Der Kick nach Extremen
Hinweis
Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers zum Thema „Extremsport“.
Zum Dossier gehört außerdem folgender Beitrag:
- Das Extreme beginnt im Kopf – Eine Analyse, die sich mit verschiedenen Arten von Extremsport auseinandersetzt.
Extremsport erzeugt sofort Bilder im Kopf – Skispringen von steilen Klippen, Bungee-Jumping oder Bergbesteigungen auf dem Mount Everest. Oft begegnet man Extremsport mit Unverständnis: Warum begibt man sich für den Sport bewusst in lebensgefährliche Situationen?
Der Sportwissenschaftler und -psychologe Luca Hauser, welcher außerdem Beiträge zu Sportwissenschaft auf COMP(L)ETE veröffentlicht, kann diese Frage beantworten. Häufig suchen Extremsportler*innen danach, unabhängig und frei von gesellschaftlichen Zwängen in der Natur zu sein. Menschen betreiben Extremsport nicht nur wegen dem sogenannten Sensation-Seeking, sondern auch um sich persönlich weiterzuentwickeln.
Sensation-Seeking bezeichnet das aktive Suchen nach neuen und abwechslungsreichen Reizen. Dafür erklären sich viele Menschen bereit, physische Risiken in Kauf zu nehmen.
Quelle: Dorsch – Lexikon der Psychologie
Eine Übersichtsarbeit aus 2024 analysiert 35 Studien, um die verschiedenen Gründe herauszufinden, was Menschen trotz Risiken im Extremsport dazu motiviert. Die Ergebnisse werden in fünf Motivationsfaktoren unterteilt.
Was die meisten Motive prägt und verbindet, ist wie mit Angst umgegangen wird. Angst wird im Extremsport nicht als negativer Affekt verstanden, sondern eher als ein Warn- und Informationssystem. Es gibt Studien, welche zeigen, dass Extremsportler*innen zwischen funktionaler und dysfunktionaler Angst unterscheiden können. Unter funktionaler Angst wird verstanden, dass man trotz Angst handlungsfähig oder sogar fokussiert bleibt. Beispielsweise wenn man beim Eisklettern spürt, dass man abrutschen könnte und dadurch vorsichtiger wird. Dysfunktionale Angst hingegen wirkt eher als Blockade, bei der die Fähigkeit zu handeln eingeschränkt wird. „Die erfolgreiche Überwindung der Angst kann dabei zu einem tiefen Belohnungsempfinden führen“, erklärt Hauser. Im Extremsport ist es eine wichtige Kompetenz, Angst zu akzeptieren und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.
Alles für Adrenalin
Das Hormon Adrenalin spielt eine große Rolle hinter der körperlichen und psychischen Reaktion bei Extremsport. Adrenalin ist auch als „Stresshormon“ bekannt und wird in Stress- und Gefahrensituationen ausgeschüttet. Der Blutzucker wird erhöht, die Bronchien erweitern sich, das Herz pumpt schneller und der Blutdruck steigt – alles, um den Körper leistungsfähiger zu machen. Adrenalin erlaubt es kurzzeitig über seine Grenzen zu gehen. Beispielsweise, wenn Extremsportler*innen eine nahezu unmöglich zu erklimmende Felswand entgegensteht. Bei Gefahr- und Stresssituationen wird nicht nur Adrenalin freigesetzt, sondern auch Cortisol. Dieses stellt längerfristig Energie bereit. Den „Kick“, den man spürt wenn die Stresshormone ausgeschüttet werden, löst bei vielen Extremsportler*innen Glücksgefühle aus – deswegen suchen diese gezielt danach.
Allerdings bleibt der Adrenalinschub, wenn man länger Extremsport ausübt, nicht stetig: Der Körper reagiert nicht mehr so stark auf Gefahr wie davor. Wenn dieselbe riskante Aktion wiederholt ausgeführt wird, nimmt die Erregungsreaktion ab. Menschen mit besonders hoher Sensation-Seeking-Präferenz suchen deswegen nach noch stärkeren Reizen. Bei erfahrenen Extremsportler*innen ist es überraschenderweise oft das Gegenteil: Ein starker Adrenalinkick kann die Präzision beim Sport verhindern, da man auf die wichtigsten Fähigkeiten eingeschränkt wird.
Gesund oder selbstgefährdend?
