Erleichterung nach einem Wettkampf - Lena (links) und ihr Guide Delia (rechts) sind ein tolles Team. | Bild: Theresa Stumpf

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"Das Leben ist wie ein Wettkampf - Man muss zu jedem Zeitpunkt alles geben!"

Erleichterung nach einem Wettkampf - Lena (links) und ihr Guide Delia (rechts) sind ein tolles Team. | Bild: Theresa Stumpf

17 Mar 2020

Lena Dieter macht Triathlon. 2017 wurde sie Dritte bei den Europameisterschaften in Kitzbühel und belegte gleich zwei Jahre hintereinander den ersten und zweiten Platz beim Paratriathlon World Cup in Frankreich.  Das Besondere an Lena: Sie kann von Geburt an nicht sehen.

Doch woher nimmt Lena all die Kraft und vor allem wie geht sie mit dem täglichen Druck um, der auf ihr lastet?

Theresa Stumpf

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2018
MusikKulturGesellschaft

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Was ist für dich persönlich die größte Herausforderung, die du täglich bewältigen musst?

Eine Herausforderung ist es, dass die Straßenbahnen oft nicht barrierefrei sind. Also dass man zum Beispiel, wenn man am Gleis steht, nicht weiß, wann welche Bahn kommt.

Zum anderen sind es aber oft Vorurteile, die andere Menschen haben, dass man die überwindet. Oft muss man denen erklären, dass man „nur“ nicht sehen kann und nicht auch geistig eingeschränkt ist. Viele trauen mir auch viel weniger zu, als ich eigentlich kann. Es stimmt halt schon, dass es nicht selbstverständlich ist, so gut im Alltag klarzukommen, wie das jetzt bei mir der Fall ist. Dabei wird mir immer wieder bewusst, was meine Eltern für eine Arbeit geleistet haben.

In welcher Situation merkst du das konkret, dass jemand dir gegenüber voreingenommen ist? 

Wenn man sich das erste Mal begegnet, dann sind viele Leute sehr befangen. Die trauen sich oft gar nicht so, ihre Ängste zu äußern. Häufig kommen sie hinterher auf mich zu und sagen dann: „Wir haben uns das ganz anders vorgestellt, das ist ja super, wie das alles klappt.“

Wie schaffst du es trotz der Hemmungen, die andere Menschen dir gegenüber oft haben, so zielstrebig und motiviert durchs Leben zu gehen?

Ich schaue eben schon, dass ich mir auch Ruhephasen suche. Und natürlich macht mir das auch Spaß, was ich in meiner Freizeit mache. Klar gibt es auch Tage, an denen man mal nicht so Lust hat und nicht so gut aus dem Bett kommt. Aber vor allem mein Studium macht mir echt Spaß (Lena studiert Französisch und Englisch auf Lehramt an der Universität Mannheim). Und dass mein Guide, die Delia, so motiviert ist, gibt mir auch nochmal einen Schub. Dann bin ich motivierter fürs Training und meinen Tag.

Inwiefern gibt dir dein soziales Umfeld Halt und Motivation in deinem Alltag?

Meine Mama vor allem, die motiviert mich täglich. Meine Eltern sind generell sehr durch-getaktet. Ich denke, ich habe das quasi in die Wiege gelegt bekommen.

Und auf jeden Fall die Delia, mit der habe ich echt eine Freundschaft geschlossen. Dann noch meine zwei besten Freundinnen. Und letztes Jahr habe ich bei einem Triathlon einen Freund kennengelernt, mit dem schreibe ich auch fast jeden Tag.

In welchen Momenten zweifelst du trotz all der Unterstützung manchmal an dir?

Vor Wettkämpfen kommt das schon mal vor. Da hab ich öfter mal Heimweh. Ich war jetzt letztens erst fünf Tage in Berlin auf einem Kaderlehrgang. Dort hat dann aber alles gut geklappt. Im Vorfeld hatte ich allerdings schon irgendwie Angst, dass zum Beispiel der Delia was passiert oder es ihr mal nicht gut geht und ich dann keine Hilfe holen kann. Dort kenne ich mich eben nicht aus, da müsste mir dann jemand helfen. Die Delia musste mir dann zum Beispiel auch am Buffet helfen. Das stört mich dann schon manchmal, diese Abhängigkeit. Vor allem wenn man von zu Hause gewohnt ist, alles alleine zu machen.

Was geht dir während eines Wettkampfes durch den Kopf?

Wenn ich richtig aufgeregt bin, habe ich tatsächlich gar nichts im Kopf. Dann versuche ich einfach immer, von Schritt zu Schritt oder von Zug zu Zug zu denken. Aber je länger und monotoner die Distanzen werden, zum Beispiel beim Laufen, desto mehr versuche ich, mich abzulenken. Ich bin schon schneller, wenn ich jetzt nicht die ganze Zeit an den Wettkampf oder an die Platzierung denke. Wenn ich zum Beispiel ein spannendes Seminar an der Uni habe, dann denke ich darüber nach oder wiederhole Prüfungsinhalte.

