Immer mehr Pestizide werden eingesetzt, um Insekten zu vertreiben. | Bild: Tom Beyer

edit.Challenge Artenrückgang
Das leise Sterben

Immer mehr Pestizide werden eingesetzt, um Insekten zu vertreiben. | Bild: Tom Beyer

09 Dec 2019

Das Leben in einer modernen und wirtschaftlich starken Welt bringt ständig Vorteile. Doch die biologische Vielfalt leidet unter dem Einfluss der Menschen. Das Insektensterben ist heute ein ernsthaftes Problem. Aber wer ist dafür verantwortlich und wie gehen wir mit der Herausforderung des Insektensterbens um?

Tom Beyer

Crossmedia-Redaktion-Public Relation
seit Sommersemester 2019
NaturwissenschaftenDesign

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Unser Ökosystem beinhaltet eine Vielzahl von Insekten mit verschiedenen Aufgaben: Sie dienen als Nahrungsquelle, Regulatoren für die Natur und sorgen für die Bestäubung der Pflanzen. Laut dem Bundesinformationszentrum für Landwirtschaft (BZL) sind etwa 80 Prozent der Wildpflanzen abhängig von der Insektenbestäubung. Natur und Mensch leiden also unter dem Schwund der Insekten. Denn nicht nur wir Menschen würden wichtige Nutzpflanzen und dadurch die Sicherung der Ernährung verlieren, sondern auch Vögel ihre Nahrung. Die Folgen eines beschädigten Ökosystems wären fatal.

Heute ist es jedoch schwierig zu sagen, wer genau für das massenreiche Insektensterben verantwortlich ist. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) stellt in seinem Agrar-Report 2017 dar, dass die Insektenanzahl in der Agrarlandschaft am stärksten rückläufig ist. Grund dafür, ist der Einsatz von schädlichen Pestiziden und intensiver Landwirtschaft. 

Professor Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) ist besorgt um die Zukunft der Insekten: "Insektizide in Kombination mit anderen Faktoren, wie zum Beispiel Krankheiten und Klimawandel, können zu dem Knock-out führen, der sich oft gravierend auf die Insektenwelt auswirkt." Die Insektizide, Pestizide, die zur Abtötung und Vertreibung von Insekten benutzt werden, sind dementsprechend einer der Gründe, warum die Insektenbestände zurück gehen.
 

Anteil rückläufiger Insektenarten im Jahr 2019 Anteil einzelner Insekten von 41% rückläufiger Insektenarten im Jahr 2019 | Bild: Eigene Darstellung mit visme.de, Quelle der Daten: Biological Conversation 2019 F. Sánchez-Bayo, K.A.G. Wyckhuys

In der aktuellen Studie von Wolfgang Weisser und Sebastian Seibold vom Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie an der TU München wird klar, dass der Insektenschwund sich über knapp drei Jahrzehnte zieht. Zwischen 1989 und 2016 hat die Gesamtmasse der Insekten in Deutschland um mehr als 75 Prozent abgenommen.

Vergleich Biomasse 1989 und 2016 Die Menge der gesammelten Insekten hat im Jahr 2016 im Vergleich zum Jahr 1989 stark abgenommen. | Bild: Eigene Darstellung mit visme.de, Quelle der Daten: Sorg et al, 2013 Entomologischer Verein Krefeld

Sind jedoch auch positive Entwicklungen zu verzeichnen? Ja, denn das Insektensterben wird oft mit dem Bienensterben verglichen, tatsächlich sind Bienen nicht mehr vom Aussterben bedroht. Kurt Mailänder, Vorsitzender des Imker-Vereins Stuttgart, erläutert, dass es kein Honigbienensterben gebe. In den letzten acht Jahren sei die Imker-Anzahl in Stuttgart von 142 auf 340 erhoben worden.

Tatsächlich muss zwischen Wildbienen und gezüchteten Bienen unterschieden werden. Denn wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland berichtet, ist es laut dem Bundesnaturschutzgesetz  verboten, Wildbienen nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen, zu töten oder ihre Entwicklungsformen, Nist-, Brut, Wohn-, oder Zufluchtsstätten der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören. Genauso wie Insekten sind auch Wildbienen durch die industrielle Landwirtschaft bedroht.

"Spannen Sie nicht den Sympathieträger Honigbiene vor den Karren." – Kurt Mailänder

Schlussendlich stellt sich die Frage, wie man die Herausforderung des Insektensterbens konfrontieren soll. Laut Professor Josef Settele bestehe der Vorteil bei Insekten, dass sich verschiedene Arten unter guten Bedingungen sehr schnell erholen werden. Die Lebensräume müssen besonders geschützt und erhalten werden. Verschiedene Taten erleichtern den Druck auf die Insektenwelt enorm. Der Konsum der Menschen spielt dabei eine wichtige Rolle. Durch den Kauf von kostengünstigen Nahrungsmitteln und Billigfleisch wird die intensive Landwirtschaft stets unterstützt. Auch im eigenen Haushalt muss der Einsatz von Pestiziden gedrosselt werden. Ein weiterer Punkt sind die Landwirte selber. Ein Kompromiss zwischen Politik und Landwirtschaft muss gefunden werden, damit Familienbetriebe nicht durch zu teure Agrarpolitik zu Grunde gehen.

 

"Die Balance zwischen Freiwilligkeit und Gesetzesvorhaben muss gefunden werden." – Prof. Dr. Josef Settele, Animal Ecology and Social-Ecological Research

Um das Insektensterben aufhalten zu können, müssen weitere staatlich-unterstützte Projekte gestartet werden. Darüber hinaus muss Druck auf die Politik ausgeübt werden, um striktere Massnahmen in der Landwirtschaft durchzusetzen. Um in Zukunft noch Schmetterlinge im Frühling fliegen zu sehen, ist es nötig, mehr Engagement dem Insektenschutz zu widmen.