Was ein gesundes Risikobewusstsein von selbstgefährdendem Verhalten unterscheidet, ist, wie gut man sich vorbereitet, plant und reflektiert. Es ist wichtig, Gefahren realistisch einschätzen zu können und die eigenen Fähigkeiten nicht zu überschätzen. Ebenfalls sollte man dazu bereit sein, das Vorhaben abzubrechen, wenn ein Risiko droht. Beispielsweise, wenn schlechtes Wetter bei einer Bergtour vorhergesagt wird. Wenn sich Extremsportler*innen nur auf Glück verlassen und ihre eigenen Fähigkeiten nicht ausreichend einschätzen können, kann es gefährlich werden.
Neben den physischen Gefahren in extremen Sportarten, können psychische Folgen auftreten. In diesem Zusammenhang wird von Expert*innen, sowie Sportler*innen die Sportsucht diskutiert. Menschen mit einer Sportsucht trainieren übermäßig – teils sogar trotz Verletzungen oder Erschöpfung. Zum Beispiel, wenn Eiskletter*innen weitertrainieren, obwohl sie sich an der Hand verletzt haben. Oftmals vernachlässigen Betroffene durch den Sport ihre sozialen Kontakte, Arbeit oder eigenen Bedürfnisse. Der Sport wird zum zentralen Teil ihres Lebens, und wenn Betroffene nicht trainieren, löst dies Schuldgefühle aus. Die genauen Ursachen hinter einer Sportsucht sind unbekannt. Ebenfalls wird die Sportsucht weder als Diagnose noch als psychische Störung anerkannt. Wichtig ist anzumerken, dass dies keine direkte Folge von Extremsport ist und mit jeder Sportart auftreten kann. Trotzdem könnten Merkmale, wenn man Extremsport ausübt, wie Sensation-Seeking oder Impulsivität, mit Suchtmustern überschneiden. Damit wird sichtbar, wie wichtig bewusste Kontrolle im Sport ist.
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Es könnte auch gesundheitliche Chancen geben, die durch Extremsport entstehen können. Bei Extremsportarten wie Eisklettern muss man seine Emotionen und Fähigkeiten unter Kontrolle haben. Kann Extremsport genau deswegen positive Auswirkungen auf die mentale Gesundheit haben oder vielleicht sogar therapierend auf die Psyche wirken? „Extremsport weist tatsächlich Parallelen zu therapeutischen Interventionsformen wie der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) oder Expositionstherapien auf“, beantwortet Hauser. „Extremsportler*innen lernen, Angst differenziert wahrzunehmen und zu akzeptieren, anstatt sie zu vermeiden. Diese Form der aktiven Emotionsregulation kann das allgemeine psychische Wohlbefinden sowie die Resilienz steigern.“
Für Sportler*innen, die wiederholt sogenannte „Flow-Momenten“ erleben, können positive Effekte auftreten. Wenn gefährliche Herausforderungen erfolgreich abgeschlossen werden, kann besser an die eigene Wirksamkeit geglaubt und somit auch der Umgang mit alltäglichen Aufgaben gestärkt werden.
Zwischen Adrenalin und Kontrolle
In Extremsituationen zeigt sich, wie wichtig die Kontrolle über den eigenen Körper ist. Jede Entscheidung und jeder Fehler könnte gefährlich werden, wenn man sich nicht genügend konzentrieren kann oder nicht ausreichend vorbereitet ist. Der Adrenalinschub kann zwar kurzzeitig helfen, aber ersetzt nicht Erfahrung und Körpergefühl. Vor allem kann ein langandauender erhöhter Adrenalinspiegel schlecht für den Körper und die Psyche sein. Dadurch können Herz-Kreislauf-Probleme, sowie Angstzustände, Schlaflosigkeit und ständige Nervosität auftreten. Deshalb ist es im Extremsport besonders wichtig, bewusst mit Stress umzugehen, Pausen einzulegen und auf die Signale des eigenen Körpers zu achten.
Beim Eisklettern muss jede Bewegung mit Pickel und Steigeisen bewusst gesetzt und jede Entscheidung genau abgewogen werden. Nur wenn Körper, Psyche und kontrollierte Emotionen zusammenwirken, bleibt man auch unter Angst handlungsfähig – genau das macht den Reiz des Extremsports aus.