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Wintersport
Immer höher, immer weiter?

Die Skipiste umrandet von Felsen und Dreck – ein Wintertraum für Skifahrer sieht anders aus. | Bild: Alisa Rathke

Wintersport Immer höher, immer weiter?

Die Skipiste umrandet von Felsen und Dreck – ein Wintertraum für Skifahrer sieht anders aus. | Bild: Alisa Rathke
 

19 Dec 2020

Skisport vor dem Aus? Der Klimawandel stellt den Wintersport vor Herausforderungen. Schneeknappheit und Gletschersterben zwingen Sportler immer weiter in die Höhe. Ob der Wintersport überhaupt noch eine Zukunft hat, erzählt Ski-Profi Sebastian Holzmann.

Alisa Rathke

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020
CRSport und Gesundheit

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Unser Klima verändert sich aktuell weltweit und schränkt den Wintersport ein. Der Schneemangel beeinflusst vor allem die Alpinen. Während der Trainingsphase sind die Sportler*innen gezwungen, in Länder zu fahren, die gute Schneebedingungen garantieren können. In den nächsten zehn bis 15 Jahren kann das schon deutlich schwieriger werden, erzählt Ski-Profi Sebastian Holzmann. Bereits 2014 gab der 27-Jährige sein Weltcupdebüt, wodurch er über Jahre hinweg Veränderungen wahrnahm.

„Auf den Gletschern fällt es extrem auf, gerade in den letzten drei, vier Jahren!“ – Sebastian Holzmann

Am Stilfser Joch (Italien) gebe es immer häufiger größere Gletscherspalten, die nicht mehr zugeschneit werden. Folglich können ganze Abschnitte nicht mehr als Trainingsgebiet genutzt werden. Jahre zuvor sei noch alles weiß gewesen, so der Allgäuer. Besonders auffällig findet der Ski-Profi den Schneerückgang in Saas-Fee (Schweiz). „Du musst mittlerweile auf Stein oder Kies vorlaufen bis zum Schnee.“

Doch nicht nur den Skisportler*innen sollten die Veränderungen aufgefallen sein. Gerade in den letzten Jahren sind die Auswirkungen für jede*n Einzelne*n ersichtlich. Die Schneemengen nehmen ab und Gletscher gehen zurück. Weltweit gibt es circa 200.000 Stück. Die Eisriesen bilden sich, wenn über das ganze Jahr mehr Schnee fällt als abschmilzt. Das war die vergangenen Jahre nicht gewährleistet, weshalb es zum Gletscherschmelzen kommt.

„Die Eisdicke der Gletscher nimmt jedes Jahr zwischen einem halben und ganzen Meter ab. Das ist zwei- bis dreimal mehr als im 20. Jahrhundert.“ – Michael Zemp, Direktor des World Glacier Monitoring Service, zum Bayerischen Rundfunk

Besonders betroffen von den irreversiblen Eisverlusten sind die Alpen. Nach Berechnungen der Gletscherforscher*innen halbiert sich dort die Anzahl der rund 5.000 Gletscher in den nächsten Jahren. In Deutschland gibt es nur fünf, doch auch hier ist die Zukunft nicht besonders vielversprechend. Während der vergangenen 200 Jahre sind drei Viertel der Gletschermassen verschwunden. Der höchste in Deutschland, der Schneeferner, wird aufgrund des Rückgangs mittlerweile in den nördlichen und südlichen unterschieden. Hoffnung besteht einzig noch für den Höllentalferner. Da er nordöstlich liegend besser vor der Sonneneinstrahlung geschützt ist, wird er wohl der einzige deutsche Gletscher sein, der in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts noch existiert.
Die bisherige Tendenz setzt sich weiter fort und die Zahlen, die den Rückgang deutlich machen, sind erschreckend.

Grafik: Alisa Rathke

Aufgrund des Schneemangels kam es im Profisport bisher mehrfach vor, dass Wettkämpfe verschoben wurden. Absagen sind aber bisher nur Ausnahmen. Viele Wettkämpfe und Trainingslager werden durch Schneekanonen oder Schneedepots gesichert. Wie auch der erste Weltcup dieser Saison. Normalerweise fahren die Sportler*innen um diese Zeit schon auf Naturschnee, die Piste war dagegen zu 100 Prozent aus Kunstschnee präpariert. Doch vor allem Schneedepots stehen aufgrund der schlechten Schneequalität in der Kritik. Holzmann kann das bestätigen. Das Skigefühl sei schlechter und der Schnee unterschiedlich im Schwungverlauf. Mal ist er eisig, mal bricht er. Alternativen gibt es bisher kaum. Skihallen sind ein Teil der Vorbereitung, kämen aber als dauerhafte Wettkampfstätte nicht infrage. Für Skifahrer*innen aufgrund der Schneeverhältnisse, die Umwelt würde durch den extrem hohen CO2-Ausstoß allerdings noch mehr leiden. Laut Holzmann liege die Aufgabe hier aber klar beim internationalen Skiverband (FIS). Der Winter werde sich womöglich verkürzen oder nach hinten verschieben. Die FIS muss dementsprechend den Wettkampfkalender anpassen.

Trotz der aktuellen Entwicklungen ist das Skifahren weit davon entfernt, nicht mehr machbar zu sein. „Der Klimawandel entwickelt sich langsam, wir sprechen hier von einigen Jahrzehnten“, betont Klimaforscher Mojib Latif. Dennoch ist der Gletscherschwund nicht mehr aufzuhalten. Auch wenn noch bis in einigen Jahrzehnten mit künstlichem Schnee gearbeitet werden kann, wird es über die Jahre immer schwieriger, Pisten zu gewährleisten. Und wenn, dann immer weiter oben, immer weiter von der Heimat entfernt.

Keine Spur von einer verschneiten Winterlandschaft. Bereits 2016 fallen in Saas-Fee (Schweiz) die grünen Flächen rund um die Pisten auf. | Bild: Sebastian Holzmann
2020: Vier Jahre später stechen die Felsen und unbeschneiten Flächen in Saas-Fee (Schweiz) noch mehr hervor. | Bild: Sebastian Holzmann
2011 reichte der Schweikert Ferner-Gletscher in Österreich noch fast bis zum See. | Bild: Vergleichsbilder Schweikert Ferner 2011-2014-2016-2018, Ötztaler Alpen © Markus Strudl, ÖAV-Gletschermessdienst
2014 stechen die Felsen etwas mehr hervor, auch in der Länge ist er geschrumpft. | Bild: Vergleichsbilder Schweikert Ferner 2011-2014-2016-2018, Ötztaler Alpen © Markus Strudl, ÖAV-Gletschermessdienst
2016 ist besonders erschreckend – der Gletscher verlor deutlich an Länge und Schneemasse. | Bild: Vergleichsbilder Schweikert Ferner 2011-2014-2016-2018, Ötztaler Alpen © Markus Strudl, ÖAV-Gletschermessdienst
Von 2011 bis 2018 hat sich der Schweikert Ferner mehr als halbiert. Allein im Winter 2017/18 verlor er knapp 16 Meter. | Bild: Vergleichsbilder Schweikert Ferner 2011-2014-2016-2018, Ötztaler Alpen © Markus Strudl, ÖAV-Gletschermessdienst

Höre dir das komplette Interview mit Ski-Profi Sebastian Holzmann an: