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Kultur&Gesellschaft

Leben zwischen zwei Welten
Ich bin einfach ein "Zwischending"

Qendrim Beqiri identifiziert sich mit zwei Kulturen, die sich nicht so leicht vereinen lassen. | Bild: Florian Buck

Leben zwischen zwei Welten Ich bin einfach ein "Zwischending"

Qendrim Beqiri identifiziert sich mit zwei Kulturen, die sich nicht so leicht vereinen lassen. | Bild: Florian Buck
 

28 Jan 2021

Wie viele Jugendliche mit Migrationshintergrund lebt Qendrim Beqiri von klein an mit einer hybriden Identität. Er fühlt sich zwei kulturellen Räumen gleichermaßen zugehörig und versucht beide Identitäten zu vereinen. Ein Gespräch über Kultur und Identität.

Eileen Wagner

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2019
Journalismus

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Da sitzt er. Qendrim Beqiri, junge 21 Jahre alt, blasse, weiße Haut und lindgrüne Augen. Nichts an ihm verrät, aus welchem Land er kommt. Als Fremde würde ich auf Deutschland oder Norwegen tippen aber wir kennen uns. Wir sind schließlich ein Paar. Geboren ist Qendrim in Deutschland. Seine Eltern sind 1991 aus dem Kosovo nach Deutschland immigriert. Seitdem sucht Qendrim nach einer Antwort auf seine Identitätsfrage.

Du lebst hier in Deutschland, bist aber im Sommer oft in Kosovo, zu Besuch bei deiner Familie. Welches Land ist für dich Heimat?

(Zögert.) Schwierige Frage. Also ich glaube, dass ich eher zu Deutschland tendieren würde. Ich kenn halt ziemlich viele Albaner und da würde ich sagen, dass es schwer ist, jemanden zu finden, der so integriert ist wie ich.

Was bedeutet Integration für dich?

Durch die Integration habe ich mich mit der Zeit ziemlich verwestlicht, deswegen sehe ich einige konservative Sitten eher als altmodisch. Und die unterstütze ich auch nicht so. Für mich bedeutet Integration, dass ich von beiden Welten das Beste nehme und irgendwie versuche zu kombinieren.

In unserer Beziehung leben wir beide in einer hybriden Identität. Qendrims Eltern kommen aus Kosovo, meine aus Taiwan und Deutschland. Trotzdem sehen wir uns beide als Deutsche, weil wir hier aufgewachsen sind. Wenn wir dann aber im Gespräch sind, schmunzeln wir gerne über deutsche Eigenarten: „Ach die war schon wieder so geizig“, erzähle ich lachend. „Typisch schwäbisch“, erwidert Qendrim mit einem großen Grinsen. Offensichtlich sind wir nicht so deutsch, wie wir immer von uns behaupten. Viele Eigenschaften haben wir uns durch die familiäre Kultur angeeignet.

Du sprichst hier von Welten. Was unterscheidet die eine Welt von der anderen?

In Deutschland kann man als Individuum ein freies und ausgefülltes Leben führen. Während man in Kosovo früher als Familie immer versucht hat, finanziell zu überleben. Deswegen verbinde ich Deutschland eher mit der Selbstverwirklichung und Freiheit. Und Kosovo verbinde ich eher mit der familiären Verpflichtung.

Wie fühlt es sich an, zwischen zwei so unterschiedlichen Welten zu leben?

Es ist ziemlich witzig, weil man auch von Menschen mit anderen Migrationshintergründen hört, dass es immer heißt: Ausländer hier, Ausländer dort. So nach dem Motto: In Deutschland bist du der Albaner und in Kosovo der Deutsche. Aber ich denke mir halt, ich bin einfach beides. Damit kam ich bisher am besten klar.

In Deutschland bist du der Albaner und in Kosovo der Deutsche. – Qendrim Beqiri

In Deutschland der Albaner, in Kosovo der Deutsche. Fühlst du dich in deiner Position ausgeschlossen?

Nein, absolut nicht. Den ganzen Tumult hinter dem Maifest habe ich zum Beispiel noch nie verstanden. Und wenn ich dann in Kosovo bin, gibt es auch Dinge, wie religiöse Praktiken, hinter denen ich einfach nicht stehe. Also, ich würde da nicht sitzen und traurig sein, kein Teil davon zu sein, sondern ich schaue mir das Ganze einfach interessiert an und akzeptiere es einfach.

Fühlst du manchmal den Druck, sich beiden Kulturen anzupassen?

An sich schon. Beim Albanischen kommt der Druck eher von der Familie, weil sie von mir erwarten, dass ich die albanische Kultur verinnerliche. In Deutschland kommt der Druck eher von der Gesellschaft. Aber das krieg ich nicht so hart zu spüren.

