Martí Fernández Paixá und seine Tanzpartnerin Rocio Aleman bei einer "Dornröschen" Vorstellung | Bild: Julia Weiland

Reportagen Ballett
"Für mich gab es nie einen Plan B!"

Martí Fernández Paixá und seine Tanzpartnerin Rocio Aleman bei einer "Dornröschen" Vorstellung | Bild: Julia Weiland

01 Apr 2020

Die Sonnenstrahlen scheinen durch die großen Fenster in den Ballettsaal hinein und bringen Martís Augen zum Funkeln. Elegant und diszipliniert bewegt er sich zwischen den anderen Tänzern an der Ballettstange. Eine magische Stimmung liegt in der Luft. In der Ecke des Saals spielt der Pianist Tschaikowskis 1. Klavierkonzert, während man das leise Klackern der Spitzenschuhe auf dem Boden hört. Martí wirkt konzentriert und gleichzeitig voller Energie. Ein Lächeln umspielt seine Lippen. Keine Spur von dem Leistungsdruck, den man normalerweise aus dem Ballett kennt.

Doch in der Vergangenheit hatte Martí es nicht immer einfach.

Martí (25) fängt mit vier Jahren mit dem Ballett an und wächst in Montbrió del Camp, einem kleinen Dorf in Katalonien, Spanien, auf. Durch seinen Ehrgeiz und sein Talent getrieben zieht er Dank eines Stipendiums mit 16 Jahren nach Stuttgart und besucht dort die John Cranko Schule. 2014 macht er seinen Abschluss. Schon drei Jahre später tanzt Martí als Solist beim Stuttgarter Ballett.

Heute lebt er das Leben, für das er jahrelang alles gegeben hat. Doch das hat einen hohen Preis: Verletzende Kommentare und viele Menschen, die ihn davon abbringen wollten, das zu tun, wofür sein Herz schlägt: „Ich habe viele E-Mails und Briefe bekommen, dass ich ein Mädchen, schwul und all diese Dinge sei“, erinnert sich Martí. Solche Aussagen gingen dem damals jungen Balletttänzer nahe: „Natürlich haben mir solche Kommentare etwas ausgemacht, aber ich habe immer versucht, sie mir nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen.“ Er fährt sich mit der Hand durch seine braunen Haare und lächelt.

Geschmeidig steht Martí vom Boden auf und gesellt sich zu den anderen. Er bindet sich ein schwarzes Bandana um und nimmt seinen Platz an der Ballettstange ein. Mit seinem Jogginganzug und dem lässigen Grinsen im Gesicht erinnert er in kein bisschen an einen spießigen Balletttänzer. Unter den anderen scheint er beliebt zu sein, bringt sie zum Lachen, lockert die Stimmung auf, ohne dabei die Konzentration zu verlieren. Dass der sympathische Spanier früher einmal gehänselt wurde, scheint heute unvorstellbar.

Während den Proben herrscht volle Konzentration | Bild: Julia Weiland

Vor allem junge männliche Balletttänzer sind häufig Opfer von Mobbing. In der Gesellschaft ist bis heute der Ruf verbreitet, Ballett sei nur etwas für Kinder und Frauen. Dass dieses Klischee jedoch völliger Unsinn ist, wird im harten Training schnell klar. Ein Ballett ohne Männer gibt es nicht. „Wer soll die Frauen denn hochheben?“, fragt Martí. Zudem gilt Ballett entgegen dieser veralteten Ansicht heute als Leistungssport.

Schon sehr früh wusste er, was er will. Mit zehn Jahren wollte Martí einen Ballett- Sommerkurs in London belegen. Zu diesem Zeitpunkt sei das Mobbing durch seine Mitschüler besonders schlimm gewesen. In der Schule musste er sich neben verletzenden Aussagen seiner Mitschüler sogar oft von Lehrern anhören, er solle das Ballett doch einfach an den Nagel hängen. Warum könne er nicht wie ein gewöhnlicher Jugendlicher zur Schule gehen? Martí versuchte, sich all die negativen Kommentare nicht zu Herzen zu nehmen. Das war nicht immer einfach. 