Mittlerweile bist du ja ziemlich erfogreich im Triathlon. Wie kommst du mit dem Druck klar, der dabei auf dir lastet?

Der Druck wird eben höher, je mehr Leute davon erfahren. Dann interpretieren sie da direkt was rein und erwarten einen Erfolg beim nächsten Wettkampf. Die Interpretation ist aber nicht immer gleich dem, was dann wirklich passiert. Ich habe ja angefangen, einfach hier auf Hessenebene. Von daher ist das im Vergleich zu jetzt schon irgendwie eine Umstellung. Aber ich versuche mir immer noch zu sagen, dass das ein Hobby ist, was auch Spaß machen soll. Und wenn das nicht mehr gegeben ist, muss ich mir überlegen, wie ich da wieder hinkomme.

Wolltest du schon einmal mit dem Triathlon aufhören?

Ja, schon ein paarmal.

In welchen Situationen denn konkret?

Vor allem, wenn ich Stress im Alltag habe und dann sagt noch jemand im Training was Doofes zu mir. Bei mir ist das so, ich stehe nicht jeden Morgen auf und überlege mir, was ich noch besser machen kann für die Paralympics nächstes Jahr. Ich denk mir dann eher ‘Oh cool, heute Abend ist Schwimmtraining mit dem und dem…‘ Und wenn dann im Training noch ein Spruch von meinem Trainer kommt, so nach dem Motto ‘Oh, du kannst gut schwimmen, das ist ja dann perfekt für die Paralympics‘, dann wird der Druck natürlich nochmal größer. Dadurch werde ich immer an den Wettkampf erinnert und die ganzen Erwartungen, die die Leute an mich haben. Dann kommt es schon manchmal vor, dass ich keinen Bock mehr habe und mir das alles zu viel wird.

Was macht dir Angst, wenn du an deine Zukunft denkst?

Wenn ich an mich und an mein näheres Umfeld denke, habe ich natürlich Angst, dass jemand krank wird. Ich hoffe, dass wir alle gesund bleiben. Und ich habe natürlich Angst, dass ich als Lehrerin keine Stelle bekomme. Ich denke mal als Blinde ist das genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich wie für jemand Sehenden. Ich hoffe einfach, dass ich eine Schule finde, die bereit ist, mich einzustellen. Und klar, ich habe natürlich auch Angst, durch Klausuren zu rasseln, Hausarbeiten nicht zu bestehen oder dann auch keinen Masterstudienplatz zu kriegen.

Mit der Zeit lernt man aber auch irgendwie, mit diesen Ängsten umzugehen. Und natürlich kann man nicht alles vorausplanen, manchmal verliert man einfach die Kontrolle, das ist auch eine meiner Ängste.

Wenn du anderen blinden Menschen einen Rat geben könntest, wie würde er lauten?

Dann würde ich sagen, dass sie auf der einen Seite immer darauf achten sollen, was um sie herum passiert. Auf der anderen Seite sollen sie aber auch versuchen, ihr Leben zu leben wie jeder andere Mensch auch. Ob mit oder ohne Behinderung. Und dass man nichts unversucht lassen soll. Ich finde, man lebt nur einmal. Und natürlich ist das Leben keinesfalls immer schön.

Das Leben ist wie ein Wettkampf. Und im Wettkampf muss man auch zu jedem Zeitpunkt alles geben. – Lena Dieter

Was ich zum Beispiel einem blinden Menschen raten würde, ist, einfach zu jedem Zeitpunkt versuchen, alles zu geben und das Beste daraus zu machen. Man sollte aber natürlich nur das geben, was man auch geben kann. Wenn man alles gibt und dann nach 20 Jahren schon völlig ausgelaugt ist, dann ist das natürlich auch blöd. Das macht man ja auch nicht im Wettkampf, am Anfang gleich alles rauszuhauen.

Und was ich noch einem blinden Menschen raten würde: Gehe auf deine Mitmenschen zu, wenn du Hilfe brauchst und scheu dich nicht. Viele sind wirklich hilfsbereiter, als man am Anfang annimmt.

Würdest du von dir selbst behaupten, dass du glücklich bist?

Ja, ich würde von mir behaupten, dass ich glücklich bin. Ich achte auch sehr darauf, dass ich viel schlafe und mir auch Ruhephasen gönne. Im Neumodischen sagt man ja: Ich achte auf meine „Work-Life-Balance“. Außerdem mache ich in meiner Freizeit Dinge, die mich glücklich machen. Das mit dem Triathlon ist ja auch alles meine Freizeit.

Und was auch ganz wichtig ist, dass ich offen meine Meinung sage, wenn mir etwas nicht passt. Auch wenn ich merke, dass jemand anderes benachteiligt wird. Dann versuche ich, diesen Menschen zu helfen und auch über solche Themen mit anderen zu diskutieren. Wenn ich das machen kann, bin ich glücklich.