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Kultur&Gesellschaft

Bollywood
„Für mich bin ich ein Superstar“

Beim Schauspielen vergisst Saurabh sich selbst und schlüpft in verschiedene Rollen. | Bild: Saurabh Agarwal

Bollywood „Für mich bin ich ein Superstar“

Beim Schauspielen vergisst Saurabh sich selbst und schlüpft in verschiedene Rollen. | Bild: Saurabh Agarwal
 

19 Dec 2020

Ein Junge aus einer konservativen Familie in Indien hat den Traum, Schauspieler zu werden. Heute ist mein Großcousin Saurabh nicht nur Schauspieler und Synchronsprecher, er hat auch eine spannende Reise hinter sich gelegt.

Paula Agarwalla

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020

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Wie hat deine Familie auf deinen Wunsch reagiert, Schauspieler zu werden?

Weißt du, wir gehören zu einer Business-Familie. Jeder ist Geschäftsmann, ohne Ausnahme. Ich wusste also immer, wenn ich das Eis breche und erzähle, dass ich Schauspieler werden will, wird ein Tumult ausbrechen. Also habe ich es ihnen nicht erzählt. 

Wie haben sie dann doch noch davon erfahren?

Meine Eltern haben immer gesagt, ich muss die Schule abschließen, bevor ich irgendetwas anderes mache. Mit 18 habe ich aber schon gearbeitet, um Geld zu verdienen. Als ich dann meinen Abschluss hatte, habe ich direkt mein Zugticket gebucht. Die Filmindustrie gehört zu Mumbai. Mein Heimatort Allahabad ist fast 1.500 Kilometer von Mumbai entfernt. Eines schönen Tages, eine Woche vor meiner Abreise, habe ich zu Hause das Eis gebrochen. Meine Eltern haben meinen Wunsch nicht verstanden und waren böse. Ich habe erklärt, dass ich mein Glück versuchen werde. Ich wollte es ihnen beweisen und habe versprochen, wenn ich merke, dass ich es nicht überlebe, komme ich zurück.

Wie kam es dazu, dass du trotz der fehlenden Unterstützung Schauspieler werden wolltest?

Ich habe mich immer gefragt: „Was ist einzigartig an mir?“ Schon als Kind haben die Emotionen des menschlichen Wesens mich interessiert. Ich war immer sehr mitfühlend. Das unterschied mich von den anderen. Wenn ich meinen Cousins erzählt habe, wie ich mich fühle, haben sie nur gelacht. Als ich dann älter geworden bin, habe ich realisiert, dass meine Emotionalität ein Teil des Schauspiels ist. Ich dachte immer, das ist ein einzigartiges Talent, das Gott mir gegeben hat, und ich sollte es weiterverfolgen. Mit 18 war ich mir dann verdammt sicher: Ich werde Schauspieler.

Hier werden gerade Szenen für eine Serie abgedreht. | Bild: Paula Agarwalla
Filmset in Mumbai: Viele Farben, Musik und Tanz sind typisch für die indische Filmindustrie. | Bild: Paula Agarwalla
Film City in Mumbai – eine nachgestellte Stadt für den Dreh von Filmen und Serien. | Bild: Paula Agarwalla

So jung, alleine und ohne große Unterstützung. Wo hast du dort gewohnt?

Mumbai ist ein riesiger Ort – jeder kommt hierher, um seine Träume zu verwirklichen. Mein Cousin hat dort gewohnt. Als ich angekommen bin, habe ich also erstmal für eine Woche bei ihm geschlafen. Ich habe aber erzählt, dass ich Ferien mache und nach einer Woche wieder nach Hause gehe. Sie hätten mich ausgelacht, wenn sie den wahren Grund erfahren hätten. Sie sind Geschäftsleute. Für sie ist der Wunsch, ein Schauspieler zu werden, wie ein Witz. Deswegen habe ich es ihnen nie erzählt. Später konnte ich mit einem Freund zusammenziehen.

Hast du dort eine Ausbildung gemacht?

An einer Schauspielschule gab es einen bekannten Lehrer. Ihn hatte ich kontaktiert. Doch als ich angekommen bin, stellte sich heraus, er hat keinen freien Platz und kann mich nicht einfach so aufnehmen. Eine Sache war ganz klar: Wenn ich jetzt zurückgehe, werde ich nicht wiederkommen können. Ich habe gesagt, dass ich jede Rolle spielen würde und nur wegen ihm gekommen sei. Er hat mich dann aufgenommen, weil er sah, wie sehr ich es wollte. Für ein Jahr war ich in dem Kurs. Er hat mich unterrichtet und war auch sehr zufrieden mit mir. Viele andere Bollywood-Berühmtheiten wurden bei ihm ausgebildet. Hiermit wurde also schon ein großer Teil meines Traumes erfüllt.

Am Anfang hattest du dann kleinere Rollen in TV-Serien. Und danach bist du zum Theater?

Ja. Mit dem Theater habe ich angefangen, um mich als Schauspieler weiterzuentwickeln und Fortschritte zu machen. Ich bin dann für fast vier Jahre mit meiner Theatergruppe aufgetreten. Mein Regisseur und der Produzent waren außerdem Synchronsprecher. Aufgrund meiner interessanten Stimme haben sie mich dann gefragt, ob ich das Synchronsprechen ausprobieren möchte. Darüber war ich sehr dankbar. Also haben sie mir diesen Teil der Filmindustrie gezeigt und ich habe meine Synchronsprecher-Karriere gestartet. Das hat mir auch finanziell sehr geholfen. Vor allem am Anfang hatte ich nicht viel Geld. Ich musste also auch andere Jobs nebenbei machen, die ich dann kündigen konnte.

Bist du aktuell an Dreharbeiten beteiligt?

Als Letztes haben wir für eine Serie gedreht, in der ich ein Polizist war. Im Moment laufen die Nachproduktionen – also Musik und Schnitt. Das Projekt ist jetzt vorbei und ich schaue mich nach neuen Angeboten um.

Die indische Filmindustie – Fakten und Zahlen. | Bild: Paula Agarwalla

Kannst du denn trotz der Pandemie zu Vorsprechen gehen?

Die Situation in Indien hat sich schon gebessert. Die Leute holen uns jetzt nicht mehr in ihr Büro, wir können von zu Hause aus vorsprechen. Das ist einfacher.

Was war bisher dein größter persönlicher Erfolg?

Wenn du mich so fragst: Ich bin ein Superstar! Und ich sage dir auch, warum: Ich habe so viel erreicht und gelernt. Ich habe sehr viel über die Persönlichkeit und über das menschliche Wesen gelernt. Ich verstehe Spiritualität, die Bedürfnisse der Menschen und Meditation. Ich habe jeden Teil der Persönlichkeit erkundet. Auch meine Familie steht jetzt hinter mir. Deswegen kann ich sagen, ich habe erreicht, was ich immer wollte. Jede Person hat einen anderen Lebensweg. Vielleicht bin ich nicht wirklich ein Superstar, aber ich bin mein eigener Superstar geworden.