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Ballett
Spagat zwischen zwei Welten

Neben der professionellen Tanzausbildung an der John Cranko Schule in Stuttgart, hat Carlos noch eine zweite Leidenschaft | Bild: Mia Müller

Ballett Spagat zwischen zwei Welten

Neben der professionellen Tanzausbildung an der John Cranko Schule in Stuttgart, hat Carlos noch eine zweite Leidenschaft | Bild: Mia Müller
 

16 Jan 2023

Vom kleinen Tanzsaal auf die großen Bühnen der Welt. Das ist der Traum angehender Profitänzer*innen. Mehr als den Weg in den Ballettsaal kennen viele nicht. Damit gibt sich jedoch nicht jeder zufrieden. Ein Blick hinter die Kulissen.

Mia Müller

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2022
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Donnerstag, zehn Uhr morgens in der John Cranko Schule in Stuttgart. Zwölf einheitlich gekleidete Tänzer bewegen sich anmutig durch den hell erleuchteten Ballettsaal der renommierten Tanzschule. Akribisch beobachtet jedes Augenpaar die eigenen Bewegungen durch eine riesige Wand aus Spiegeln. Jede Übung tanzen die ausschließlich männlichen Tänzer synchron durch den Raum. Jeder Schritt wird vom Lehrer unter die Lupe genommen. Unter den Balletttänzern befindet sich auch der neunzehnjährige Carlos Strasser. Doch im Gegenteil zu den meisten, hat er nicht den klassischen Traum vom Ballett.

Seit acht Jahren tanzt Carlos an der John Cranko Schule in Stuttgart und macht dort seine Ausbildung zum professionellen Balletttänzer. Dass das Ballett so einen großen Platz in seinem Leben einnimmt, war ihm nicht immer klar. Als Kind spielte er begeistert Fußball im Verein seines Heimatdorfes. Über seinen Bruder kam er dann zum Musical. Dort spielte er unter anderem den kleinen Tarzan. Nachdem er seinen Bruder schließlich zu einer Tanzstunde begleitete, lernte er das Ballett kennen und lieben. Doch der Weg war nicht immer einfach.

„Ich bin einer der Wenigen hier, der das Abitur gemacht hat.“ – Carlos, Tänzer an der John Cranko Schule

Bereits in der Schule wurde für seine Leidenschaft wenig Verständnis entgegengebracht: „Die haben nicht so wirklich verstanden, was ich da mache“. Trotz hoher Verletzungsgefahr musste Carlos am Sportunterricht teilnehmen und auch für Kostümanproben konnte er sich nur schwer entschuldigen lassen. „Das war meine stressigste Zeit“. Bis vor einigen Monaten saß er teilweise noch bis mittags im Klassenzimmer und danach bis 20 Uhr im Ballettsaal. Zeit für seine Freund*innen und die Familie blieb da wenig übrig. Nach dem Schulwechsel an eine Partnerschule der Ballettakademie, fühlte sich Carlos besser aufgehoben. Trotzdem ist der Zeitaufwand für das Abitur neben der Tanzausbildung für Viele zu groß. Angehenden Profitänzer*innen machen häufig einen Hauptschul- oder Realschulabschluss. „Ich bin einer der Wenigen hier, der Abitur gemacht hat“, sagt er. Für Carlos ist der Gymnasialabschluss eine Absicherung, die Gold wert ist. „Ich fühle mich jetzt auch viel befreiter und muss mir um nichts Sorgen machen“. Das ist ihm auch anzusehen. Nach jeder Übung entspannen sich die Tänzer für einen Moment und auch der ein oder andere Scherz wird gemacht. Carlos lacht. Zwischen all der Ernsthaftigkeit scheint er den Spaß am Tanzen nicht zu verlieren.

Auf zwei Bühnen zu Hause

Das Ballett ist jedoch nicht die einzige Leidenschaft des 19-Jährigen. Neben der Tanzausbildung beschäftigt sich der Balletttänzer auch mit der Musik. Wer auf Spotify nach dem Namen „Carlos“ sucht, findet Songs, wie „Blume im Haar“ und „Halbblutprinz“. Die Begeisterung hatte er schon in jungen Jahren: Von klein auf spielt er Klavier, tritt im Musical auf und arbeitet jetzt sogar an einem Projekt aus Tanz und Musik an der Ballettschule. Auf dem Weg zur Probe erzählt er, dass er sich nach dem Unterricht oft an den Flügel im Proberaum setzt. „Ich lasse da nochmal auch auf eine andere Art und Weise Emotionen raus und verarbeite, was am Tag geschehen ist“. Auch wenn das Ballett viel Zeit einnimmt, will er die Musik nicht vernachlässigen. „Ich möchte nicht in meiner Ballettwelt gefangen sein“.  Ob im Zug oder in den Ferien, wann immer er Zeit findet, arbeitet er an seinen Stücken. 

„Ich möchte nicht in meiner Ballettwelt gefangen sein.“ – Carlos Strasser

Dass Carlos nicht nur tänzerisch begabt ist, hat auch sein Direktor erkannt und ihm die Verantwortung für ein eigenes Projekt übergeben. Sowohl die Musik, also auch die Choreografie überlegt er sich gemeinsam mit den, am Projekt beteiligten Tänzer*innen. Es entsteht ein Werk, indem die Grenzen zwischen Musik und Tanz verschwimmen. „Hier ist nicht ein Pianist und wir tanzen einfach irgendwie zu der Musik. Wir verschmelzen mit der Musik und werden eins“. Untypisch für das Ballett ist, dass Carlos in einem Moment des Ballettstückes als Pianist am Klavier sitzt und im anderen Moment, Teil der Ballettgruppe wird und tanzt. 

In seinem eigenen Projekt kann Carlos sein musikalisches Talent einbringen. | Bild: Mia Müller
Sein tänzerisches Können kommt dabei nicht zu kurz | Bild: Mia Müller

Auch wenn der Tanz schon immer von der Musik lebt, wird die gegenseitige Ergänzung hier auf eine ganz neue Art und Weise dargestellt. Carlos zeigt mit seiner Performance, dass Balletttänzer*innen mehr als nur eine Leidenschaft haben können. In Zukunft könnten Fusionsprojekte, wie dieses auch häufiger auf die Bühnen kommen. Mit einem Leuchten in den Augen geht Carlos nach der Probe aus dem Saal. „In der Kunst ist man offen für Alles“, da ist sich Carlos sicher. Ob mit der Musik oder dem Ballett, die Bühne möchte er auf keinen Fall verlassen.