Extremsport 5 Minuten

Das Extreme beginnt im Kopf

Freeski-Nachwuchs-Athlet macht in der Luft einen Stunt
Der Freeski-Nachwuchs in der Luft: Mut, Konzentration und Kontrolle entscheiden über Erfolg oder Sturz. | Quelle: Lukas Berro
11. Febr. 2026

Grenzen sind nur der Anfang: Wie Extremsportler*innen wie Thomas Dold, Tobias Hürter und junge Freeski-Talente Körper, Geist und Mut bis ans Limit treiben – und was wir daraus lernen können. Ein Dossier.

Hinweis

Dieser Text ist Teil des Dossiers zum Thema Extremsport.

Dazu gehört auch:

  • der Artikel „Der Kick nach Extremem“, der sich mit den psychologischen Hintergründen des Extremsports beschäftigt

Stell dir vor, ein Mann rennt mit 18 km/h eine Straße entlang – rückwärts. Er sieht nicht, was vor ihm liegt. In seinem Fall bedeutet das: hinter ihm. Er vertraut nur auf seinen Körper und seinen Kopf. Dieser Mann ist Thomas Dold, mehrfacher Weltrekordhalter im Rückwärtslauf und unangefochtener König der Treppenhäuser. Sieben Mal gewann er den Empire State Building Run-Up – das bekannteste Treppenrennen der Welt. 

Für Außenstehende wirkt das „abnormal“, fast absurd. Für Dold war es jahrelang einfach Alltag, Routine und Herausforderung zugleich. Sein Antrieb? Die Neugier, die Grenzen des eigenen Körpers ausloten, und ein starker Leistungswille. Seine Motivation widerspricht bewusst dem olympischen Gedanken des bloßen Dabeiseins. Für ihn zählt der Sieg. Warum? „Weil man dann niemandem erklären muss, warum man Zweiter ist.“ 

Siebenmal in Folge unschlagbar: Thomas Dold dominiert von 2006 bis 2012 den Empire State Building Run-Up.
Quelle: Thomas Dold

In diesem Moment, wenn die Lunge rasselt und die Oberschenkel wie Feuer brennen, schrumpft die Welt auf das Wesentliche: jeder Schritt, jeder Atemzug, jede Bewegung. Diesen Zustand nennt man Flow. Dold beschreibt es so: „Nach ein paar Stockwerken vergisst du einfach alles andere, weil alle Systeme einfach runterfahren.“ Dieses Gefühl lasse sich laut Dold kaum in Worte fassen – es sei, als wolle man einem Blinden eine rote Erdbeere beschreiben. „Du musst es einfach erleben.“ In diesem Tunnel wird der Geist zum entscheidenden „Lenkrad“, das den „krassen Motor“ des Körpers präzise steuert. 

Während Dold Stockwerk für Stockwerk an seine Grenzen geht, stellt sich Tobias Hürter diesen Grenzen auf endlosen Trails durch Berge und Täler. Er läuft Ultra-Trails – 100 Meilen (rund 161 Kilometer) an einem einzigen Tag. Für ihn gehört das zu seinem sportlichen Alltag, auch wenn jede Meile die eigenen Grenzen spürbar macht.

Hürter beschreibt das lange Laufen als Reise zur Selbsterkenntnis. Zu Beginn fühlt man sich stark, souverän, beinahe unbesiegbar. Die Hightech-Ausrüstung und die Vorstellung, jede Steigung mühelos zu nehmen, verstärken dieses Gefühl. Doch irgendwann tritt die Erschöpfung ein: „Wenn man 100 Meilen läuft, dann wird es einem sehr wahrscheinlich mal nicht so gut gehen“, sagt Hürter.

Mann steht auf einer Bergspitze
Tobias Hürter auf dem Gipfel: Ein Moment nach vielen Meilen und Höhenmetern | Quelle: Tobias Hürter
Mann läuft einen Berg hinauf. Im Hintergrund sieht man Wasser und Felsen.
Schritt für Schritt bergauf – Tobias Hürter testet Grenzen | Quelle: Tobias Hürter
Mann läuft über roten Teppich auf der Ziellinie
Begleitet vom Jubel der Zuschauer läuft Tobias Hürter über den roten Teppich. | Quelle: Tobias Hürter

Er vergleicht den Prozess mit dem Schälen einer Zwiebel: Die äußeren Schichten – Illusionen von Stärke, Kontrolle und Überlegenheit – lösen sich nach und nach. Übrig bleibt der Mensch in unverstellter Wirklichkeit, müde, zweifelnd, verletzlich und mit begrenzten Kräften. „Die Schalen fallen ab, bis man sich sozusagen nackt selbst gegenübersteht“, beschreibt Hürter diesen Moment. 

Ein prägendes Beispiel in Hürters Laufkarriere war der Berliner Mauerweglauf 2024, ein 100-Meilen-Rennen entlang des ehemaligen Grenzstreifens. Anfangs lief alles nach Plan: Die Kilometer vergingen fast wie von selbst. Bis zur 100-Kilometer-Marke fühlt er sich, wie er sagt, „hervorragend“. Dann kippt das rennen. Ab Kilometer 120 wird jeder Schritt zur Qual. Verzweifelt greift er zum Telefon und ruft seine Frau an. „Ich kann nicht mehr. Es geht nichts mehr. Ich muss aufhören.“ 

Die Wende kam in dem Moment, in dem Hürter seine Erwartungen losließ. Als er akzeptierte, dass seine Traumzeit außer Reichweite war, fiel der Druck von ihm ab. In diesem Moment kehrte er in sich zurück und erkannte: „Was ich immer noch kann, ist, den nächsten Schritt zu machen.“ Dieser Fokus auf das Wesentliche – einen Fuß vor den anderen zu setzen – führte ihn schließlich glücklich ins Ziel.

