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Kultur&Gesellschaft

Alltagswahnsinn
„5 Gramm Zukunft, bitte!“

MEINUNG
Kartenliebhaber? Damit bin ich in Deutschland wohl in der Minderheit! | Bild: Tom Klose

Alltagswahnsinn „5 Gramm Zukunft, bitte!“

Kartenliebhaber? Damit bin ich in Deutschland wohl in der Minderheit! | Bild: Tom Klose
 

29 Mar 2022

Eine kurze Gedankenreise durch den alltäglichen Wahnsinn, genannt Leben. Heute: Die EC-Karte und unsere absurde Liebe zu Bargeld.

Tom Klose

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2021
ModerationPolitikKultur

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Ich stehe an der Kasse beim Metzger und schaue die Damen mit großen Augen an. „Bei uns nur Bar, keine Karte – tut mir leid.“ „Dann gehe ich kurz zur Bank, kein Problem“, sage ich, der alte EC-Karten-Enthusiast. Und lüge. Wie so oft, wenn es um dieses Thema geht. „Bargeld im Jahr 2022, wie oldschool“, denke ich mirOder habe ich als Mittzwanziger der Generation Y einfach zu hohe Ansprüche? Ich, dessen Uhr oder Smartphone mittlerweile auch schon längst als Kartenersatz dienen? Aber wir wollen ja niemanden überfordern. Die Metzgertüte lasse ich also stehen und laufe im Nieselregen zur Bank. Dort, wo es nicht nach Fleischkäse, sondern nach frisch gedruckten Scheinen riecht. 

Nirgends ist Bargeld so beliebt wie bei uns: Das zeigt eine Studie des schwedischen Zahlungsdienstleisters Klarna aus dem letzten Jahr. Nur 38 Prozent aller Deutschen zahlen lieber mit der Karte. Genau umgekehrt ist es in den skandinavischen Ländern. Hier ist Bargeld sowas, wie das Brötchen, das schon viel zu lange in der Auslage liegt: von gestern. Nur 9 Prozent der Verbraucher*innen in Schweden nutzen Bargeld noch lieber als die kleine, fünf Gramm schwere Plastikkarte. 

Liegt es an der Angst vor Neuem? Möglich. Dabei wissen wir doch über Kartenzahlung sicher mehr als zum Beispiel über Corona-Impfstoffe. Und doch sind Stand Mitte März über 63 Millionen Menschen geimpft. Zugegeben, der Vergleich hinkt. Würde die EC-Karte gegen ein gefährliches Virus helfen – wir würden sie sicher genauso häufig durchs Lesegerät ziehen, wie wir uns jetzt den Oberarm frei machen. Moment, der Chip in der Karte, die Impfung… Okay, dass führt zu weit. 

„Ich hab‘s passend.“ Bitte nicht. Nein. 

Vielleicht sind wir Deutschen einfach ein übermäßig traditionelles Volk. Vielleicht liegt bargeldloses Zahlen nicht in unserer IBAN, sorry, DNA. Ich weiß es nicht. Was ich weiß: Ich wünsche mir mehr Offenheit, wenn es um technologischen Fortschritt geht, kein kategorisches Abwinken. Und wer sagt, der alte Teil der Bevölkerung kann das mit der Kartenzahlung doch oft nicht - zu schwer, zu kompliziert - der schaut mit großen Augen nach Schweden. Ja, die Skandinavier haben es mir angetan: Dort soll Bargeld bis 2030 sogar komplett verschwinden. 

So weit würde ich nicht gehen. Mit Bargeld zahlen sollte weiterhin möglich sein. Auch aus sozialen Aspekten. Noch immer kann sich nicht jede*r in Deutschland ohne weiteres ein Konto erstellen. Oder was ist mit den Menschen, deren Konto gerade gesperrt, überzogen und nicht zugänglich ist? Da kann der Schein in der Hosentasche schon mal den Tag retten. 

Wieso also nicht endlich flächendeckend beides anbieten? So wie jetzt auch mein Metzger ums Eck. Als ich eine Woche später vor der Tür stehe und mir der Geruch von Leberkäse und Sauerkraut in die Nase steigt, lese ich allerdings das krakelige, handschriftlich geschriebene Schild: Kartenlesegerät defekt. Kein Witz. „Natürlich“, sage ich leise zu mir. Und laufe dieses Mal nicht zur Bank, sondern in den Supermarkt gegenüber. 

„Die haben auch Aufschnitt. Mir doch wurscht.“ 

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