Warum?

Bis auf meinen Namen erkennt fast niemand, dass ich nicht deutsch bin. Dadurch krieg ich das Ganze eigentlich nicht wirklich zu spüren. Hier muss ich mich nicht unbedingt anpassen.

Siehst du das als einen Segen, dass du nicht so „ausländisch“ aussiehst?

(Lacht.) Ich habe mir eigentlich noch nie Gedanken darüber gemacht, wie das Ganze jetzt wäre, wenn ich eine dunklere Hautfarbe oder einen Bart hätte und dann aussehen würde wie der 0815-Südländer. Aber ich sehe das schon als Segen, weil es mir doch ein paar Dinge leichter macht. Klingt zwar bisschen hart, aber ich glaube, einige Menschen haben schon noch ein Problem mit südländisch aussehenden Menschen. Ich weiß nicht, ich bin halt zufrieden mit dem, was ich bin.

Eine Frage, die Menschen mit hybriden Identitäten oft hören müssen ist: „Woher kommst du wirklich?“ Was hältst du von dieser Frage?

Ich sehe das nicht als Beleidigung. Ich sag dann einfach, dass ich aus Deutschland komme, weil ich gebürtiger Ulmer bin. Und dann sag ich noch, wo ich meine Wurzeln herhabe.

Du würdest deine Wurzeln also immer mit einbeziehen?

Absolut. Das ist schon ein großer Teil von mir, der auch einiges in meinem Leben mitbestimmt. Deswegen kann ich die kosovarische Herkunft jetzt nicht einfach verleugnen. Und das will ich auch nicht.

Vor vier Jahren, mein erster Besuch bei der Familie Beqiri: Aus der Küche duftete es nach frischem Gebäck. Die Mutter war gerade dabei albanischen, traditionellen Kaffee zu kochen und Kuchen aufzuschneiden. Die restliche Familie saß auf dem Sofa und winkte mir freundlich zu. Nach etwas Smalltalk, begab ich mich in die Küche, um der Mutter auszuhelfen. Darauf nickte mir der Vater zu. Ich dachte mir damals, ich hätte wohl etwas richtig gemacht. Von Qendrim erfuhr ich zwei Jahre später, dass es in großen Teilen von Kosovo noch patriarchalische Sitten gibt, die den Frauen vorschreiben, sich um den Haushalt zu kümmern. Zu meinem Glück sieht das Qendrim viel lockerer.

Das Thema der Zugehörigkeit und Identität ist besonders für Kinder und Jugendliche mit Migrationserfahrungen in der Familie mit Konflikten verbunden. Gab es bei dir auch mal einen Moment, in dem du durch deine Mehrfachzugehörigkeit in einen Konflikt mit deinen Eltern gekommen bist?

Ja (lacht). Da gab es sogar ziemlich viele. Meistens sind es die unterschiedlichen Gedankengänge, die zu Konflikten führen. Deutsche Eltern finden es zum Beispiel normal, wenn ihre Kinder mit 15 oder 16 anfangen zu trinken. Bei mir war erstmal die Hölle los, als ich das erste Mal mit meinen Freunden lange draußen unterwegs war. Mein Vater hat mich immer angerufen und ich musste klären, wie ich heim komm. Und wenn du mit Deutschen im Freundeskreis aufwächst, siehst du die Dinge halt auch ähnlich und möchtest so sein wie sie. Dann stören dich diese leichten Einschränkungen.

Ist es möglich, die unterschiedlichen Werte zu vereinen?

Die deutschen Werte lernst du im Kindergarten, in der Schule, von Freunden und der Freundin. Die Werte werden dir allgemein von der Umwelt vermittelt. Die albanischen Werte bekomme ich dagegen von meinen Eltern gezielt weitergegeben. Dann steht man so bisschen im Zwiespalt, weil sich einige Werte einfach nicht miteinander vereinen lassen. Dadurch muss man sich für eine Seite entscheiden.

Hast du dich schon für eine Seite entschieden?

Nein und das will ich auch nicht. Als Kind sah ich mich doch deutlich mehr als Albaner, weil meine Eltern und Verwandtschaft ziemliche Patrioten sind. Da kriegt man das als Kind eingetrichtert. Mit dem Alter habe ich dann angefangen, Deutschland für die Freiheit, die ich hier genießen kann, zu schätzen. Also, ich habe immer noch meinen albanischen Touch, sehe aber ein paar Dinge anders. Ich bin einfach ein „Zwischending“ und versuche das Beste aus beiden Seiten zu ziehen.