Russland oder Brasilien, bei denen die Machthaber die große Bühne nutzen, um das eigene Ansehen zu verbessern.

Der Missbrauch und die Instrumentalisierung für politische Zwecke haben vor allem bei Olympia eine lange Tradition. 1936 nutzten die Deutschen die Olympischen Spiele, um der Welt ein tolerantes, friedliches und gastgeberfreundliches Deutschland zu präsentieren. Drei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Auch nach dem Krieg blieben die Spiele von politischen Auseinandersetzungen nicht verschont. Während der Zeit des Kalten Krieges waren die USA und die Sowjetunion jeweils nicht bei den Olympischen Spielen des anderen Landes vertreten.

Damals wie heute wird der Sport als Plattform für politische Auseinandersetzungen missbraucht. Der US-Amerikaner Jesse Owens, vierfacher Goldmedaillen Gewinner bei den Olympischen Spielen 1936, sprach sich breits damals gegen die Politisierung des Sports aus: „Ich finde die Vermischung von Sport und Politik lächerlich. Eine Goldmedaille mehr oder weniger entscheidet nicht über den Wert einer Lebensform oder eines politischen Systems."

„Ich finde die Vermischung von Sport und Politik lächerlich. Eine Goldmedaille mehr oder weniger entscheidet nicht über den Wert einer Lebensform oder eines politischen Systems."   – Jesse Owens, viermaliger Goldmedaillen Gewinner

Der soziale Verantwortung gerecht werden  

In den USA wurde diese Debatte mit dem Amtsantritt von Donald Trump im Jahr 2016 befeuert. Im selben Jahr hatte sich der Quarterback Colin Kaepernick in der Profi-Footballliga (NFL) während der Nationalhymne demonstrativ hingekniet, um auf die Unterdrückung der afroamerikanischen Bevölkerung aufmerksam zu machen. In den folgenden Wochen schlossen sich mehrere Spieler dem Protest an. Kaepernick wurde kurze Zeit später entlassen. Im gleichen Jahr entschied die NFL, das Niederknien während der Nationalhymne nicht zu erlauben und zu sanktionieren.  

Trump unterstütze diese Entscheidung und beschimpfte Spieler, die während des Protests auf die Knie gegangen waren als „Hurensöhne“. Diese despektierliche Äußerung führte wiederrum zu heftigen Gegenreaktionen von vielen Spielern aus der NFL und dem Verzicht der New England Patriots auf einen möglichen Besuch im Weißen Haus. Warum ein Staatspräsident einen derartigen medialen Aufstand anzettelt und befeuert bleibt ein Rätsel. Dennoch veranschaulicht das die Problematik, die durch die Instrumentalisierung entsteht. 

Die Schwierigkeit für eine Liga besteht darin, der eigenen sozialen Verantwortung, die durch die Anziehungskraft und das große öffentliche Interesse entsteht, gerecht zu werden. Bei vielen Verbänden und Organisationen mündet diese Verantwortung oftmals in eine politische Instrumentalisierung. Das lässt sich vor allem bei dem Internationalen Olympische Komitee (IOC) oder dem Weltfußballverband (FIFA) erkennen. Beide Verbände sind seit Jahren in unzählige Skandale verwickelt: Organisierte Kriminalität, systematische Einflussnahme über Politiker, Gelegenheitskorruption. Die Liste ist lang. Und sobald Sportler versuchen, sich gegen die Machenschaften aufzulehnen und öffentliche politische Bekenntnisse zu äußern, wird das von den Verbänden rigoros bestraft.

Das zeigt unter anderem die Reaktion des IOC im Januar dieses Jahres auf den Widerspruch des Vereines „Athleten Deutschland“, der bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 (verschoben auf 2021), auf politische Aussagen und Proteste nicht verzichten wollte. Thomas Bach, Präsident des IOC, verwies nach dem Widerspruch auf den IOC-Leitfaden, in dem es heißt: „Beim Abspielen einer Nationalhymne zu knien, Handzeichen oder -bewegungen mit politischer Bedeutung zu machen oder während der Siegerehrung auf dem Podest anderen Medaillengewinnern den Respekt zu verweigern, wird sanktioniert und kann bis zum Ausschluss von den Olympischen Spielen führen.“

Das zeigt, die Sportler müssen sich den Machenschaften der Verbände fügen, ob sie wollen oder nicht. 

„Beim Abspielen einer Nationalhymne zu knien, Handzeichen oder -bewegungen mit politischer Bedeutung zu machen wird sanktioniert und kann bis zum Ausschluss von den Olympischen Spielen führen." – Thomas Bach, IOC Präsident

Sportliga oder Politikum? 

Gerade aus diesem Grund verdient die Gegenbewegung und die politische Positionierung der NBA höchste Anerkennung, doch zugleich ist die Gefahr groß, dass der Sport dabei deformiert wird. Die NBA geht gemeinsam mit den Spielern einen couragierten Weg und versucht sich der Maschinerie Profisport zu entreißen. Das ist ein starkes Zeichen. Damit ist sie vielen Verbänden einen sehr großen Schritt voraus. Dennoch muss für jede Meinung ein Raum geschaffen werden und die NBA sollte sich ihrer eigentlichen Funktion als Sportliga, nicht entziehen.

Denn wenn alle Sportverbände politische Ungereimtheiten in der eigenen Sportart ausfechten, andere Meinungen nicht tolerieren und damit gegen demokratische Grundsätze verstoßen, ist am Ende keinem geholfen. Durch solche gewaltigen Boykotts läuft der Sport Gefahr, ein Austragungsort von politischen Diskussionen zu werden und den eigentlichen Nutzen komplett zu verlieren. In Zukunft braucht es einen Diskurs mit Interessenverbänden von Politik und Sport. Den Sportlern muss die Möglichkeit gegeben werden, ihre Meinung äußern zu können und den eigenen Bekanntheitsgrad dafür zu nutzen. Es braucht klare Regeln, Bestimmungen für Protestaktionen und keine unverhältnismäßigen Sanktionen. Diese Veränderungen müssen umgehend passieren, denn insbesondere in den USA wird die Lage immer angespannter.