„Ich erinnere mich, als ich mit meiner Mama im Auto saß”, schwelgt er in Erinnerungen, „und sie fragte mich `Wieso hörst du nicht für eine Weile mit dem Ballett auf? Dann siehst du, ob du es magst oder nicht.´ Ich musste nicht einmal eine Sekunde lang darüber nachdenken und sagte zu ihr:

"Ich kann mir ein Leben ohne Ballett nicht vorstellen." – Martí Fernández Paixá

Dumme Sprüche, die ihn früher verletzt haben, lassen den Tänzer mittlerweile kalt. Was er auf solche Kommentare heute entgegnen würde? „Na und? Ich tue das, was mich glücklich macht. Ich würde es niemals zulassen, dass mich diese Sprüche fertigmachen!” Sein fokussierter Blick verrät, dass er in all den Jahren an Stärke und Kraft gewonnen hat. 

Auch wenn die Bewegungen leicht und mühelos aussehen - in den Proben wird schnell klar, dass Ballett ein Leistungssport ist, der es in sich hat | Bild: Julia Weiland

„Noch einmal bitte“, schallt die Stimme des Ballettmeisters durch den Ballettsaal. Energisch macht er die nächste Übung vor. Er ist freundlich, aber bestimmt. Nach und nach schälen sich die dick eingemummelten Gestalten aus ihren flauschigen Hosen und den Daunenjacken. Die Wärmeschuhe, die die meisten zu Beginn des Trainings tragen und die ein wenig an Yeti Boots erinnern, werden ausgezogen. Unter ihnen kommen die Spitzenschuhe zum Vorschein. Grazil bewegen sich die Tänzer durch den Saal. Die anstrengenden, aber so leicht erscheinenden Bewegungen scheinen für sie völlig normal zu sein. Blutende Füße, Muskelzerrungen und Entzündungen gehören zum Alltag eines jeden Balletttänzers. Verletzungen bei Männern werden häufig durch die Landungen nach einem Sprung verursacht.

Auf der Bühne werden Muskelkater und schmerzende Zehen dann einfach weggelächelt. Immer positiv zu sein, darauf komme es an. Und wenn es das Ballett verlangt zu lächeln, dann müsse Martí das eben tun - egal ob die Arme nach einer Hebefigur wie Feuer brennen.

Magische Momente

Martí springt in die Luft, er dreht sich zweimal um die eigene Achse und kommt dann federleicht auf dem Boden auf. Wenn Martí tanzt, ist er frei.

„Magische Momente erlebe ich nicht oft. Trotzdem genieße ich jedes einzelne Mal, wenn ich auf der Bühne stehe. Aber es passiert nur ganz selten, dass ich alles um mich herum dabei vergesse.” In diesen Augenblicken ist er eins mit der Musik, fühlt sich, als könne ihm die Schwerkraft nichts anhaben. Bei den etwa 110 Auftritten in der Ballett-Saison passiert das nur wenige Male. Denn um der Magie freien Lauf zu lassen, muss alles perfekt sein – Das Ballettstück, die Partnerin oder der Partner, die Musik…

Wenn Martí auf der Bühne steht, haben sich all die harten Proben gelohnt | Bild: Julia Weiland

Die Magie des Balletts erlebte Martí zum ersten Mal, als er drei Jahre alt war. Gemeinsam mit seiner Familie besuchte er „Peter Pan“, eine Ballettaufführung in seinem kleinen Heimatdorf. „Ich sah, wie er über die Bühne flog und sah all die Magie um ihn herum. Und da wusste ich: Ich möchte fliegen, genau wie Peter Pan.“ Seit dem Erlebnis tanzt Martí.

Doch Ballett ist viel mehr als nur diese Augenblicke. Hartes Training und körperliche Hochleistungen sind ständige Herausforderungen. „Wir sind Schauspieler. Wir müssen mit unserem Körper eine Geschichte erzählen.”