„Was ich immer noch kann, ist, den nächsten Schritt zu machen.“

Tobias Hürter, Ultra-Trail-Läufer

Schon in jungen Jahren zeigt sich bei den Freeski-Talenten des Deutschen Skiverbandes die Verbindung von körperlicher Ausdauer und mentaler Stärke. Wir haben das Nachwuchsteam bei einem Trainingslager begleitet. Für die Jugendlichen ist der Sport mehr als ein Hobby – er ist ein ganzer „Lifestyle“. Sie trainieren hart, gehen Risiken ein und investieren viel Zeit, Energie und Geld in ihre Leidenschaft. Nun bereiten sie sich auf den nächsten Schritt vor: den Europacup.

Während Extremsportler*innen wie Dold, Hürter und der Freeski-Nachwuchs vor allem ihre körperlichen und mentalen Leistungsgrenzen im kontrollierbaren Rahmen austesten, verschiebt der Risikosport das Spiel auf ein anderes Level. Arno Müller, Professor für Sportphilosophie, versteht unter Risikosport jene Disziplinen, bei denen die Lebensgefahr kein Nebeneffekt ist, sondern jede Bewegung mitprägt. „Im Risikosport geht es nicht nur darum, die eigene Leistungsgrenze zu spüren, sondern aktiv mit Unsicherheiten und Risiko umzugehen“, erklärt Müller. Während Extremsport in erster Linie Muskeln, Ausdauer und mentale Belastbarkeit fordert, kann im Risikosport bereits ein einziger Fehler tödliche Folgen haben. Müller betont jedoch, dass es dabei nicht um Leichtsinn oder Suizid gehe, sondern um hochpräzises, kompetentes Lernen.

Warum suchen Menschen dennoch bewusst diese Nähe zum Abgrund? Müller sieht darin eine Reaktion auf eine stark abgesicherte und routinierte Gesellschaft. Wer eine lebensgefährliche Situation übersteht, erlebt sein Dasein oft intensiver, fast wie einen Neuanfang. Gleichzeitig rückt die eigene Vergänglichkeit stärker ins Bewusstsein. Müller beschreibt Risikosport daher auch als „säkulares Memento Mori“, also eine weltliche Erinnerung daran, die begrenzte Lebenszeit bewusster zu nutzen.

Mit zunehmender Erfahrung verändert sich außerdem das Gefühl dafür, was „normal“ ist. Was Außenstehende als „crazy“ wahrnehmen, ist für viele Risikosportler*innen das Ergebnis jahrelangen Trainings und sorgfältiger Vorbereitung. Die Gefahren werden nicht verdrängt, sondern durch Können und Erfahrung realistisch eingeschätzt und möglichst kontrolliert.

Auch psychologische Faktoren spielen dabei eine Rolle. Oliver Stoll, Professor für Sportpsychologie, erklärt, dass manche Menschen ein höheres Aktivierungsniveau benötigen, um Spannung oder Erregung zu empfinden. Dieses sogenannte Sensation-Seeking ist zu einem großen Teil genetisch geprägt. Menschen mit dieser Veranlagung suchen bewusst Herausforderungen jenseits ihrer Komfortzone. Dabei geht es Extremsportlerinnen jedoch nicht um Kontrollverlust: „Extremsportlerinnen versuchen so lange wie möglich Kontrolle auszuüben, auch wenn sie sich an der Grenze bewegen“, betont Stoll.

Genau deshalb empfinden viele Extremsportler*innen ihr Tun nicht als außergewöhnlich, sondern als kontrollierten Umgang mit Herausforderung und Risiko. Besonders im Eisklettern wird das deutlich: Wer den Pickel ins Eis schlägt oder den nächsten Schritt setzt, muss sich auf das eigene Können und die gesammelte Erfahrung verlassen.

Grenzerfahrung fürs Leben

Der Kern des Extremsports liegt nicht allein in körperlicher Ausdauer, sondern in der bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Grenze – manchmal bis zum körperlichen Zusammenbruch. Thomas Dold betont, dass für Weltrekorde ein gewisser „Großmut“ und der unbedingte Wille zum Sieg essenziell sind. Tobias Hürter hingegen beschreibt den Sport als Reise zur Selbsterkenntnis, mit fallenden Zwiebelschalen und einer neuen Wahrnehmung des Selbst. 

In diesen Momenten entscheidet nicht allein der Körper, sondern der Umgang mit Erschöpfung, Zweifel und Erwartungsdruck. Wer lernt, im Grenzbereich ruhig zu bleiben, sich zu fokussieren und Schritt für Schritt weiterzugehen, entwickelt mentale Stärke – eine Haltung, die weit über den Sport hinaus trägt. Extremsport lehrt Grenzen zu verschieben, durchzuhalten und Herausforderung mit Klarheit und Gelassenheit anzugehen. Fähigkeiten, die über extreme Situationen hinausgehen.