Harte Arbeit, wenig Freizeit

Leben kommt in die Runde. Die Ballettstangen werden zur Seite geschoben. Der Pianist beginnt zu spielen: „Probier´s mal mit Gemütlichkeit.“ Die Stimme des Trainers schallt durch den Raum „Und hop, hop, hop!“ Gleichzeitig springen die Tänzer in die Luft. Für einen kleinen Moment scheint die Zeit stehen zu bleiben, bis sie mit einem dumpfen Geräusch wieder auf den Boden zurückkehren. Acht Stunden trainiert und probt Martí jeden Tag im Stuttgarter Opernhaus. Viel Zeit für andere Dinge bleibt dabei nicht. Bereits in seiner Kindheit trainierte er abends lieber im Studio als mit Freunden auszugehen. Disco und Alkohol waren nicht sein Ding. Seine Sucht: Das Ballett. „Es ist besser, vom Ballett abhängig zu sein als von Alkohol, oder?“, schmunzelt er. Einen Plan B gab und gibt es für ihn nicht.

Das Ballett sei wie ein Geben und Nehmen. Ein bisschen wie in einer Beziehung. All der Schweiß und die Aufopferung, die ihn das Ballett täglich kostet, lohnen sich am Ende des Tages immer. Der Stress fällt langsam von Martí ab, er konzentriert sich ganz auf den Tanz. „Manchmal geht alles außerhalb des Balletts schief. Dann kommst du hierhin und der Pianist spielt deinen Lieblingssong. Du bewegst deinen Körper und die schlechte Laune ist wie weggeblasen. Das macht mich glücklich.”

Dass Martí heute ein selbstsicherer junger Mann ist, verdankt er vor allem seiner Familie. Mama, Papa und seine zwei Brüder waren schon immer seine größten Fans. „Sie haben niemals von mir verlangt, mit dem Tanzen aufzuhören. Durch sie bin ich überhaupt erst zum Ballett gekommen. Es gab so einige Menschen, die mich davon abbringen wollten, aber meine Familie hat mich immer unterstützt.“ Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, als er von seiner Familie in Spanien erzählt.

Der prüfende Blick in den Spiegel

Mittlerweile hat Martí den Jogginganzug gegen eine hautenge Leggings, ein T-Shirt und ein Paar schwarze Ballettschuhe eingetauscht. Konzentriert betrachtet er sich in dem großen Spiegel, der sich über die komplette Wand erstreckt. „Wir Tänzer verbringen jeden Tag viele Stunden lang vor dem Spiegel. Natürlich haben wir mehr Komplexe als andere Menschen.“ Da komme es schon mal vor, dass er sich unwohl in seinem Körper fühle, meint Martí. An solchen Tagen muss er lernen, einfach nicht hinzuschauen. Dann geht es meistens leichter.

Unwohl fühle er sich zum Beispiel dann, wenn er vor dem Training zu viel gegessen habe. „Ich zähle keine Kalorien“, nuschelt Martí, während er sich beim Mittagessen genüsslich eine Portion Nudeln mit Tomatensoße reinschaufelt. Aber natürlich versuche er, sich gesund zu ernähren.

Wenn er tanzt, scheint Martí seinen Körper vollkommen zu beherrschen. Jede Bewegung ist perfekt koordiniert. Sein athletischer Körper zeichnet sich unter der engen Ballett-Kleidung ab. Bei jeder Übung lässt sich die Anstrengung in seinen Muskeln erkennen. Aber es ist noch etwas Anderes, mit dem Martí die Zuschauer in seinen Bann zieht. Es ist viel mehr als nur eine perfekte Technik. Da ist etwas, dass sich schwer in Worte fassen lässt. Er schwebt auf einer Wolke aus Kraft, Leidenschaft und Begeisterung, die ihm einen spürbaren Auftrieb verleiht.

Das Leben als Balletttänzer ist jedoch gleichzeitig auch mit einem sehr hohen Risiko verbunden. Eine falsche Bewegung, ein falscher Sprung kann für sein Karriere-Aus sorgen. Und das von der einen Sekunde auf die andere. Dieses Risiko schwirrt in seinem Kopf herum, gut getarnt wie ein grünes Chamäleon, dass sich zwischen den Blättern eines Baumes versteckt. Fast nicht zu sehen, aber dennoch da. „Wenn du einen Plan B hast, wird Plan A nicht funktionieren”, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Wenn mir etwas passiert, wenn ich von heute auf morgen nicht mehr tanzen kann, hätte ich keine Idee, was ich den Rest meines Lebens machen würde”, erklärt er und schaut dabei verträumt in die Ferne. Martí denkt nicht einmal darüber nach, was morgen sein könnte. Er schaut in die Ferne und lächelt.